Viele tun das so fest, dass sie immer wiederkommen. 85 Prozent der Füssing-Kurenden sollen Stammgäste sein, manche waren angeblich schon mehr als hundertmal da. Und das, obwohl inzwischen nur noch 15 Prozent aller Gäste auf Kassenverordnung kommen, der Rest sind Privatzahler und Gesundheitsurlauber. Nach den Reformen im Gesundheitswesen sind Kurorte längst keine Selbstläufer mehr – 1995 war das Gäste-Verhältnis fast exakt umgekehrt, 80 Prozent kamen durch die Kasse, 20 Prozent zahlten selbst. Höhere Zuzahlungen, verkürzte Aufenthalte und strengere Antragsprüfungen haben das Kurgeschäft verändert.

Zumindest theoretisch, praktisch kann ich keine Ranschmeiße an eine neue, jüngere, ausgebefreudigere Zielgruppe erkennen: Es gibt kein Tai-Chi im Kurpark, kein Spaßbad, das andere Menschen als die Haubentaucher in den Thermen anziehen könnte. Hier ist alles absichtslos ältlich – avant-retro, wenn man so will. Das große makeover hat Bad Füssing, scheint es, noch nicht nötig. Stattdessen werden die Selbstzahl-Kurzkuren immer billiger, große Hotels bieten eine Woche Gesundheitsurlaub schon für knapp 300 Euro an.

Vermutlich schätzt das riesige Stammgastheer an Bad Füssing genau das, was mich schon am zweiten Tag nervös macht: Es passiert wenig. Genau genommen nichts. Oder bin ich einfach immer am falschen Ort? Ein hektisches Gefühl des Nichtverpassenwollens steigt in mir auf. Ich blättere in einem Prospekt und stelle fest, dass ich gestern den Aktionstag "Klang der Lüfte" versäumt habe. Das Programm klingt sehr interessant: "Wunderschöne Tauben vom Deutschen Flugrollerclub und am Himmel klingende Pfeile der Klangbogenschützen laden zum Zuschauen, Zuhören und Mitmachen ein." Für nächste Woche ist ein Honig-Schauschleudern avisiert, nur mein Besuch scheint in ein Event-Vakuum zu fallen.

Mit fehlt das leise soziale Grundrauschen, das sonst in meinem Alltag ganz selbstverständlich mitbrummt. Vielleicht sollte ich mich ein wenig in den Kur-Small-Talk einbringen. Aber meine Versuche, Mitkuranden auf der Parkbank oder bei einem Stück Torte in ein Gespräch über Zipperlein und Wetter zu verwickeln, scheitern regelmäßig. Der beige Club hat eine strenge Tür, niemand will mit mir sprechen. Liegt es nur daran, dass ich gute 20 Jahre jünger bin als der durchschnittliche Füssing-Gast, oder mache ich etwas falsch? Zu Hause sorgt schon mein wirklich sehr schöner Hund dafür, dass ich zuverlässig in Plaudereien hineingezogen werde, denn bei fast jedem Gassigang will ihn irgendwer anfassen. Hier macht Juri keinen Stich. Hunde scheinen nicht sonderlich beliebt zu sein in Bad Füssing; in den Kurpark dürfen sie nicht, und man sieht nur wenige von ihnen auf der Straße.

Dabei seien die meisten Kurgäste durchaus kontaktfreudig, erzählt mir ein Taxifahrer: "Es schattet noch gewaltig." Die meisten seiner nächtlichen Amouren-Fuhren starten "beim Haslinger". Nun suche ich keineswegs nach einem Kurschatten – neben dem "Hausfreund" vielleicht die schönste diskret erotische Floskel der deutschen Sprache –, aber die Nachtseite des Kurbetriebs muss ich doch wenigstens einmal gesehen haben.

Der Haslinger Hof hat eine eigene Kreisverkehrsausfahrt etwas außerhalb von Bad Füssing und ist so etwas wie ein Ballermann für ältere Semester. Angeblich wollte der namensgebende Landwirt hier eine riesige Schweinezuchtanlage bauen, bekam aber wegen des befürchteten Gestankaufkommens keine Baugenehmigung. Also baute er einen Vergnügungsbetrieb, ein echtes Labyrinth aus verschiedenen Tanzböden und -hallen. Bei meinem Besuch sind alle drängelvoll, der Altersdurchschnitt liegt am frühen Abend vielleicht bei 55, die Betastungsbereitschaft scheint immens. Das Unterhaltungsduo Bluejeans sagt das nächste Lied an: "Es ist eine wahre Geschichte von zwei Menschen, die hier im Haslinger die große Liebe finden, und morgen müssen sie wieder auseinandergehen." Wie traurige Satelliten kreiselt eine Schar Einzelmänner umher und begafft jede Einzelfrau so unverhohlen dringlich, dass ich bald fliehe. Ein paar Autos neben meinem Parkplatz sitzt ein Seniorenpaar züngelnd im offenen Kofferraum.

Nach zwei Tagen einsamen Strawanzens kenne ich alle Hotspots und lerne langsam, die Käseglocke zu lieben, die sich hier fugendicht über mich gestülpt hat. Ich weiß, wo es den exzentrischsten Eisbecher gibt, ich kenne die schönste Kurparkbank und habe für mich still das tollste Kurort-Promenier-Outfit gekürt: lachsfarbener Hosenanzug mit Goldgürtel, hohe Blondhaare. Ich habe herausgefunden, dass man dem nachmittäglichen Kurkonzert am schlauesten von der Terrasse des benachbarten Cafés lauscht, weil a) bester Blick und b) Schwarzwälder Kirsch. Ich weiß, dass "Rentnerschleuder" Füssinger Kur-Slang für die Strömungsanlage des Johannesbades ist, und habe bereits eine große Flasche Blutwurz gekauft, knallroten Kräuterlikör aus der namensgebenden Pflanze.

Ich mache jetzt einfach das, was alle tun, zum Kuckuck mit der Restdistanz. Oft bedeutet das, gar nichts zu tun. Aber ich schaue auch bei der Seniorengymnastik am Morgen vorbei. Zum Aufwärmen läuft Marmor, Stein und Eisen bricht, in diesem Kontext durchaus witzig, doch das einzige ulkige Element hier bin ich, weil ich bei meiner ersten Altenturnstunde am nachlässigsten und vermutlich auch altmodischsten gekleidet bin: beulige graue Jogginghose, labbriges schwarzes Shirt. Alle anderen: gut sitzende, bunte Fitnesskleidung. Bevor es losgeht, wirft eine extrem elastische Seniorin in rosa Turnschläppchen erst einmal locker 50 Basketballkörbe. "Sie ist 82 und macht das jeden Morgen", wispert mir eine Stammturnerin zu, dann wechselt die Musik zu Schöner fremder Mann. "Wir pendeln uns ein", sagt die Vorturnerin, und ich pendele mit. Beim Luftboxen zu Moskau ("Wirf die Gläser an die Wand / Russland ist ein schönes Land") stehle ich mich aus Faulheit davon, immerhin im Takt.