Das Seltsame ist: Die Musik und die aus der ZDF-Skigymnastik meiner frühen Jugend bekannten Übungen wirken gar nicht antiquiert – weil der Kurort und alles, was in ihm geschieht, insgesamt in einer Blase der Zeitlosigkeit vakuumiert scheinen. Ich verliere mich hier nicht nur im Tageslauf, sondern überhaupt in der zeitlichen Verankerung, alles wirkt sonderbar unbestimmt. Kurallee auf, Kurallee ab, eine kleine, verbotene Parkrunde mit dem Hund: Sind das gerade die achtziger, die neunziger, die nuller Jahre? Sämtliche Indizien, die Hinweise darauf geben könnten, sind seltsam vage. Beim Kurkonzert sagt die Dirigentin eine "Marschhumoreske" (bizarres Genre!), die Bremer Stadtmusikanten und den Holländischen Holzschuhtanz an. Die Schaufenster der Kleidergeschäfte präsentieren nie gehörte Designer, die ebenso gut Fantasie-Modemarken aus einer alten Derrick-Folge sein könnten: Cyrill Kotter, Erika Lison, Eugen Klein. Ein Rikscha-Verleih wirbt mit dem Slogan "Erlebnis-Fahrspaß mit fremdländischer Fortbewegungskultur". Nach drei Tagen Bad Füssing erschrickt man, wenn einer am Café-Nebentisch plötzlich das Zeitgeschehen reinlässt: "Ich sach immer: Aufpassen mit den Flüchtlingen! Wat is denn in Amerika mit die Indianer passiert?"

Auch mein eigenes Alter verwischt. Plötzlich habe ich Bepanthen (der in der Therme aufgeschroffte Ellenbogen) und pappige Eisbonbons (aus der Willkommensschale beim Seniorenturnen) in der Handtasche, eine klassische Alttanten-Kombi. Nun bin ich bereit für eigene Anwendungen, das ganzkörperliche Fallenlassen, mit dem ich das Kurkonzept vollends umarmen will, und zwar mit einer Fangopackung, für mich der Inbegriff aller rätselhaften Kurverrichtungen. Bis vor Kurzem hatte ich keine Ahnung, was es mit dieser Therapie auf sich hat, mochte aber immer schon die für mich vage exotische Anmutung, vermutlich wegen der klanglichen Nähe zu Tango und Mango. Tatsächlich bedeutet Fango, natürlich: Schlamm. Fein gemahlenes Vulkanitgestein aus dem Kaiserstuhl bei Freiburg, mit Bad Füssinger Thermalwasser angerührt. Die Badefachkraft verteilt es überall auf mir, wickelt Plastikfolie drum, deckt mich mehrlagig zu und senkt mich solchermaßen rouladiert in eine Wanne warmen Wassers ab.

Ich kann mich nicht rühren und weiß sofort: Das ist Erholung, die ich meine. Nicht nur nichts tun müssen, sondern auch nichts tun können: Selbst wenn ich wollte, jede Regung wäre unmöglich, so gut bin ich eingepackt. Eine halbe Stunde muss ich so verharren, bald wird mir wahnsinnig heiß. Ich mache mit den Füßen Raschelbewegungen im Plastik, um Brandungsgeräusche und Meeresentspannung zu simulieren und mich von der Bruthitze abzulenken. Nach dem Abduschen fahre ich leicht duselig zurück in die Pension und gehe um 20 Uhr schlafen. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit bin ich sogar zu müde für die Hörbücher, die mich sonst spätabends in den Schlaf reden müssen.

Ob ich wirklich gesünder würde, wenn ich mich für ein paar Wochen regelmäßig fangoisieren ließe? Vielleicht müsste ich dazu erst mal wirklich krank sein. Andererseits gehöre ich wohl schon jetzt zur Füssing-Klientel: Die Thermalwasserkur soll nicht nur Gelenke und Knochen wieder heile machen, sondern einer aktuellen Studie der Universität Würzburg zufolge auch chronischen Stressbibern helfen.

Zum Abschluss meiner Blitzkur besuche ich den Saunahof, einen alten Vierseit-Bauernhof, der acht unterschiedliche Themen-Schwitzkammern beherbergt. Für Freitagabend steht in der sogenannten Kartoffelsauna, die baulich einem typischen gewölbigen Knollenkeller nachempfunden ist, eine "Kartoffel-Creme" auf dem Programm. Der Dampfraum ist schon gut gefüllt, ich drängle mich auf den letzten freien Pritschenplatz. Der Aufgussmeister trägt ein Tablett mit kleinen Schälchen herein, deren Inhalt nach veganem Dip aussieht. "Kartoffelpüree mit Massageöl, vom Saunameister selbst entwickelt, nicht zum Verzehr geeignet", erklärt der einzige Bekleidete in dieser Blankzieh-Massenszene und verteilt reihum seinen Kartoffelschlick, mit dem man sich nun bitte wie mit einem Peeling einreiben solle.

Sofort setzt um mich herum tumultartiges Schmieren ein, ausgiebig wird auch untenrum kartoffelt. Eigentlich sollte man die Einreibung nun antrocknen lassen, aber mir reicht es für den Moment. Ich fliehe, überzogen von einer leicht krokettigen Kruste, und verbringe lieber noch ein halbes Stündchen allein im mysteriös blubbernden Champagnerbecken der angrenzenden Therme. Ich sitze nur, ich schwimme nicht, lasse mich langsam aufweichen und finde es wunderbar.

Zumindest das habe ich bei meiner Kur gelernt: Erholung darin zu finden, einfach nur ein menschlicher Klumpen zu sein, der auf einer Parkbank sitzt oder auf einer Massagepritsche liegt. Meine FOMO, die moderne fear of missing out, Verpassenspanik also, hat sich in eine Freude am Vorbeirauschenlassen gedreht. Tatsächlich, ich bin aufgeweicht. Keinerlei Ehrgeiz, etwas zu erleben, Hotspots zu checken, einen bestimmten Gesichtsbräunungsgrad zu erreichen – nichts von dem Ballast, den ich sonst so in den Urlaub mitnehme. Wie lange ich das aushielte, weiß ich nicht. Aber ich weiß jetzt, wo ich ein begehbares Archiv der Erholungskunst finde, falls ich es brauchen sollte.