Proteste gegen das G20-Treffen, Widerstand gegen Professoren: An ersten Hochschulen machen Aktivisten mobil. Wie groß ist ihr Einfluss? Unsere Reporter Anant Agarwala und Stefan Schirmer haben sie besucht.

Es funkelt im Konferenzsaal eines Münchner Hotels, Leuchtstäbe hängen wie Stalaktiten von der Spiegeldecke, auch die Wände ringsum sind verspiegelt. Die Professorenvertretung "Deutscher Hochschulverband" hat geladen, und der Ort passt zum inoffiziellen Thema jeder Jahrestagung: Selbstbespiegelung. Doch an diesem Frühlingsmorgen geht es um weit mehr. Vom Ende der Wissenschaftsfreiheit wird die Rede sein, von selbst ernannten Tugendwächtern, sogar von Angst. Es wird der Eindruck entstehen, an deutschen Unis drohe eine Gesinnungsdiktatur.

"Wir verlieren die Fähigkeit zum offenen Wort, wenn wir Angst haben, dass es gegen uns verwendet wird", sagt DHV-Präsident Bernhard Kempen. Zustimmendes Murmeln. Aber, so schließt er seine Rede: "So weit wollen wir es nicht kommen lassen! Und so weit werden wir es nicht kommen lassen!"

In der Rolle des Belastungszeugen tritt später Jörg Baberowski auf. Der renommierte Stalinismus- und Gewaltforscher der Humboldt-Universität Berlin war häufig als Kritiker von Angela Merkels Flüchtlingspolitik zu Gast in Talkshows. Bekannt ist er aber auch für seine These, Hitler sei nicht grausam gewesen. Seither halten ihn manche für einen Geschichtsrevisionisten und tun das auch öffentlich kund. "Die Hass- und Hetzkampagnen haben mein Leben komplett verändert", sagt Baberowski. Eine trotzkistische Sekte reise ihm hinterher, mische seine Vorträge auf, plakatiere an der HU sein Konterfei, dazu das Wort: "RASSIST" (ZEIT Nr. 16/17). "Diese Bösartigkeit hat mich mitgenommen", sagt Baberowksi. Er fühlt sich auf dem eigenen Campus nicht mehr wohl.

Wer Professoren wie Kempen oder Baberowski zuhört, der bekommt schnell den Eindruck, dass sich knapp 50 Jahre nach 1968 an deutschen Universitäten wieder tiefe Gräben auftun. Dass eine Woge der Politisierung die Hörsäle erreicht hat. Dass eine einflussreiche Bewegung entsteht. Eine Bewegung zumal, die diffamiert, blockiert und denunziert.

Für den Politikwissenschaftler Herfried Münkler, wie Baberowski Professor an der HU Berlin, richteten Studenten schon 2015 anonym ein Watchblog ein, um auf Münklers angeblich kriegstreiberische und sexistische Sprache aufmerksam zu machen. Auch gegen den Dresdner Politologen und Pegida-Erklärer Werner J. Patzelt riefen Studenten zu Aktionen auf. Und zu Jahresbeginn machte ein Vorfall in Magdeburg bundesweit Schlagzeilen: Als dort der AfD-Politiker André Poggenburg vor einer rechten Hochschulgruppe reden wollte, sprengten Studenten mit Trillerpfeifen die Veranstaltung. Poggenburg ließ sich unter Polizeischutz aus dem Hörsaal geleiten.

Man könnte glauben, es formiere sich an den Unis eine neue Apo, von Mitte-Links bis zum linken Rand. Es wäre kein Wunder in einer Zeit, die alles andere als politischer Biedermeier ist, in der Autokraten und Populisten die Demokratien bedrohen. Aber stimmt der Eindruck wirklich, dass es heute auf dem Campus wieder so politisch zugeht wie lange nicht?

Göttingen, Mitte Juni. Auf dem zentralen Platz der Universität sitzen Studenten im Schatten der Ahornbäume oder rauchen in der prallen Sonne. Silke Hansmann eilt über den Campus. Die 28-Jährige ist Vorsitzende des Göttinger Asta. Sie eine politisch engagierte Studentin zu nennen wäre untertrieben. Neben ihrer Arbeit im Asta sitzt Hansmann als studentische Vertreterin im Uni-Senat, sie ist Vize-Bezirkschefin der Jusos, und als wissenschaftliche Hilfskraft des Politologen Samuel Salzborn beschäftigt sie sich mit Antisemitismus. Etwa 150 E-Mails bekommt sie am Tag, die meisten bearbeitet sie nach Mitternacht.

Göttingens Georg-August-Universität gilt seit vielen Jahren als hochpolitisch. Es gab hier selten eine Phase, in der Burschenschafter und die linke Szene nicht aneinandergeraten wären. 2016 wurden auf dem Campus Zettel verteilt mit dem anonymen Aufruf, einem offen rechtsextremen Studenten ins Mensaessen zu spucken.