Was bei Kleidung, Möbeln und Fahrrädern gerade total hip ist, macht Harry Voortmann mit Software: Secondhand-Verkauf. Sein Unternehmen handelt mit gebrauchter Software. Die Idee dahinter: Kein Unternehmen käme auf die Idee, eine Maschine zu ersetzen, ohne die alte zu verkaufen. Alte Software hingegen wird oft ersetzt – und vergessen. Voortmann hat darin eine Marktlücke erkannt.

Seit 2005 handelt Voortmann mit Gebrauchtsoftware, 2008 gründete er das Unternehmen ReLicence AG. Sein Geschäft funktioniert wie jeder Gebrauchtwarenhandel – nur eben mit virtuellen Gütern: ReLicence kauft die Nutzungsrechte für Software auf und verkauft sie weiter an andere Unternehmen, Behörden oder Verbände. Hauptsächlich geht es dabei um die Bürosoftware Microsoft Office. Das Programm, das in Unternehmen auf praktisch jedem Computer installiert ist, sei auch für Voortmann das "Brot-und-Butter-Geschäft", sagt er.

Heute hat er 22 Mitarbeiter, verkauft Secondhand-Software in die meisten Länder Europas und macht damit nach eigenen Angaben einen "einstelligen Millionenumsatz". ReLicence sitzt in Inning am Ammersee, in oberbayerischer Idylle und nicht unbedingt in einer Gegend, die für Softwarefirmen bekannt ist. Das hält Voortmann aber nicht davon ab, gegen die Geschäftsmodelle der ganz Großen dieses Marktes zu wetten. Im Gegenteil: Der 63-jährige Ingenieur, der seit beinahe 40 Jahren in der IT-Branche aktiv ist, scheint Spaß an der Sache zu haben.

Immer wieder gab es Rechtsstreitigkeiten um den Handel mit gebrauchter Software. Konzerne wie Adobe, Oracle oder Microsoft klagten gegen Händler und wollten den Weiterverkauf unterbinden. Sie hatten Angst vor Piraterie, wollten aber darüber hinaus auch ihre neue Software verkaufen. Gerichtsverfahren vor dem Bundesgerichtshof und dem Europäischen Gerichtshof waren nötig, um schließlich im Jahr 2012 ein für alle Mal klarzustellen, dass es überhaupt erlaubt ist, Software weiterzuverkaufen – unter bestimmten Bedingungen.

"Diese Bedingungen haben wir immer eingehalten, schon vor dem Urteil", sagt Voortmann. Dazu gehört eine Löschbestätigung des ursprünglichen Nutzers, denn der darf keine Kopie der Software behalten. Außerdem der Lizenzvertrag, die Originalrechnung, Produktnutzungsrechte. "Wir geben unseren Kunden alle Belege, die sie brauchen, um nachweisen zu können, dass sie jetzt der Inhaber der Nutzungsrechte sind", sagt er. Das ist zwar aufwendig – aber so ist der Handel erlaubt. "Die Hersteller haben das Monopol auf ihr Produkt verloren", sagt Voortmann. Eine gebrauchte Lizenz für Microsoft Office 2016 koste im Schnitt etwa 200 Euro – neu würde es aktuell 279 Euro kosten. Das ältere Office 2013 komme gebraucht auf nur etwa 100 Euro.

Trotz der Preisunterschiede ist der Markt für Gebrauchtsoftware klein und umfasst in Deutschland nur etwa 70 bis 100 Millionen Euro pro Jahr. Zum Vergleich: Die gesamte Softwarebranche macht dem Verband Bitkom zufolge hierzulande jährlich mehr als 20 Milliarden Euro Umsatz.

Manche sagen, der Markt werde sogar noch kleiner oder werde gar ganz verschwinden. Harry Voortmann sagt, es gehe jetzt erst los. 2016 habe er vier- bis fünfmal so viele Großchargen verkauft wie im Jahr zuvor. So wird es weitergehen, glaubt Voortmann. Nicht nur, weil gebrauchte Software günstiger sei als neue oder weil es jetzt seit einigen Jahren Rechtssicherheit gebe. Sondern vor allem, weil Voortmann den von Amazon, IBM, Google und Co. ausgerufenen Paradigmenwechsel des Cloud-Computings für eine Luftnummer hält. Bei dieser Technologie wird Software zu einer Dienstleistung. Statt auf einem einzelnen Computer befinden sich Programme oder Daten in den Rechenzentren spezialisierter Anbieter, die Nutzer zahlen für die Zugangsmöglichkeit über das Internet. Google vermietet Speicherplatz in der Cloud, Amazon verpachtet Rechenleistung und Serverkapazität an Unternehmen, Programme wie Microsoft Office oder Adobe Photoshop sollen nicht mehr gekauft, sondern abonniert werden. Microsoft Office Personal kostet in diesem Modell etwa sieben Euro im Monat oder 69 Euro im Jahr; laut Microsoft wird die Abo-Version Office 365 weltweit von 85 Millionen Nutzern in Unternehmen angewendet.

Die Abo-Software wird automatisch aktualisiert, es gibt also nicht alle paar Jahre eine neue Version, die der Kunde kaufen muss. Dadurch sollen das Programm und die Daten sicherer werden, die IT in Unternehmen effizienter, das Arbeiten flexibler – so versprechen es die Hersteller. "In den nächsten fünf bis zehn Jahren wird sich das Verhältnis von Cloud-Software zu klassischen Lizenzmodellen stark verschieben", sagt Carlo Velten vom Marktforschungsunternehmen Crisp Research. "Wir gehen davon aus, dass etwa 80 Prozent der Unternehmenssoftware dann als Service bezogen werden." Bei Standardanwendungen wie Office würden es eher noch mehr.