Die knappen Nachrichten auf den Postkarten klangen wie ein Code:

"Wetter ist gut, Essen auch, mein Zimmer habe ich angekreuzt." Als Kind konnte ich ewig auf die Ansichtskarten starren, die Oma und diverse Tanten wöchentlich von ihren Kuraufenthalten schickten. Ich fuhr mit den Fingern über das mit Kuli eingeritzte x auf dem Hotelfoto und schaute mir die kleinen Bonusbildchen von schmerzbunten Blumenrabatten, zu Figuren frisierten Bäumchen und tiefblauen Schwimmbecken an. Fuhr die Familie am Wochenende dann zu Besuch in die Kurstadt, galt es etwaige Eisbecher ohne Rücksicht auf Gehirnfrostbrand hastig hinunterzuschlingen, weil alsbald wieder zum Aufbruch gedrängt werden würde, da Oma oder Tante jetzt eine "Anwendung" habe, ein rätselhafter Verschleierungsbegriff, der in meiner Kinderfantasie alles von "neuer Dauerwelle" bis zu "abgesägtem Bein" bedeuten konnte.

Ich hatte noch keine Gelegenheit gehabt, diese kindliche Grobvorstellung eines Kuraufenthalts differenzierter auszumalen, als ich 35 Jahre später nun selbst nach Bad Füssing fuhr. Nicht für eine echte, verschriebene Kur, eher für eine Art Kur-Simulation. Ich suche vor allem Erholung. Bin aber ein Wellnesstrottel und fühle mich überfordert von zeitgenössischen Angeboten wie Wochenend-Retreats im brandenburgischen Schweigekloster, Lachyoga-Fortbildungen oder Pilates-Powerhousing. Manches davon gibt sich altehrwürdig. Aber hat nicht der deutsche Kurbetrieb selbst eine beachtliche Ausspann-Historie, solide gemauert wie ein Kneipp-Becken? Der werde ich mich vertrauensvoll überlassen. Schon wegen der Aussicht auf ein tägliches Stück Torte.

Für Bad Füssing, das etwa 30 Kilometer südlich von Passau liegt, habe ich mich entschieden, weil eine vernünftige Kur in meiner Familie traditionell in Bayern stattzufinden hatte. Die Kur-Pensionen im Füssinger Ortsteil Würding heißen noch so, wie man heute eigentlich nur noch Kühe nennt: Haus Elsa, Elvira, Erika. Ordentlich aufgereiht stehen sie nebeneinander, wie Rinder im Stall. Ich komme im Chalet Canis unter, das zwar weniger holzverbrettelt ist als erwartet, aber eine vorzügliche Unterkunft für Menschen, die, wie ich, mit ihrem Hund reisen.

Der erste Satz, den ich in Bad Füssing vom Nebentisch höre, nachdem ich mich in einer Gaststube niedergelassen und – Sozialchamäleon, das ich bin – eine Seniorenportion Käsespätzle bestellt habe: "Als ich auf der Erde lag, ging es mir eigentlich wieder gut. Ich hatte aber nur ein Nachthemd und einen Schlüpfer an." Ausgiebige Krankheitsverlaufsschilderungen begleiten meine Mahlzeit und lassen mich wie auf einem gut geschmierten Schuhlöffel in mein neues Soziotop rutschen.

Der Ort zählt nur 7.200 Einwohner, aber jährlich etwa 1,6 Millionen Gäste, was Bad Füssing zum bestbesuchten deutschen Kurort macht (auch wenn die meisten nicht über Nacht bleiben). Ein Viertel aller ambulanten Kuranwendungen, zu denen die Krankenkassen ihren Teil dazugeben, werden in Bad Füssing durchgeführt, der Rest verteilt sich auf Deutschlands übrige 320 Kurorte. Ich befinde mich also an einem ausgewiesenen Heilplatz, gewissermaßen in der kassenärztlich verschreibbaren Variante eines Wallfahrtsorts. Wie mag es hier erst zugegangen sein, als es sich die Kassen noch leisten konnten, Gesunde zu verschicken?

Zunächst will ich nur zuschauen, das scheint mir die anstrengungsärmste und folglich erholsamste Art, mich dem noch fremden Kurprinzip zu nähern. Als Erstes flaniere ich, gekleidet in fidele Sommerhosen mit Palmendruck, die Kurallee auf und ab, denn ich habe das Gefühl: Hier passiert’s. Oder eben gerade nicht, was ja das Schöne, Gemächliche, Kraftspendende an so einem Kuraufenthalt ist. Trotz Hauptsaison ist die breite, blitzblanke Promenade mit Parkanschluss angenehm menschenarm.

Ich spaziere vorbei an der Therme 1, dem ältesten von inzwischen drei Brunnen. Entdeckt wurde das 56 Grad heiße Heilwasser, das aus 1.000 Meter Tiefe sprudelt, durch ein Versehen. Die Reichsbodenkammer bohrte 1937 eigentlich nach Öl und Gas und legte dabei ungewollt einen Badesee mit Thermalwasser an. Nach Kriegsende wurden dessen heilsame Qualitäten erkannt. Das verhalf dem Ort in den fünfziger Jahren zum Kurbetriebs- und Immobilienboom.

Ich spaziere entlang an Cafés, Boutiquen, Kramsläden und Fußpflegepraxen. Versehentlich gerate ich in eine Open-Air-Messe für E-Bikes, rette mich dann in ein schwer verkauztes Bernstein-Museum, in dessen Shop ich meinem Hund eine Bernstein-Halskette sowie ein abartig nach vergorenem Motoröl stinkendes Fläschchen Bernsteinöl kaufe. Beides soll meinen Hund vor Zecken schützen – klappt garantiert nicht, denke ich zuerst, aber man muss vielleicht einfach mal dran glauben, bei der Kur wie bei der Hunde-Esoterik.