Eigentlich wollte ich mich nicht zu dieser Sache äußern, weil ich gehofft hatte, dass es unnötig ist. Und ich bin auch nicht so arrogant zu glauben, dass meine Worte irgendwas "recht machen" oder aufklären. Aber ich hoffe, dass sie zum Nachdenken anregen.

In der letzten Zeit häuften sich in Europa wieder Anschläge, Akte der Widerwärtigkeit und des Grauens, die man als normaler Mensch nur schockierend finden kann. Mir erscheint es selbstverständlich, dass die allermeisten dies so sehen. Auch wenn es Gruppierungen geben mag, die sich etwas davon versprechen, Radikale aller Richtungen, die diese grauenhaften Taten ausschlachten, um ihre Ideologie oder Interessen zu rechtfertigen, und die mehr damit beschäftigt scheinen, andere Gruppen zu verurteilen, statt zu versuchen, Trost zu spenden und Solidarität zu zeigen mit den Opfern und ihren Angehörigen.

Was mir aber immer wieder begegnet, ist die Erwartungshaltung Muslimen gegenüber, sich angesichts dieser Schrecklichkeiten zu distanzieren oder gar zu rechtfertigen. Das stellt in meinen Augen eine Anmaßung und ehrlich gesagt eine bodenlose Frechheit dar. Und zwar allein schon wegen der Unterstellungen, die einer solchen Haltung vorausgehen. Die grundsätzliche Annahme, die damit verbunden ist, lautet nämlich indirekt oder auch direkt: Ihr habt irgendwas mit diesen Mördern zu tun.

Arbion Gashi, 22, kam als Kind aus dem Kosovo nach Deutschland. Er studiert in Bayreuth und engagiert sich in der Jugendarbeit.

(Und ich bezeichne sie bewusst als Mörder, weil diese Menschen für mich keine Terroristen im klassischen Sinne sind, die mit drastischen, falschen Maßnahmen eine politische Ordnung verändern wollen – in meinen Augen ist es einfach Mord.)

Dass diese Mörder sich Muslime nennen, obwohl ihre Ideologie und ihr Handeln den grundsätzlichen Aussagen dieser Religion widersprechen – es wird einfach hingenommen, es wird gar nicht erst analysiert, wie widersprüchlich diese Aussage doch ist. Dabei erfordert es kein Studium der Islamwissenschaften, um den Widerspruch zwischen dem Handeln dieser Mörder und den Grundsätzen des Islams zu erkennen. Es sich so einfach zu machen und dann von den Muslimen zu fordern: "Distanziert euch!" – das finde ich schlicht unverschämt.

Aber ich empfinde so eine Haltung nicht nur als beleidigend, sie ist auch absurd und realitätsfern.

Nehmen wir mal an, die Erwartung an die Muslime, sich zu distanzieren, sei gerechtfertigt. Sagen wir: Okay, wir Muslime gehen jetzt raus und machen klar, dass wir damit nichts zu tun haben, dass wir die Auffassung dieser Menschen nicht teilen und deren Handeln nicht gutheißen. Bestätige ich als Muslim damit nicht indirekt, dass es eine Beziehung zwischen mir und den Mördern gibt? Eine schlechte Beziehung, die ich hiermit, bei einer Demo, mit einer öffentlichen Bekanntmachung, einem Appell oder was auch immer, auflösen möchte? Genau das sehe ich aber nicht ein, denn es bestand ja nie ein Verhältnis zu diesen Menschen, es gibt keine Gemeinsamkeit, die ich aufkündigen müsste.

Außerdem: Was wird denn damit bezweckt? Wir reden hier von Mördern, denen es, man glaube es oder nicht, vollkommen egal ist, ob ich mich hinstelle und sage: "Mit denen habe ich nichts zu tun!" Sie freuen sich ja noch und profitieren davon, wenn wir uns spalten lassen.

Es geht bei der ganzen Geschichte auch nicht nur um das Verhältnis, das Muslime zum IS haben oder nicht haben. Es geht auch um das Verhältnis, das wir in unserer Gesellschaft untereinander pflegen, Muslime und Nichtmuslime. Ich sehe unser Zusammenleben auch von anderer Seite gefährdet: durch Stigmatisierung, Abgrenzung, rechte Hetze, und das obwohl wir seit Langem und zum überwiegenden Großteil auch heute noch gut zusammenleben.

Ich kann es nachvollziehen, wenn Menschen das Bedürfnis haben, sich zu positionieren. Wenn Muslime zeigen wollen, dass die Mörder nichts mit dem Islam zu tun haben, und das Offensichtliche aussprechen – warum nicht? Aber zu oft wird übersehen, dass die allermeisten Muslime in Deutschland sich ja allein schon durch ihre alltägliche, friedliche – normale – Lebensweise vom Terror abgrenzen. Würde ich beispielsweise meinen Onkel im Kosovo, einem überwiegend muslimischen Land in Europa, sagen, er möge sich bitte von den Taten des "Islamischen Staates" distanzieren, würde er mich vermutlich verdutzt anschauen und meine Temperatur messen wollen, um zu sehen, ob ich nicht einen Sonnenstich hätte. Für die meisten Muslime ist es einfach abwegig, eine Verbindung zum IS und ähnlichen Truppen herzustellen, nur weil diese sich islamisch nennen.

Es gibt keine Pflicht für Muslime, die Erwartungen zu erfüllen, die manch andere an sie haben. Wir sind auch so Teil dieser Gesellschaft. Das ist die einzige Antwort, die man diesen Mördern geben sollte: Wir lassen uns nicht spalten, wir halten zusammen.

Und wer sich leichter tut, das zu glauben, wenn die Muslime sich ständig vom Terror distanzieren, der kann sich recht unkompliziert einmal auf den Websites der verschiedenen muslimischen Verbände umsehen: Dort äußern sich Muslime regelmäßig, wenn wieder Morde begangen und auf heuchlerische Weise mit einer Religion in Verbindung gebracht wurden. Die Appelle und Beileidsbekundungen, die man von Vertretern der Muslime so streng fordert, werden nämlich – um das Ganze noch absurder zu machen – gern auch übersehen und ignoriert.