Google steht wofür? Für ein schlichtes und zugleich großes Versprechen: Wer eine Frage in den schmalen Schlitz der Suchmaschine wirft, bekommt eine nützliche, eine faire, eine nicht von irgendwem manipulierte und damit korrumpierte Antwort. Dafür war Google angetreten. Die Gründer und Mitarbeiter wollten den Menschen alles Wissen der Welt erschließen – und erfüllten eine Hoffnung, die mit dem Internet von Anfang an verbunden ist. Deshalb ist "googeln" ein so positiv besetztes Verb. Deshalb genießt die Suchmaschine einen so guten Ruf, den bisher nichts erschüttern konnte, egal welche Kritik am dahinterstehenden Konzern laut wurde. Mit Google schien über die Zeit sogar das Märchen vom Nürnberger Trichter wahr zu werden: dass auch der Dümmste alles wissen kann. Sogar ohne sich einen magischen Trichter aufs Ohr zu setzen. Es reichte, die Augen aufzumachen und auf den Bildschirm zu richten.

Nur vor diesem Hintergrund wird die Brisanz erkennbar, die in einer Entscheidung der Europäischen Kommission vom vergangenen Dienstag steckt. Die für Wettbewerb zuständige Kommissarin Margrethe Vestager hat nach einer jahrelangen Prüfung verkündet, Google habe seine Marktmacht missbraucht und in bestimmten Bereichen die Suchergebnisse verzerrt. Aus finanziellem Interesse. Ausgangspunkt ist, dass viele Verbraucher auf Google nach dem billigsten Preis für ein alltägliches Produkt suchen. Vor über zehn Jahren hatten sich dafür spezialisierte Vergleichsportale im Internet entwickelt, die zunächst weit oben in den Suchergebnissen angezeigt wurden. Heute ist das nicht mehr der Fall. Zugleich zeigt Google einen konzerneigenen Preisvergleich sehr prominent in der Ergebnisliste an. Die EU-Kommission sagt, das sei unfair. Google habe Konkurrenten bewusst in die Bedeutungslosigkeit gedrängt. Und sie verhängte ein hohes Bußgeld: 2,42 Milliarden Euro. Kommt Google dem Zahlungsaufforderung nicht nach, werden weitere Strafzahlungen fällig.

Die Höhe der Strafe ist dabei gar nicht so entscheidend. Schmerzhafter für den reichen Internetkonzern ist, dass er nun schwarz auf weiß den Vorwurf bekommen hat, er handle gegen die Interessen seiner Nutzer. Genau deshalb wehrt sich das Unternehmen auch so vehement und kündigt an, es werde den Bescheid prüfen und vermutlich dagegen vorgehen. Google widerspreche "mit allem Respekt", schrieb der oberste Jurist des Internetkonzerns, Kent Walker, am Dienstag. Man kann durch die knapp gehaltenen Zeilen geradezu spüren, wie sehr das Unternehmen in Aufruhr ist.

Die Entscheidung der EU-Kommission war lange erwartet worden. Sie stand beinahe zu lange aus, acht Jahre hat das Verfahren gedauert, und diese Spanne weist auf eine Schwierigkeit hin: Es gibt keine etablierten Methoden, um den Beweis zu führen. Für Außenstehende, selbst für langjährige Beobachter, ist auch heute nur schwer zu beurteilen, wer recht hat.

In den meisten Fällen lässt sich ein Missbrauch von Marktmacht eindeutig belegen. Nimmt ein Monopolist zu hohe Preise von seinen Kunden, kann man das über die Buchhaltung und einen Vergleich mit ähnlichen Dienstleistungen feststellen. Gibt es Preisabsprachen zwischen mehreren Unternehmen, fliegt das irgendwann auf. Es tauchen Notizen auf. Oder ein Kronzeuge. So geschah es bei Kartellen in den Märkten für Aufzüge, Bahnschienen, Zucker oder Zement.

Bei Google liegt der Fall anders. Hier musste die EU-Kommission beurteilen, ob ein komplexer Algorithmus bestimmte Anbieter von Preisvergleichsportalen benachteiligt. Und ob das mit Absicht so eingerichtet wurde. Ob aus den Daten, die betroffene Unternehmen und Google bereitstellten, eine Manipulation der Suchergebnisse sichtbar wird. Die EU-Kommission ist sich nun sicher.

Die Behörde weiß aber um das Einmalige ihrer Beweisführung und erklärt deshalb, wie sie vorgegangen ist. Man habe "erhebliche Datenmengen" analysiert, unter anderem "1,7 Milliarden Suchanfragen bei Google". Man habe den Einfluss untersucht, den es auf das Nutzerverhalten habe, wenn eine Internetseite weit unten in den Suchergebnissen auftauche. Und man habe die finanziellen Folgen einer Herabstufung durch Google für konkurrierende Preisvergleichsportale nachvollzogen.

Eine echte Schwäche in der Argumentation der Kommission ist, dass sie nur den Markt für Suchanfragen für maßgeblich hält. Dort hat Google eine absolut marktbeherrschende Stellung, in Europa sind es weit über 90 Prozent. Dem hält der Internetkonzern nun entgegen, die Suche nach Produkten finde vor allem jenseits von Google statt. Man müsse Amazon und eBay einbeziehen. Und tatsächlich hat beispielsweise eine Umfrage unter 2.000 Verbrauchern in den USA während des vergangenen Weihnachtsgeschäfts ergeben, dass mehr als die Hälfte ihre Produktsuche direkt bei Amazon beginnen. Gilt das in Europa auch, ist die Marktmacht von Google in diesem Bereich zumindest überschaubar.