Nicht überall auf der Welt werden so viele Tiere verzehrt wie in Deutschland, Amerika oder Südafrika, um nur drei besonders prominente Grillnationen zu nennen. In der Türkei kann man vielgängige Menüs zu sich nehmen, ohne dass ein einziges Stück Fleisch dabei ist; oft bemerkt man das übrigens erst hinterher, wenn man sich besinnt – falls man sich nach einem mehrstündigen türkischen Menü überhaupt noch auf etwas besinnen kann. In Indien ernährt sich sogar fast die Hälfte der Bevölkerung vegetarisch (mit abnehmender Tendenz), es ist ein großer Fehler, sich die berühmten Currys immer mit Fleisch oder Fisch vorzustellen, das Huhn oder Lamm kann auch durch Kartoffeln ersetzt werden oder die lustig glitschigen Ladyfingers (Okra).

Die vegetarische Küche Indiens hat nicht nur religiöse Motive, obwohl der Gedanke der Seelenwanderung natürlich nahelegt, den Verzehr eines Huhns zu scheuen, in dem womöglich der Geist des Onkels gackert. Es gibt auch ältere, vorreligiöse Vorstellungen, nach denen die Speisen in ihrer physiologischen Wirkung unterschieden werden; das als erhitzend geltende Fleisch ist demnach höchstens etwas für körperlich Arbeitende, also Angehörige niederer Kasten, während dem vergeistigten Brahmanen das kühlende Gemüse frommt. Und damit sind wir schon bei den Vegetariern hierzulande, die ja ebenfalls nicht nur aus ethischen Gründen das Verspeisen toter Tiere ablehnen. Auch sie berufen sich auf medizinische Vorteile fleischloser Kost; da geht es dann gerne um das böse rote Fleisch, das die grillenden Männer aggressiv und tendenziell frauenfeindlich mache. Krebserregend ist es natürlich auch; wahrscheinlich müsste man den Krebs einmal als Metapher untersuchen – daraufhin, welche Ängste sich in der Drohung mit der Krankheit verschlüsseln, welche Machtfantasien mit der Empfehlung von Diäten ausgelebt werden.

Der Vegetarismus hat eine ideologische Komponente, die nicht jedem schmeckt, auch solchen nicht, die vielleicht aus einem kreatürlichen Antrieb sonst ebenfalls dazu neigen würden, vor dem Tierverzehr zurückzuschrecken. Die Spontaneität des Widerwillens lässt sich leicht bei Kindern beobachten, die nach Betrachtung eines geschlachteten Kaninchens oft für lange, manchmal für immer Fleisch ablehnen. Gleichwohl hat der westliche Vegetarismus eine eigentümliche Ambivalenz, etwas Abgründiges, Zwielichtiges. Es zeigt sich in seinem Ehrgeiz, mit vegetarischen Mitteln Fleisch nachzubilden. Warum müssen Haselnüsse, Karotten oder Dinkel zu Frikadellen für die Pfanne verwandelt werden? Warum muss Soja zu Tofu werden und Tofu wiederum schnitzelartig oder anders fleischnah zubereitet werden?

Die Kreation von Fleischersatzspeisen unterscheidet den westlichen Vegetarismus sehr von der unschuldigen, naturwüchsig vegetarischen Mittelmeerküche. In der Türkei hatte man nie etwas gegen Fleisch, es war aber knapp, und für Gemüse entstanden schließlich die raffinierteren Rezepte. Jedenfalls würde niemand das eine für das andere ausgeben. Hierzulande scheint dagegen der letzte Mut zum Gemüse zu fehlen, eigentlich auch der Respekt davor. Es ist, als wollten unsere Vegetarier heimlich doch lieber Tiere essen; sie haben es sich nur verboten. So wie der trockene Alkoholiker immer Alkoholiker bleibt, bleibt der westliche Vegetarier immer Fleischesser; aber anders als der Alkoholiker gibt er es nicht zu. So tritt die Heuchelei in sein Leben, und der freudlose, immer vorwurfsvolle und bittere Habitus entsteht.

Der Grund ist aber wohl, dass der Mensch nun einmal zu den Allesfressern gehört und insofern auch, dem Braunbären ähnlich, ein Raubtier ist.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio