Normalerweise schleift Andreas Ochs Flusspferden die Zähne ab oder schiebt Elefanten einen Gartenschlauch in den Hintern, um ihnen einen Einlauf zu machen, aber jetzt muss er der Außenminister der Bundesrepublik Deutschland sein. Er hat sich rasch ein weißes Hemd angezogen, eine Krawatte umgebunden und ein Jackett übergeworfen, bevor er am Freitag vergangener Woche lächelnd auf ein Rednerpodest in der chinesischen Stadt Chengdu steigt. Die Direktoren verschiedener Ministerien aus Peking sitzen im Publikum in der ersten Reihe, und die Journalisten der chinesischen Nachrichtenagenturen schreiben mit, als Andreas Ochs über die deutsch-chinesische Freundschaft spricht. Er ist in diesem Moment nicht mehr der Tierarzt des Berliner Zoos, er ist der Repräsentant einer dankbaren Nation. Auf Englisch sagt er: "Ich bin so stolz."

Kleine Mädchen, als Blumen verkleidet, und kleine Jungs in Panda-Kostümen tanzen auf der Bühne. 500 Menschen schauen ihnen zu. In Chengdu hat eine Abschiedszeremonie begonnen. Zwei Pandabären der örtlichen Zuchtstation werden gleich in Kisten verladen und fliegen dann mit Tierarzt Ochs nach Deutschland. Auf einer Leinwand laufen Videos mit Babybildern der Bären, aus Lautsprechern ertönen Fanfaren, wie man sie von den Siegerehrungen bei Olympischen Spielen kennt. Andreas Ochs winkt den Funktionären der chinesischen Naturschutzbehörden zu.

In den weltweiten Beziehungen der Staaten und ihrer Tiere ist nichts komplizierter, als ein Panda-Pärchen aus China zu holen. Vier Jahre hat es bei den Pandas gedauert, die nun bald im Berliner Zoo zu sehen sein werden. Einen Panda kann man nicht kaufen, man kann ihn auch nicht beantragen. Er wird einem Land gegönnt, als eine seltene Leihgabe von Gnaden der Volksrepublik.

Die Bundeskanzlerin musste sich in die Verhandlungen einschalten, der chinesische Staatspräsident, das Auswärtige Amt in Berlin, das Außenministerium in Peking, die Senatsverwaltung in Berlin, die oberste Forstbehörde in Peking, deutsche Naturschützer, chinesische Tierforscher, der Regierende Bürgermeister von Berlin, Zoologen, Lokalpolitiker. Sie alle sind beteiligt, damit diese Operation gelingt, die Operation Panda.

Sobald ein Zoo einen Panda bekommt, geschieht bei den Besuchern etwas Unglaubliches, eine Art Bären-Ekstase. Oft werden dann eine halbe Million Menschen im Jahr mehr angelockt. Im französischen Zoo Beauval hat sich die Zahl der Besucher nach der Lieferung von Pandas mehr als verdoppelt. Schon der Eisbär Knut war im Berliner Zoo eine Sensation, aber das ist nichts, verglichen mit einem Panda-Pärchen, das womöglich auch noch Nachwuchs bekommt. Pandabären sind für einen Zoo eine Geldmaschine. Deshalb sind die beiden Pandas so wichtig für den Berliner Zoo.

Und deshalb ist Andreas Ochs, der Tierarzt, extra nach Chengdu gereist, um die beiden Bären persönlich abzuholen. In seiner Rede stellt er das 45-jährige Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen China und der Bundesrepublik heraus. Am Ende versammeln sich die Direktoren aus den chinesischen Ministerien neben ihm auf der Bühne, die geladenen Gäste hinter der Absperrung schwenken Fähnchen und applaudieren begeistert. Danach verwandelt sich der Außenminister Ochs zurück in einen Tierarzt und sieht nach den beiden Pandas, die seit zwei Monaten in einer Quarantänezone der Zuchtstation leben. Sie sind jung und dick, sitzen zwischen Bambushaufen und fressen die ganze Zeit. Anders als Doktor Ochs scheinen sie vor der Reise nach Berlin nicht besonders nervös zu sein. Der Arzt hat sich nach den Hormonwerten im Urin der Bären erkundigt. Er hat sich auch um ihre Mahlzeiten während der langen Reise und den Proviant für die erste Woche in Berlin gekümmert, eine Tonne Bambus.

Der Panda Effekt

Wie die Bären den Zoos neue Besucher bringen

Quelle: Anthony Sheridans Handbuch; »Europas Zoos unter der Lupe«, Tierpark Schönbrunn © ZEIT-GRAFIK

Für einen kurzen Ausflug hat Andreas Ochs die 14-Millionen-Einwohner-Stadt Chengdu verlassen, die in Smogwolken gehüllt ist. Bei schwülen 32 Grad hat er sich ins Auto gesetzt und ist ins nahe gelegene Panda Valley gefahren, eine waldreiche Gegend in der Provinz Sichuan, wo gezüchtete Pandas an die Wildnis gewöhnt werden sollen. Ochs hat sich angeschaut, wie die Tiere dort leben. Er hat sich in der Vergangenheit viele Gedanken über die Bären gemacht. Schon in seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit ihrer Fortpflanzung. Er hat die Tierpfleger von Chengdu ausgefragt, ist mit chinesischen Forschern essen gegangen und hat nebenbei erfahren, dass LH 8415 – der eigens für die Bären arrangierte Charterflug der Lufthansa – früh am Morgen in Nowosibirsk zwischenlanden muss, um Treibstoff nachfüllen zu lassen.

Als die Maschine am vergangenen Samstag auf der Landebahn Nord des Flughafens Berlin-Schönefeld ausrollt, warten schon 40 Fotoreporter und Kameraleute auf sie. Zur Begrüßung der Bären lassen Feuerwehrautos Wasserfontänen emporschießen. Andreas Ochs trägt wieder ein T-Shirt, als Repräsentant wird er nicht mehr benötigt. Diese Aufgabe übernimmt nun Michael Müller, der Regierende Bürgermeister von Berlin, der in der Cargohalle vor den Boxen mit den Pandabären ans Rednerpult tritt, um diese offiziell in Berlin zu begrüßen. Ochs steht am Rand der Halle, während Müller viele Hände schüttelt.

Ein Panda steht für eine staatlich orchestrierte Freundschaft. Bis ein Panda geliefert wird, muss man sich in Geduld üben, man muss alle Mittel der Diplomatie ausschöpfen.

Die Geschichte der Berliner Pandas ist eine verworrene Geschichte, in deren Verlauf der deutsche Außenminister wechselt, ebenso der Regierende Bürgermeister von Berlin. Nur Angela Merkel bleibt an ihrem angestammten Platz. Vielleicht ist sie es, die mit ihrer unerschütterlichen Stabilität aus dieser Geschichte eine Erfolgsgeschichte gemacht hat, vielleicht.