Der Werber Jean-Remy von Matt hat gerade zwei Großprojekte: Ludwig van Beethoven und Angela Merkel. Zu Beethoven kam der 64-Jährige, als er für seine neue Wohnung einen Steinway-Flügel kaufte – zur Deko, er selbst spielt kein Klavier. Und weil seine Frau das neureich fand, gab er ihr ein Versprechen: Nächstes Jahr an deinem Geburtstag spiele ich dir die Mondscheinsonate! Nun kommt regelmäßig eine Klavierlehrerin ins Haus, und von Matt übt wie besessen.

Für sein zweites Projekt, Angela Merkel, war kaum Zeit zum Üben, obwohl von Matt auch hier Anfänger ist. Erstmals versucht er sich an einem Bundestagswahlkampf. Aus diesem Grund kommt der Werber nun regelmäßig für ein paar Stunden zur Kanzlerin. "Ich durfte in meiner Laufbahn die besten Biermarken und schnellsten Sportwagen betreuen", sagt Jean-Remy von Matt, "aber noch nie ein dem Wettbewerb so überlegenes Produkt wie Frau Merkel."

Der Schweizer, Chef der Hamburger Agentur Jung von Matt, hat Slogans erfunden, die fast jeder kennt: "Geiz ist geil!" (für Saturn) oder "Mein Haus, mein Auto, mein Boot" (Sparkasse). Von ihm stammt "Bild dir deine Meinung" und "Wie, wo, was, weiß Obi". Er ließ einen schrillen Alten mit Rauschebart "supergeil" singen und ihn dabei zwischen Supermarktregalen tänzeln. Allein dieses Werbevideo für Edeka bekam bei YouTube so viele Klicks wie die Union Zweitstimmen bei der vorigen Bundestagswahl: 18 Millionen. Nun kümmert sich von Matt um die CDU, und die ist froh darüber, dass sie ihn hat. "Wir haben gute Inhalte und eine gute Kanzlerin", sagt CDU-Generalsekretär Peter Tauber. "Was wir noch stärker brauchen, sind Emotionen. Und Jung von Matt kann Emotionen."

Bis zum Wahltag läuft bei der CDU ein doppeltes Experiment. Es geht darum, die Politik der Kanzlerin, deren Markenzeichen bislang das Nüchtern-Rationale war und deren einschläfernde Art der Debattenvermeidung SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz gerade als "Angriff auf die Demokratie" wertete, so emotional rüberzubringen wie nie zuvor. Dieser politische Stunt soll ausgerechnet einem Mann gelingen, der bislang "eine kühle Distanz zum politischen Geschäft" gewahrt hat, wie sein Bruder Dominique von Matt sagt. Und der stets betont hat, er würde nie für eine Partei werben. Kann das gut gehen?

Erich Sixt war verblüfft, als er von der Kooperation erfuhr. Der Gründer der Mietwagenfirma kennt von Matt seit 35 Jahren. "Als ich hörte, dass Jean-Remy von Matt nun für Frau Merkel arbeitet, war ich überrascht. Weil er unpolitisch ist", sagt Sixt. Er frage sich, ob dieser "hochsensible Künstler" mit einer Partei klarkomme: "Als Kreativer ist er nach meiner Erfahrung am besten, wenn er kompromisslos sein darf."

Von Matt selbst sagte 2016 in einem Interview: "Mein Idealbild war immer, dass wir Werber wie der Beifahrer eines Rallyepiloten unseren Kunden ständig zurufen, wo es langgeht." Nun aber sitzt die Kanzlerin am Steuer. Und ein unpolitischer Werbefachmann will ihr sagen, wo es langgeht? Ist das nicht größenwahnsinnig?

An einem Tag im April steht von Matt im zweiten Stock der CDU-Zentrale in Berlin. Vier Stunden lang hat er mit Merkel und ihren Leuten beraten: Grundkonzept, Inszenierungsformen, Tonalitäten. Jetzt wird der neue War-Room präsentiert. Fotografen, Kameraleute und Journalisten interessieren sich aber für etwas anderes: Jean-Remy von Matt. Doch es scheint, als würde der sich am liebsten unsichtbar machen – was schwerfällt bei fast 1,90 Meter Körpergröße. Gebückt, den Blick auf die Fußspitzen gerichtet, schleicht er etwas abseits umher. Merkels Profi fürs Emotionale, ein hauptberuflicher Provokateur, der Produkte aggressiv wie kaum ein Zweiter verkaufen kann, wirkt schüchtern, geradezu menschenscheu.

Merkel selbst hat ihn sich im Spätsommer 2016 als Wahlhelfer ausgesucht. Zu jener Zeit tingelte sie über die Marktplätze ihrer politischen Heimat Mecklenburg-Vorpommern. Doch auch sie konnte nicht verhindern, dass die AfD dort erstmals bei einer Landtagswahl vor der CDU landete.

Im Adenauer-Haus wurden sie nervös damals. Sie suchten ein Mittel gegen die wachsende Kraft rechts von der Union. Die AfD, sagten sie sich, arbeite mit Emotionen wie Angst, also müsse man dem – neben Argumenten – positive Emotionen entgegensetzen. So kam die Agentur Jung von Matt ins Spiel. Als Merkel verkündete, dass sie erneut antritt, sagte sie: "Dieser Wahlkampf wird anders."