Am 3. Februar dieses Jahres rieben sich viele Europäer verwundert die Augen: Da hatte ein Bundesrichter namens James Robart aus dem Staate Washington entschieden, dass Donald Trumps Einreisesperre für Menschen aus sieben muslimischen Ländern nicht verfassungsgemäß sei. Robart hob sie daher auf. Ein einzelner Richter obsiegte also gegen den Präsidenten der Vereinigten Staaten? Verrücktes Amerika. Die leicht erregbare europäische Angstlust hatte sich schon lebhaft ausgemalt, wie jetzt der Faschismus das Weiße Haus erobert habe und von dort aus alsbald im Bürgerkrieg das Mutterland der Demokratie. Doch irritierenderweise war ein bis dahin unauffälliger Bundesrichter offenbar mächtiger als beispielsweise jener sinistre Ideologe Stephen Bannon im Weißen Haus. Diese Woche wurde nun Robarts Urteil vom Supreme Court teilweise außer Kraft gesetzt, die endgültige Entscheidung fällt im Herbst.

Warum das rechtliche Hin und Her so bedeutend ist, das kann man von Judith Nisse Shklar lernen. Die 1992 im Alter von nur 63 Jahren verstorbene Denkerin ist in der angelsächsischen Welt längst eine moderne Klassikerin der politischen Theorie, ein klangvoller Name wie der ihrer Kollegen Rawls, Dworkin oder Walzer. In Deutschland hingegen ist sie noch kaum bekannt – obwohl sich der junge Philosoph Hannes Bajohr als Herausgeber und Übersetzer seit Längerem erfolgreich um ihr Werk bemüht. Im jetzt erschienenen Shklar-Band Der Liberalismus der Rechte sind vier glänzende Aufsätze versammelt, die um die Frage kreisen, weshalb das Recht im liberalen Denken und in der politischen Realität Amerikas eine derart überragende Rolle spielt und somit ein "Liberalismus der Rechte" entstehen konnte.

Das hohe Gut des Rechts erklärt Shklar mit jener amerikanischen Tradition, die seit der Unabhängigkeitserklärung Rechte als "Herz einer gerechten Regierung" verstanden habe. Zugleich sollte das Recht "ein unüberwindliches Bollwerk gegen jegliche Machtergreifung durch die Legislative oder Exekutive" sein, wie einer der Gründerväter, der vierte Präsident James Madison, schrieb. Recht wurde in Amerika sofort vom Bürger her gedacht – während die jahrhundertealte europäische Tradition es nah am Staat und an seiner Autorität ansiedelte. Vielleicht hat hier die intellektuelle Geringschätzung des Rechts seine Ursache. Oft mokierte sich Shklar über jene französischen Denker, die fixiert auf eine ominöse Macht starrten und darüber den Bürger aus dem Blick verloren. Für Shklar ist das "Drama der Freiheit" ein historischer Prozess und nichts anderes als "die Einforderung von Rechten" – die von der demokratischen Mehrheit nie gewährt worden seien.

Bewundernswert ist ihr Sinn für Abgründigkeiten. So ist die Sehnsucht nach einem schwachen Staat keine neoliberale Verschwörung heutiger Milliardäre, sondern entstand um 1830 bei den armen Weißen, aus Angst vor einer reichen Oberschicht, die mit dem mächtigen Staat die einfachen Leute entrechten könnten: "Tag und Nacht beteten sie herunter, dass die beste Regierung diejenige ist, die am wenigsten regiert und nichts kostet. Sie sagen es noch immer." Der Präsident als "Tribun", nicht erst seit Trump – eine "äußerst dauerhafte Mentalität": "Seine Pflicht bestand darin, das Volk gegen eine Armee reicher, hinterlistiger und aristokratischer Raubtiere zu beschützen." Zugleich befeuerte die Sklaverei den Kampf der weißen Arbeiter um ihre eigenen Rechte. "Nicht höher zu stehen als die niggers, das war die große Furcht." Niemals wollte man ein weißer Sklave sein. Der Kampf um deren Befreiung schließlich war vor allem eine religiöse Erweckungsbewegung, es ging um die "Erlösung von Sünde", von der "Bürde der Schande und des Zwanges". Shklars Liberalismus der Rechte hat auch religiöse Wurzeln. Wenn Präsident Obama in der Kirche von Charleston Amazing Grace anstimmte, so geschah das in diesem Geist. Und wenn Shklar, auf die McCarthy-Ära und die Watergate-Affäre anspielend, schreibt, dass der "Liberalismus der Rechte von einheimischen Gegnern nicht weniger angespornt" werde als von ausländischen, denken wir heute an Donald Trump. Auch die Rechtskämpfe von heute werden, so darf man mit dieser großen Skeptikerin hoffen, eine "sich selbst verstärkende, dynamische Kraft" entfalten.

Judith Shklar war in ihrem Denken und ihrem "angeborenen Geschmack an der Vergangenheit" eine unorthodoxe Analytikerin, keine Architektin; realitätsferne Denkgebäude waren ihr suspekt. Während John Rawls eine Theorie der Gerechtigkeit entwarf, dachte Shklar lieber Über Ungerechtigkeit (Berlin 1992) nach. Statt eine Tugendlehre zu entwerfen, schaute sie in einem brillanten Buch auf Ganz normale Laster und deren philosophische Bedeutung, an erster Stelle die Grausamkeit (Berlin 2014, 29,90 €). Schließlich entwickelte sie ihren bedeutendsten Begriff: jenen Liberalismus der Furcht (Berlin 2013, 14,80 €), dessen Prinzipien den Wesenskern der liberalen Traditionen bilden, als Antwort auf das schlimmste aller Übel – "die Grausamkeit und die Furcht, die sie hervorruft, und schließlich die Furcht vor der Furcht selbst".

Überall in ihrem Werk wirken die frühen Erfahrungen dieser Intellektuellen nach. Geboren wurde Judita Nisse 1928 in Riga am Rand Europas in eine wohlhabende deutsch-jüdische Familie hinein. Ihr Vater Aron ist erfolgreicher Geschäftsmann mit diversen Unternehmungen; ihre Mutter Agnes ist Ärztin und betreibt eine Kinderpraxis für Arme. Ihre liberale Familie ist nicht sehr religiös, allerdings steht allen der Antisemitismus deutlich vor Augen. Kindermädchen, Sprachunterricht, Klavierstunden gehören für die kleine Dita zum Alltag.