Nichts scheint sich so hartnäckig zu halten wie der Berlin-Mythos der nuller Jahre. Er ist abgrundtief verankert in der DNA der Stadt, die, nach genauerer Analyse, sich stärker gewandelt hat als die Geschichten, die sich um sie ranken und die mehr über das Lebensgefühl der jungen vereinigten Bundesrepublik als über die Gegenwart erzählen. Den Roman zu dieser Ära hat Helene Hegemann verfasst. Das war 2010, da war die Autorin gerade mal 18 Jahre alt. Er hieß Axolotl Roadkill und spielte mit dem Titel auf eine Amphibie an, die nie das Larvenstadium verlässt, also nie erwachsen wird. Der versteckte Vergleich traf den Nerv der Stadt: Berlin sei ein spätpubertierender Lurch.

Das Buch löste damals einen Skandal aus, weil sich die Autorin ungefragt an Texten eines Bloggers bediente und anschließend die Collage als neue Ästhetik des Widerstands verteidigte. Die Argumentation lautete ungefähr so: Wenn doch alle Ideologien abgewirtschaftet wurden in der Post-Ära des Kalten Krieges, dem Ende der Geschichte, dann würde das Recht auf geistiges Eigentum ziemlich reaktionär wirken. Jedoch waren nicht alle mit dieser Auslegung einverstanden.

Das Jahr 2017 wirkt nun völlig anders. Es ist eine hochpolitisierte Zeit, die nicht mehr den Nährboden hergibt für gelangweilte Coming-of-Age-Helden, die die Sinnkrise mit durchzechten Nächten im Club überspielen, während draußen die Wahlurnen brennen und nach einer neuen Jugendrevolte geschrien wird. Vielleicht ist das der Grund, warum die Verfilmung von Hegemanns Roman, die etwas abgewandelt Axolotl Overkill heißt und die die Autorin selbst zu verantworten hat, nicht so richtig verfängt. Der Grundkonflikt ist ähnlich wie im Roman: Es geht um die 16-jährige Mifti (herrlich trotzig gespielt von der volksbühnenerprobten Jasna Fritzi Bauer), die ihr Berliner Großstadtleben nicht auf die Reihe bekommt. Anstatt in die Schule zu gehen, ist sie nächtelang wach, rebelliert nach dem Tod der Mutter gegen die Halbgeschwister und widerstrebt dem großkotzigen und sich ins blutleere Kunstmilieu rettenden Vater (Bernhard Schütz), der rotweinschwenkend über Terrorismus als Karriereoption philosophiert.

Im Prinzip ist das Nachtleben und das Anbandeln mit halb geistesgestörten Repräsentanten der Berliner Partyszene die einzige Option für Mifti, sich ihrer Rolle als Jugendliche zu entziehen. Dem Sex wird eine besondere Bedeutung zugeschrieben: Er reflektiert geschlechterübergreifend eine Apotheose des Gefühls, die als Ersatzreligion gefeiert wird auf einem Schlachtfeld von porösen Ideologien und Identitäten. Mifti hat Sex mit allem und jedem: etwa mit der älteren Schauspielerin Ophelia (Mavie Hörbiger), die wunderschön und talentiert ist, aber auch mit einem Fuß im Wahnsinn steckt. In eine ähnliche Richtung geht die Liebesbeziehung zu Alice (Arly Jover), die auf hochklassigen Partys Drogen verkauft und Mifti als Spielzeug benutzt. Aber auch kurzer, bedingungsloser Sex mit einem zufällig dahergekommenen Taxifahrer auf einem Industriegebiet gehört zum Befreiungsprogramm der 16-Jährigen. In dieser Taktung geht es ungefähr 90 Minuten lang weiter.

Axolotl Overkill hat atmosphärische Momente und einen Hang zu kuriosen Dialogen. Auch die Musikeinlagen wirken hypnotisierend und erklären, warum das Berliner Nachtleben als Metapher für den Exzess immer noch gut funktioniert. Das Problem ist nur, dass es dem Film an narrativen Elementen mangelt, die über die eigene Seelenschau hinausweisen könnten. Er erzählt nichts, weil er nichts erzählen kann und nichts erzählen will, außer der Andeutung, die Grenzüberschreitung sei die authentischste Form allen gesellschaftlichen Protests. Das wirkt heute ein wenig albern. Und auch die Meinung der Autorin, die Protagonisten lebten "jenseits des Systems", scheint Symptom der Selbstüberschätzung einer Kultur-Boheme zu sein, die froh sein könnte, über die nötigen Finanzmittel für den Kokskauf auf der Toilette zu verfügen (und es doch nicht ist).

Während im Buch das Tempo der Ich-Gedanken, der Irrsinn des Älterwerdens aus Miftis durchgeknallter Sicht, gepaart mit einem Berliner Hipster-Sprech aus den Katakomben der Volksbühnen-Kantine, für Überraschungseffekte sorgt, wirkt die filmische Übertragung chaotisch, gekünstelt und beizeiten enervierend. Als würde ein Berlin-Film das Genre Berlin-Roman karikieren. So geht das wilde Rauschen am Zuschauer vorbei, ohne sich im Gedächtnis festsetzen zu können. Man verlässt das Kino und denkt sich, etwas altherrenhaft, wie ein Überlebender der Weimarer Republik: Jaja, so war das damals in Berlin-Mitte um 2010. Bedrohlicher gesagt: Der Film ist das, was er nicht sein will. Ein Mythosverwalter.