Renovierung oder lieber Abriss? Häuslbauer und Architekten kennen diese Frage. Bei wohl keinem Bauwerk in Österreich wird sie aber schon so lange diskutiert wie beim Wiener Ernst-Happel-Stadion. Wenn im Prater gerade keine Fußballspiele stattfinden, feiern die Zeugen Jehovas hier Massentaufen, oder Helene Fischer besingt ihre heile Welt. Das Happel-Stadion wirkt dann wie ein friedlicher Ort, doch das täuscht. Um die Sportstätte ranken sich Fehden und politische Kämpfe.

In diesen Wochen dürfte endgültig über die Zukunft des größten Stadions des Landes entschieden werden. Letzte Woche reiste Claus Binz, Chef des deutschen Instituts für Sportstättenberatung, nach Wien, um eine Machbarkeitsstudie zu präsentieren, die Sportminister Hans Peter Doskozil bei ihm beauftragt hatte. Schließlich träumt der umtriebige Minister genauso wie der Österreichische Fußball-Bund (ÖFB) von einem neuen "Nationalstadion". Doskozil und ÖFB-Präsident Leo Windtner fordern anstelle des Happel-Stadions eine Arena ohne Laufbahn, dafür mit steilen Rängen. Ganz im Gegensatz zur Wiener SPÖ: Sie tritt voller Vehemenz als Bewahrerin des 1931 errichteten Ovals auf, allen voran Sportstadtrat Andreas Mailath-Pokorny. Renovierung oder Abriss, diese Frage entzweit Bund und Stadt.

Das 1993 auf den Namen der Fußballikone Ernst Happel getaufte Praterstadion droht derweil zu einem Wahrzeichen der sportpolitischen Lethargie der Stadt Wien zu werden. Visionen sucht man bei den Kommunalpolitikern im Umgang mit ihren Sportplätzen vergeblich. Die in die Jahre gekommenen Wettkampfstätten werden bieder verwaltet, fast so, als wären sie Gemeindebauten oder Amtsgebäude. Man hält die verstaubten Anlagen zwar in Schuss, verliert im internationalen Vergleich aber an Terrain. In Madrid, in London, in Stockholm und Budapest, überall in Europa werden zukunftsweisende Fußballarenen hochgezogen. Nur hierzulande schwelgt man in Nostalgie.

Mailath-Pokorny beharrt bisher darauf, ein Neubau anstelle des Happel-Stadions sei ausgeschlossen. Der Sportstadtrat verweist auf den Denkmalschutz, unter dem das Stadion seit 2001 steht. Beispiele aus Deutschland zeigen jedoch, dass die Denkmalschützer bei der Umwandlung historischer Sportstätten in der Regel der Politik folgen müssen – falls die Politik denn umbauen will. Doch Mailath-Pokorny trägt den Denkmalschutz wie eine Monstranz vor sich her.

Die kühne Selbstdarstellung als Sportstadt lässt Athleten und Funktionäre staunen

Schon vor der Veröffentlichung der Machbarkeitsstudie des deutschen Experten Binz lässt sich daher ahnen: Es wird nicht viel machbar sein. Dabei ist die Substanz, welche die Stadt Wien bewahren will, weder zeitgemäß noch sonderlich besucherfreundlich. Die Defizite des Betonkolosses sind offensichtlich: Eine Laufbahn schneidet die Zuschauer vom Spielgeschehen ab, und die Ränge sind viel flacher als in modernen Arenen, wie sie in Deutschland, England und Spanien stehen. Außerdem liegen die Stiegen, über die sich bis zu 51 000 Menschen zu den Sitzplätzen drängen, vor den Tribünen – ein Wiener Unikum, weil sich vergleichbare Konstruktionen schlicht nirgendwo bewährt haben. In neueren Stadien sind die Stufen hinter den Rängen im Mantel verhüllt und führen durch sogenannte Mundlöcher ins Innere.

"Ein neues Stadion im Prater wäre theoretisch die optimale Lösung", sagt daher der Sportarchitekt Harald Fux, der zahlreiche Ballsport- und Leichtathletikstätten in Österreich geplant hat. "Das Happel-Stadion ist nicht genügend Architekturjuwel, dass es ewig stehen bleiben sollte", findet Fux. Schon jetzt gleicht ein Besuch des Stadions im Prater einer Zeitreise in historische Fußballtage, als man es gewohnt war, dass auch die beste Stimmung sich in weiten Tribünenellipsen verflüchtigt.

In der Fußballsprache würde man sagen: Der Stadtrat spielt auf Zeit

Doch nicht nur der ÖFB klagt in Wien über seine Heimstätte. Die Schwimmer etwa wünschen sich neben dem Stadthallenbad ein zusätzliches überdachtes 50-Meter-Becken. Ehemalige österreichische Tennisspieler berichten hinter vorgehaltener Hand, die Stadthalle als Herberge eines 1,9-Millionen-Euro-Turniers sei ihnen zunehmend peinlich. Auch andere Ballsportler hätten gerne einen neuen Multifunktionsbau, nicht so groß wie die Stadthalle, dafür moderner. Das Dusika-Stadion im Prater mit seinen Leichtathletik- und Bahnradanlagen wirkt ebenfalls aus der Zeit gefallen. Und die angeblich erhaltenswerte Laufbahn im Happel-Stadion kann seit Jahren nicht für Profi-Wettkämpfe genutzt werden, weil sie Wellen und Löcher hat. Durch Tribünen ersetzt wird sie bisher aber auch nicht.