Es gibt Plätze mitten im munteren Berlin, auf denen liegt noch immer die Traurigkeit der Mauerzeit, wie eine alte graue Decke, die man vergessen hat wegzuziehen, ganz einfach weil ihr Anblick so vertraut ist. Zwischen dem Tiergarten und der Potsdamer Straße einerseits, zwischen dem Landwehrkanal und den Popcornwelten des Potsdamer Platzes andererseits erstreckt sich ein besonderes Geviert. Es heißt Kulturforum. Großartige Gebäude säumen es, die das Ziel architekturgeschichtlicher Pilgerfahrten sind, aber eigentlich ist es doch nur ein großer Parkplatz mit einer Kirche in der Mitte.

Von dort aus versuchen Besucher die Eingänge von Museen zu finden, in denen sich hochbedeutende Kunstsammlungen verstecken, die klassische Moderne, die alten Meister, der Welfenschatz. Seiner Bedeutung entsprechend müsste das Kulturforum ein zentraler und quirliger Ort in Berlin sein, aber davon ist nicht die Rede. Seit den späten Fünfzigern ist die Gegend der Schauplatz von gut gemeintem Verschönerungsflickwerk und hilflosen Verschlimmbesserungen.

Viele Gedanken sind seither ventiliert worden, um auf dem Kulturforum Leben, Schönheit, Urbanität entstehen zu lassen, die jeweils besten Entwürfe sind jedoch niemals verwirklicht worden. Berlin gab sich an dieser Stelle mit einem Terrain vague zufrieden – und baute stattdessen die Potsdamer Straße mehrspurig aus. Ein kulturpolitischer Fluch lastet anscheinend auf dem Ort, er brachte auch einen gleichgewichtsstörenden Aufgang zur Gemäldegalerie hervor, der wie zum Hohn den Namen "Piazzetta" trägt. Kurz, es ist dort zum Heulen.

Das Schlimmste ist aber, dass Bund und Berlin es mittlerweile besser wissen, dass sogar Geld für eine umfassende Stadt- und Gebäudeplanung am Kulturforum zur Verfügung steht und dass die Verantwortlichen trotzdem entscheiden, als wollten sie den bösen Zauber nicht abschütteln. Eine neue Chance, das Kulturforum zu retten, eröffnet sich jetzt, weil es nötig wird, für zwei private Sammlungen dort ein weiteres Museum zu errichten. Es soll eine Lücke in der Berliner Museumslandschaft schließen: eine Dauerausstellung der Kunst des 20. Jahrhunderts. Eine Zeit lang klang das nach Hoffnung und Aufbruch.

Als es akut wurde mit dem Museum des 20. Jahrhunderts, waren sich die Beteiligten einig, dass ein freies Grundstück hinter der Neuen Nationalgalerie an der Sigismundstraße der geeignete Standort sei. Dafür spricht immer noch viel. Der traurige Platz konnte dann durch eine großzügige und kluge stadtplanerische Lösung insgesamt neu gestaltet werden, wenngleich es dazu nötig wurde, die stark befahrene und ziemlich trostlose Potsdamer Straße zu verschwenken, denn sie durchschneidet das Areal und verhindert, dass das Kulturforum einen eigenen Charakter als öffentlicher Platz entwickeln kann.

Niemand flaniert dort bisher. Die Besucher parken und gehen wieder. Eine Untertunnelung der Potsdamer Straße an dieser Stelle wurde vorgeschlagen, sie wäre sogar bezahlbar. In diesem Fall sind die Finanzen ausnahmsweise keine Ausrede. Das Museum baut der Bund, für alles Stadtplanerische allerdings zeichnet das Land Berlin verantwortlich, das mit dem Zustand des Kulturforums zwar auch nicht glücklich ist, aber keinen Anlass sieht, der Stadt eine weitere Straßenbaustelle aufzubürden.

Noch bevor Bund und Land über eine genauere Planung in Streit geraten konnten, geschah 2015 etwas Bizarres: Kulturstaatsministerin Monika Grütters setzte sich über Expertenmeinungen und Vorplanungen hinweg und legte sich fürs Museum stattdessen auf ein Grundstück an der Potsdamer Straße fest. Es war eine weitreichende und falsche Entscheidung. Denn damit wären alle Hoffnungen auf eine vernünftige Stadtplanung in diesem Gebiet zunichtegemacht. Ein Bau an der mehrspurigen Straße würde das Schicksal der dahinterliegenden Brache besiegeln, es bliebe dann auf dem Kulturforum notgedrungen alles, wie es ist. Der Parkplatz verschwände zugunsten eines Museumsbaus, nicht aber die urbane Leere, die ihn umgibt. Für die Berliner Verkehrsbehörde bedeutete das Erleichterung, für die Berliner Bürger wäre es ein Schlag ins Gesicht. Es war die kleine, hässliche, die simple Lösung, ohne Ehrgeiz und ohne Sinn für die zukünftige Gestaltung der Hauptstadt.

Den anschließenden Architektenwettbewerb – nur für das Museum, nicht aber für das gesamte Areal – gewann im letzten Jahr das Basler Büro Herzog & de Meuron. Dessen Entwurf, der nun die Grundlage für Planungen und Berechnungen sein soll, wurde von Kulturfunktionären bejubelt, erntete in der Berliner Zivilgesellschaft aber vor allem Häme. Skizziert ist ein voluminöser Flachbau mit einem Satteldach, der die Neue Nationalgalerie Mies van der Rohes mit den Philharmonie-Gebäuden Hans Scharouns verbinden will.