Im Performeum in der Laxenburger Straße, dem zentralen Spielort der "neuen" Wiener Festwochen, ist die performative Installation oder auch installative Performance Nathi.Aha.Sasa angekündigt. Es geht um Flüchtlinge und afrikanische Kunst, um koloniale Verbrechen und postkoloniale Tristesse. Auf einer Landschaft aus Batik-Laken räkelt sich eine Künstlerin aus Ghana und malt Muster auf ein weißes Tuch. Das soll die Monotonie von Sklavenarbeit in eine visuelle Metapher kleiden. Sonst passiert nicht viel. Einmal rollt eine Frau mit einem Einkaufswagen durch die Halle und entsorgt unter erheblicher Lärmentwicklung Flaschen in einen Container. Performance? Weltanklage? Wer weiß das zu sagen? Als sich nach zwei Stunden Minimaldarstellerei die rund zwanzig Besucher, die nach und nach hereingetröpfelt waren, zum Aufbruch bereit machen, erscheint doch noch eine Performerin und stapelt 30 Minuten lang humanitäre Hilfsgüter zu einer Barriere übereinander.

Der ereignisarme Abend in Favoriten war kein Einzelfall, sondern symptomatisch für die Wiener Festwochen, nachdem sie Intendant Tomas Zierhofer-Kin glaubte, neu erfinden zu müssen. Immer wieder wurden Beginnzeiten nicht eingehalten, kamen Performer spät oder gar nicht und wenn, dann hielt meist der Nebbich Einzug. Da entpuppte sich etwa das groß angekündigte Diskurs-Event Gender Jihad in einer Hamam-Attrappe, für die ein aufblasbares Gummizelt aufgestellt worden war, als fröhliches Schwitzbad mit muslimischen Feministinnen. Eine Akademie des Verlernens rief zum Picknick, die Anti-Fascist Ballett School hüpfte gegen die rechte Gefahr. Auch das Spektakel House of Realness , das "queere ekstatische Praxis als Widerstand" feiern wollte, begnügte sich mit Powackelei, die einem leicht verschnarchten Erotik-Cabaret gut anstünde.

All dies wäre kaum der Erwähnung wert, hätte nicht der Neo-Intendant im Vorfeld seines Festivals mit emphatischer Geste Kunst-Revolutionen und Weltneuerfindungen in Aussicht gestellt. Ein "groß angelegtes geistiges wie sinnliches Experiment" sollten die Festwochen sein, an einer "Heterotopie postidentitärer Wirklichkeiten" wollte man arbeiten. Das Programmheft platzt geradezu vor lauter hermetischem Kuratoren-Rotwelsch aus allen Nähten. Man lässt die Modewörter der Saison über einen intellektuellen Laufsteg tänzeln und gestattet sich gelegentlich Ausflüge in entfesselte Gaga-Philosophie. Etwa, wenn das brasilianische Kollektiv Macaquinhos das Nord-Süd-Gefälle des eigenen Körpers erkundete: Der Anus wurde als gesellschaftlich delegitimierte Körperöffnung unter dem kolonialen Joch des Nordens identifiziert und sollte durch "choreographierte Körperpoesie" gerettet werden. Das dauerte eine Stunde und war nicht jugendfrei.

Besucher bekamen im Minutentakt Menschen, Tiere, Sensationen versprochen. Die künstlerische Praxis konnte allerdings nicht im Geringsten mit der Werbeprosa Schritt halten. Auch an herkömmlichen Spielorten der Festwochen, dem Theater an der Wien oder dem Museumsquartier, überwogen die Flops. Besonders katastrophal misslungen: Die "Übermalung" von Richard Wagners Parsifal durch den Kunstgrobian Jonathan Meese, der sich als Provokateur und Schlingensief-Nachlassverwalter verstanden wissen will. Seine Neudeutung des Weihespiels, überfrachtet mit Referenzen aus der Trivialkultur, provozierte aber höchstens die Frage: Wie ist es möglich, dass diese Art von postmoderner Spaßkultur im Stil der achtziger Jahre auch noch 2017 als erhellendes Dekonstruktionstheater angepriesen werden darf?

Die Wiener Festwochen wollten in der ersten Saison ihrer neuen Ära besonders niederschwellig und barrierefrei auftreten und erschlossen zu diesem Zweck dezentrale Spielorte weit weg von dem innerstädtischen Tempelbezirk der Elitekultur. Doch obwohl die Veranstalter im Vorfeld das Century of the Migrant ausgerufen hatten, konnte man Menschen mit Migrationshintergrund nur auf der Bühne des Flüchtlingsmusicals Traiskirchen sehen – nicht jedoch im Publikum. Anstatt die Besucher mit ausgebreiteten Armen zu empfangen, präsentierte sich das Festival elitärer denn je. "Hier war eine kleine Clique unter sich", urteilte die Presse. Warum überhaupt ein Festival, das sich seit Langem als eine der wenigen verlässlichen Kulturinstitutionen bewährt hat, auf Teufel komm raus auf den Kopf gestellt werden musste, erschloss sich durch diesen Zirkus der Angeblichkeiten keinen Augenblick lang.

Es ist Tomas Zierhofer-Kin nicht vorzuwerfen, dass er das Abenteuer suchte, sondern dass er unter dem Prätext des Abenteuers dem Publikum die Avantgarde von vorgestern andiente. Was an diesem künstlerischen und kommerziellen Desaster allerdings erstaunt, ist die Tatsache, dass die verantwortlichen Wiener Kommunalpolitiker einem Kulturmanager, der zuvor ein kleines Avantgarde- Festival in Niederösterreich geleitet hat, 11 Millionen Euro in die Hand drücken und ihm eine Carte blanche erteilen. In der Hoffnung, dass schon alles gut ginge und sich ein wundersamer Publikumsverjüngungseffekt einstellen würde. War aber nicht: Das angepeilte neue Milieu blieb den Veranstaltungen weitgehend fern, und die traditionellen Festwochenbesucher wurden scharenweise vertrieben. Nun, nachdem Ground Zero erreicht ist, stellt sich dringlich die Frage: Wie geht es weiter mit Wiens renommiertestem Kulturfestival? Oder, noch präziser: Kann es so überhaupt noch weitergehen?