Über fehlenden Nachruhm kann er nicht klagen: Der Name Wilhelm von Humboldt ist – ebenso wie der seines jüngeren Bruders Alexander – jedem ein Begriff. Aber Wilhelm lebt offenbar nur noch als Mythos, man erinnert sich seiner nicht mehr als der gebildete Gelehrte, innovative Sprachforscher und souveräne Politiker, der er historisch war. Nicht als der von Goethe und Schiller geschätzte Gesprächspartner, nicht als der von konservativen preußischen Beamten als Liberaler gefürchteter Bildungsreformer. Wer war dieser Mann also wirklich, der vor genau 250 Jahren, am 22. Juni 1767, in eine Potsdamer Beamtendynastie hineingeboren wurde?

Wilhelm von Humboldt war "ein Preuße von Welt", schreibt der Historiker Lothar Gall. Damit liegt er sicherlich richtiger als die Zeitschrift Cicero, die Humboldt kürzlich als "Rebell" feierte. Doch eine solche Haltung hätte sich mit Humboldt, dem aufgeklärten, gebildeten, zivilisierten Liberalen nicht vertragen. Auch verkennt dieses Attribut Humboldts Sinn für Realismus – besonders in seiner Bildungspolitik. Wer also aktuell meint, Humboldts Bildungsprogramm umstandslos für Kritik an Reformen ausbeuten zu können, hat ihn so wenig verstanden wie die Traditionalisten im frühen 20. Jahrhundert, die seine liberale Staatstheorie als Jugendsünde interpretierten. Dabei ist der historische Humboldt jenseits des Mythos die wahre Provokation, bildungstheoretisch, aber auch für die Bildungspolitik.

"Bildung" war nicht Humboldts einziges Thema, aber doch ein zentrales, alle Etappen seines Lebens von 1767 bis 1835 übergreifendes. Zunächst als ein Prozess der Selbstbildung, dann als Gegenstand seiner Schriften – kein Opus magnum, eher breit gestreut, nicht selten nur, wie er sie nennt, "Bruchstücke" –, nimmt die Frage der Bildung schließlich in seiner amtlichen Tätigkeit großen Raum ein.

Die Brüder Humboldt besuchten keine öffentliche Schule. Sie hatten aber prominente Privatlehrer, wie den Aufklärer Joachim Heinrich Campe, und sie lebten im Gespräch mit den Gebildeten ihrer Zeit. Mit Campe reiste Humboldt 1789 nach Paris, um die Revolution zu beobachten. Unzählige weitere "Bildungsreisen" folgen. Auch Humboldts Berufsleben war mobil: Nach dem Studium in Frankfurt/Oder arbeitet er als Jurist im Staatsdienst, als Diplomat in Rom, Wien und London, als Bildungsreformer in Berlin – und zwischendurch lebt er als Privatgelehrter fern vom Staat. Dabei sucht er die intellektuell inspirierenden Orte seiner Zeit auf: Göttingen, Jena, Paris, Madrid, Rom, Wien. Er nimmt teil an den Debatten der Klassik über Literatur und Philosophie und profiliert sich früh als ein distanzierter Beobachter seiner Welt, immer geleitet von der Frage, wie die Menschwerdung des Menschen legitimiert werden kann.

Humboldts Schriften dokumentieren die Breite seiner Themen: Die 1792 in Auszügen in Schillers Zeitschrift Thalia publizierten Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen zeigen den 25-Jährigen als einen für Deutschland bis heute singulären Denker des liberalen Staates. Später genießt Humboldt dafür im Ausland hohes Renommee; John Stuart Mill rezipiert ihn für sein Buch On Liberty , das 1859, mehr als 20 Jahre nach Humboldts Tod, erscheint.

Als politischer Denker propagiert Humboldt die Begrenzung des Staates auf die Garantie der Sicherheit der Bürger und plädiert zugleich für die Bildung der Nation, damit eine zivilgesellschaftliche Praxis möglich wird. "Öffentliche Staatserziehung", gar die Konstruktion von Gesinnungen durch den Staat sind ihm ein Gräuel. Wenig später entsteht seine Theorie der Bildung . In diesem eher bruchstückhaften und doch klassisch gewordenen Text geht er von der Erwartung aus, dass die Bildung des Menschen nicht in der Innerlichkeit verbleibt, sondern in Staat und Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft die wirklichen Aufgaben erkennt und besonders in der Sprache ihr genuines Medium hat. In Studien über das griechische Altertum schon 1793 präsent, bearbeitet der polyglotte Humboldt sprachwissenschaftliche Themen kontinuierlich bis ins hohe Alter. Das herausfordernde Modell der Sprache sah er im Griechischen, repräsentiere es doch Literatur und Ästhetik, Politik und Praxis zugleich und in selten dichter Überlieferung.

In seiner kurzen bildungspolitischen Tätigkeit verband er Staatstheorie, Bildungsphilosophie und Sprachwissenschaft mit dem Ziel, Preußen durch Bildung aus der Krise von 1806 herauszuführen. Die Neugestaltung des Schulwesens im Geiste "allgemeiner Bildung" sollte über sprachliche, historische, mathematische und ästhetische Kenntnisse das "Lernen des Lernens" ermöglichen. Dafür konzipierte er eine neue Lehrerbildung und gründete 1810 eine Universität zu Berlin, um die Wissenschaften in Preußen insgesamt neu zu ordnen.