Helmut Kohl hat sein Land durch die Wirren des Kalten Krieges gesteuert, hin zur Vereinigung der Nation und zur wirtschaftlichen und politischen Einheit Europas, wobei er stets auf die Stärkung der transatlantischen Beziehungen bedacht war. Er war ein Mann von außerordentlicher Vitalität, bewandert im do ut des der Innenpolitik und zugleich Meister einer Außenpolitik, die darauf zielte, die Hinterlassenschaft jahrhundertelanger Konflikte zu überwinden. Die Freundschaft mit Frankreich, die Partnerschaft mit Amerika und die Aussöhnung mit Russland waren die entscheidenden Elemente seiner auswärtigen Politik – einer Politik, die das Vertrauen der Verbündeten gewann und zugleich die Hoffnungen seines Volkes am Leben erhielt. Loyalität war eine von Kohls außergewöhnlichen Eigenschaften. Und eine heitere Gelassenheit zeichnete ihn aus: Inmitten aller Krisenstürme blieb er ruhig und zuversichtlich. Sein ganzes Auftreten strahlte das Bewusstsein aus, dass sich Charakter- und Glaubensstärke auch in tumulthaften Zeitumständen bewähren würden.

Die Kriterien, nach denen sich Größe definiert, sind schwer zu fassen. Leistungen, die von Zeitgenossen gelobt werden, verflüchtigen sich zuweilen im Rückblick. Helmut Kohls Größe war von besonderer Art. Seine Leistung ist von Dauer. Doch lag es in der Natur der Sache, dass sie ebenso umstritten war, wie sie die Dinge vorantrieb. Krisen, in denen das Althergebrachte dem Notwendigen weichen musste, waren unvermeidlich. Und die Tragweite seines Wirkens brachte es zwangsläufig mit sich, dass über sein Vermächtnis gestritten wird.

Überdies betrieb Kohl seine Politik von einem innenpolitischen Fundament aus, und er setzte mit außerordentlicher taktischer Geschicklichkeit die im politischen System angelegten Belohnungen und Bestrafungen ein. Philosophische Konstrukte und rhetorische Eleganz zur Bestimmung letzter Ziele waren weniger seine Sache.

Helmut Kohls Umgang mit amerikanischen Präsidenten war meisterhaft. Seine persönliche Verlässlichkeit half ihm, Ronald Reagan, Bill Clinton und George H. W. Bush von der Richtigkeit seiner Vision für Deutschland und Europa zu überzeugen. Viele Stunden verbrachte er bei jovialen Begegnungen mit ihnen, vorzugsweise bei Mahlzeiten in einem seiner Lieblingsrestaurants. Dies gestattete ihm, in einer Atmosphäre, in der sich bürokratische Mäkelei verbat, nationale deutsche Anliegen zu gemeinsamen Zielsetzungen zu erheben. Statt darüber zu streiten, was wem am meisten nutzt oder schadet, wurden die Fragen der Zeit eingebettet in das größere Ziel der Partnerschaft, für die Kohl bereit war, auch erhebliche Opfer zu bringen.

Deutschland zu vereinigen, als sich der ostdeutsche Staat auflöste – dazu mussten gewaltige Hindernisse überwunden werden: Meinungsverschiedenheiten in Deutschland, die sowjetische Besatzungsarmee in der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik, die zweifelgesättigte Zögerlichkeit bei den Verbündeten und die strategischen Sorgen der Sowjetunion. Kohl umschiffte diese Hindernisse nicht zuletzt, weil er in Ost wie West ein beträchtliches moralisches Kapital angesammelt hatte.

Helmut Kohl stellte eine kumpelhafte Nähe her, die Staatenlenker vertrauten ihm

Kohls persönlicher Einfluss beruhte darauf, dass er, obwohl hochintelligent, nicht universelle Prinzipien verkündete wie etwa Helmut Schmidt. Seine Stärke war es, Eigenschaften, die gewöhnlich als typisch deutsch gelten, umzusetzen in eine Vertrauen schaffende, kumpelhafte Nähe. Dies entsprang zum Teil nüchternem Kalkül, wie das Handeln eines jeden Politikers, doch war es zugleich Ausdruck seiner tiefsten Überzeugung. Kohl hatte das Ende der Nazizeit durchlebt. Deutschland wieder heranzuführen an die westliche Zivilisation war ihm ein zutiefst emotionales Bedürfnis. Seinen Ausdruck fand das in symbolischen Gesten wie beispielsweise dem Besuch, den er Hand in Hand mit dem französischen Staatspräsidenten François Mitterrand auf dem Schlachtfeld von Verdun mit seinen Tausenden von Kriegsgräbern absolvierte.

Als Kohl 1982 Bundeskanzler wurde, stand die europäische Nachkriegsarchitektur. Unter ihrem ersten großen Kanzler Konrad Adenauer hatte die Bundesrepublik 1949 eine historische Entscheidung getroffen: Sie machte Schluss mit einer rein nationalen Politik. Anstatt auf Deutschlands geografische Mittellage und seine Bevölkerungsstärke zu setzen, erklärte sie es sich zum Prinzip, die deutschen nationalen Interessen im Rahmen des europäischen Integrationsprojekts und der atlantischen Partnerschaft zu verfolgen. Und so schmerzhaft dieser Verzicht auch war: Adenauer ordnete das Ziel einer baldigen Wiedervereinigung dem Erfolg der europäischen Integration und der Festigung der atlantischen Gemeinschaft unter. Dabei blieb er, selbst als die Sowjets den Deutschen 1952 die Wiedervereinigung anboten, falls sie sich im Gegenzug auf die Neutralisierung ihres Landes einließen.

Zu Beginn der Kanzlerschaft Kohls stand aufs Neue Adenauers Grundsatzentscheidung auf der Tagesordnung. Aber erst musste eine emotionale Debatte über den Zweck der Atlantischen Allianz bewältigt werden, bevor die kühnen Vorhaben in die Tat umgesetzt werden konnten. Es ging damals um die Aufstellung amerikanischer Mittelstreckenraketen, zum größten Teil auf deutschem Boden. Die strategischen Erwägungen, die dem "Doppelbeschluss" der Nato – Mittelstreckenraketen weder in Ost noch West oder aber Nachrüstung der Nato – zugrunde lagen, spielen heute keine Rolle mehr. Der Beschluss löste eine Entwicklung aus, die zum Ende des Kalten Krieges führte. Aber die Grundsatzfragen von damals stellen sich auch heute wieder: Lässt sich das Schicksal Amerikas von dem Europas trennen? Wären die beiden Partner wirklich in der Lage, Sicherheit und Fortschritt in einer Weise zu verbürgen, die sie der Notwendigkeit einer gemeinsamen Sicherheitspolitik enthebt oder ihnen gestattet, sich zur Förderung ihres Wirtschaftswachstums einseitige Vorteile zu verschaffen? In den achtziger Jahren rechtfertigte Kohl den Anspruch, dass der Westen ein gemeinsames Schicksal teile, indem er sich auf die nukleare Risikoteilung einließ und gegen heftigste Opposition am Doppelbeschluss festhielt. Zugleich ergänzte er den sicherheitspolitischen Aspekt seines Handelns mit der Schaffung einer gemeinsamen Währung, des Euro.