Als ich in Hannover aus der Wandelhalle des Hauptbahnhofs trete, kommen mir die ersten Zweifel. In einer Glastür erblicke ich mein Spiegelbild, einen mittelalten Mann, 40 Jahre, ausgeleiertes T-Shirt, löchrige Jeans, zerschlissene Turnschuhe, alles in Schwarz, nur die Haare und der Bart sind grau. Wäre ich ein YouTube-Clip, würden darunter ein paar Jugendliche kommentieren: "Was für ein hängen gebliebener Lauch!" Und ich könnte nicht mal widersprechen. Denn wegen der Nostalgie und der Melancholie bin ich hier. Wegen dieser kitschigen Sehnsucht nach dem Gefühl von damals, als wir jung waren und es nach Aufbruch und ein bisschen auch nach Rebellion roch. Wegen eines Mannes, dessen Name ein Anagramm von Oralsex ist und der vor genau 25 Jahren, selber Ort, selbe Zeit, schon mal hier war. Wegen Axl Rose.

Am 3. Juni 1992 traten wir, mein bester Freund David und ich, 15 Jahre jung, nicht mal Flaum auf der Oberlippe, aus dem Hauptbahnhof auf den Ernst-August-Platz. Zwei Minuten nach unserer Ankunft kippte uns ein Mann in Nietenkutte sein Bier über den Kopf und grölte: "Rock-'n'-Roll-Taufe!" Seine Freunde grölten mit, und wir grölten natürlich auch, so gut das im Stimmbruch eben ging.

Diesmal empfangen mich zwei Promoterinnen, die mir einen Lolli anbieten, auf dem das Logo von Guns N' Roses zu sehen ist. Sie sagen: "Bei uns gibt es heute die Bandshirts im Sonderangebot", und dann zeigen sie hinüber zur Einkaufspassage, wo sich ihr Geschäft befindet. Es heißt Wormland, ein Herrenausstatter. Was mache ich hier? Warum um alles in der Welt bin ich zurückgekehrt?

Anfang der neunziger Jahre war Musik ein Mittel der Distinktion und identitätsstiftend wie nie mehr danach. Man erkannte Metaller, Punks oder Hip-Hopper schon von Weitem an der Länge ihrer Haare, an ihren Schuhen, ihren T-Shirts. "Die Geschmacksäußerungen und Neigungen sind die praktische Bestätigung einer unabwendbaren Differenz", hatte Pierre Bourdieu 1979 in Die feinen Unterschiede geschrieben, und Guns N’ Roses, egal, wie massenkompatibel die Band war, taugte hervorragend, um sich als junger Mensch zu positionieren. Gegen die Popper auf dem Schulhof. Gegen die Eltern mit ihren Regeln. Gegen Wetten, dass..? am Samstagabend.

Guns N' Roses waren zwar nicht die lauteste Band der Welt (das waren Manowar), aber sie waren die gefährlichste. Denn sie nahmen diese Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll-Nummer verdammt ernst. Wenn Sänger Axl und Gitarrist Slash mit ihren billigen Ketten, speckigen Hüten und halb fertigen Tattoos erschienen, blickte man in den Abgrund des white trash, auf Rednecks, die noch am Vortag mit ihren abgesägten Schrotflinten auf Bierdosen geschossen hatten.

Aufgewachsen in einer britischen Arbeiterstadt (Slash) und einem Kaff irgendwo im Mittleren Westen (Rose), sangen sie von dem, was sie kannten: von Frauen, Drogen und Gewalt. Einmal, nach einer Überdosis Heroin, hörte Slashs Herz für acht Minuten auf zu schlagen. "Das war selbst für meine Verhältnisse ziemlich abgefuckt", schrieb er in seiner Biografie.

Die Band war für viele Mittelstandskinder, die Ende der siebziger Jahre geboren waren, die erste Ausfahrt aus ihrem wohltemperierten Leben. Sie öffnete einer ganzen Generation, die aufgewachsen war mit Songs von Modern Talking und Ansprachen von Helmut Kohl, die Hintertür zu unbekannten Subkulturen und neuen Wahrheiten. Sie berichtete vom Leben und vor allem vom Sterben.

Damals war ich 13 und meine Welt in etwa so groß wie fünf Fußballfelder. Da gab es mein Kinderzimmer in einer Altbauwohnung im gutbürgerlichen Hamburger Stadtteil Eppendorf. Es roch immerzu nach Weihnachten, auch im Sommer. Dann gab es die Tanzschule, die sich etwa fünf Häuserblocks entfernt befand. Einmal die Woche Foxtrott und Cha-Cha-Cha, und die quälende Ungewissheit, wie sich Petra bei der Damenwahl entscheiden würde. Schließlich der Tennisverein, dienstags und donnerstags Training. Mit dem Fahrrad rechts aus der Tür, dann links und fünf Minuten geradeaus. Die Schuhe vor den Umkleidekabinen ausziehen, und bitte Weiß tragen.

Auf dem Schulhof meines Gymnasiums tuschelten meine Mitschülerinnen über die New Kids On The Block, eine Boy-Band aus Amerika, deren Motto lautete: "Step one, we can have lots of fun". Die Mitglieder sahen blendend aus – wie Jungs eben aussehen, die Donnie, Jordan oder Danny heißen. Auch meine Mitschüler machten auf dem Schulhof eine gute Figur, wenn sie sich wie Sascha Hehn die Kaschmirwollpullover um die Schultern banden oder in die Cabriolets ihrer Eltern sprangen, ohne die Türen zu öffnen. Kurzum: Es ging allen verdammt gut, und uns verband das Gefühl, dass wir ewig leben würden. Bis dieser verrückte Mann aus Lafayette, Indiana, die Türen unserer Kinderzimmer eintrat und schrie: "You know where you are? You’re in the jungle, baby. You’re going to die!"