Der Öffentliche Protestantismus sucht die Öffentlichkeit, befördert sie und beteiligt sich an ihr. Er tritt dem Rückzug aus der Gesellschaft entschieden entgegen – sei es als Rückzug in eine falsch verstandene Innerlichkeit, sei es als ein Auftritt, der sich als eine überweltlich legitimierte Amtsautorität maskiert, faktisch aber einen Rückzug aus der Gesellschaft bedeutet. Der Öffentliche Protestantismus befasst sich mit den Voraussetzungen des gesellschaftlichen Zusammenhalts und den Überzeugungen, die für ein liberales Gemeinwesen unabdingbar sind. Er orientiert sich dazu an den drei Artikeln des Glaubensbekenntnisses und dringt darauf, die Weltlichkeit der Welt zu respektieren als Konsequenz aus dem Glauben an Gott den Schöpfer; individuelle Freiheit in der Gemeinschaft zu ermöglichen als Konsequenz aus dem Glauben an Gott den Versöhner; die Zukunftsfähigkeit menschlichen Lebens zu gewährleisten als Konsequenz aus dem Glauben an Gott den Erlöser. Mithilfe dieser drei Leitlinien soll der Rahmen für einen pluralen, an den Rechten des Einzelnen orientierten politischen Diskurs umschrieben werden. Öffentlicher Protestantismus steht für diesen Rahmen ein, für eine Willensbildung im demokratischen Gemeinwesen, die dem Respekt vor dem Individuum und der Suche nach Kompromissen verpflichtet ist. Und er übernimmt selbst für die Verbreitung und Erhaltung dieses Rahmens Verantwortung.

Dementsprechend werden sich politische Stellungnahmen des Protestantismus gegen alle Versuche wenden, politisches Handeln durch den bloßen Verweis auf naturgegebene Normen zu legitimieren. Gleichwohl schließt die Anerkennung der Weltlichkeit die Einsicht ein, dass sich politisches Handeln nur im Horizont der natürlichen Rahmenbedingungen vollziehen kann. Die evangelische Freiheit konkretisiert sich im permanenten Ausmitteln von Wirklichkeit und Möglichkeit. Die Befreiung der Welt zu ihrer Weltlichkeit bedeutet, die Struktur der Welt nicht als Heilsordnung zu überhöhen, sie aber zugleich als den Ort anzuerkennen, an dem sich allein die individuelle und kollektive Freiheit der Lebensführung realisieren können.

Versöhnung als Freiheit in der Gemeinschaft zu begreifen heißt anzuerkennen, dass sich jeder Mensch von anderen unterscheidet, dass er, traditionell formuliert, ein unverwechselbares Kind Gottes ist. Jede Form von Gemeinschaft, ob in Staat oder Kirche, bemisst sich daran, ob es ihr gelingt, die unverzichtbare soziale Einbettung des Einzelnen so zu gestalten, dass sie die Individualität nicht infrage stellt. Sosehr die Botschaft des Evangeliums dazu anleitet, sich mit dem Bestehenden nicht abzufinden, sondern auf dessen Verbesserung hinzuarbeiten, so sehr entspringt dem Versöhnungsgedanken auch das Vertrauen in die Grenzen des selbst empfundenen und auch des aus dem Glauben entspringenden Handlungsdrucks.

Der Versöhnungsgedanke weist der Motivation zur Veränderung das rechte Maß zu. Die Welt, in der wir uns vorfinden, ist die durch Jesus Christus versöhnte Welt. Aller Unvollkommenheit zum Trotz geht gerade von der Versöhnung der Welt durch Jesus Christus der Impuls aus, Fragen der Verbesserung nicht auf das Niveau von Heilsfragen zu heben. Das bedeutet zugleich die Relativierung eines permanenten, steril auf Dauer gestellten Veränderungsdrucks, wie er mitunter im politischen Protestantismus und der Öffentlichen Theologie zum Ausdruck kommt. In ihnen treten Menschen leicht als die auf, die eine andere Welt erstreben. Zur Tiefengrammatik dieses Aktivismus gehört die Vorannahme, dass die Welt unvollkommen sei und durch fromme Menschen zum Guten gewendet werden müsse. Der Versöhnungsgedanke wird dabei unmittelbar in die Aufforderung an die Glaubenden umgemünzt, diese Versöhnung ins Werk zu setzen. Damit gewinnt aber einseitig das "Noch-nicht" der Erlösung das Übergewicht gegenüber dem "Schon" der Versöhnung, droht Erfolg im transformierenden Handeln unversehens zur entscheidenden Kategorie für die Stellung des Menschen vor Gott zu werden. Und umgekehrt muss Erfolglosigkeit zum Merkmal für die Schuld des Menschen werden, der seine Aufgabe und seine Stellung vor Gott verfehlt hat.

Die den Diskursrahmen markierenden politischen Stellungnahmen des Protestantismus werden sich stets für das Ziel einsetzen, dem Einzelnen eine Zukunft in einer selbst gewählten Lebensform zu ermöglichen und ihn nicht auf das Vorgegebene festzulegen. Zukunftsfähigkeit bedeutet aber nicht nur, auf Absolutheitsansprüche in einzelnen kontroversen Fragen zu verzichten und dadurch Freiheitsspielräume für die Entfaltung des eigenen Lebensentwurfs zu schaffen. Zukunftsfähigkeit heißt auch, die Strukturen bereitzustellen und weiterzuentwickeln, die es dem Einzelnen ermöglichen, seinen eigenen Lebensentwurf zu verfolgen. Der Sozialstaat folgt hier dem Geist des Christentums. Denn das Freiheitsverständnis des evangelischen Christentums wäre unvollständig, wenn es nur an der Freiheit von Bevormundung orientiert wäre. Das Christentum pflegt immer auch ein Freiheitsverständnis, das auf Unterstützung und Befähigung des Einzelnen zielt. Wer das ausblendet, läuft Gefahr, den Blick für Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten zu verlieren, und damit, willentlich oder nicht, bestehende Verhältnisse und Machtstrukturen zu affirmieren.

Die christliche Parteinahme für die Schwachen und Rechtlosen nimmt diesen Gedanken auf. Sie ist in Aufnahme der neutestamentlichen Erzählungen von Jesu Zuwendung zu den Ausgegrenzten sensibel dafür, dass diejenigen, denen es eine Stimme zu geben gilt, keineswegs stets auf den ersten Blick erkennbar sind – ein Gesichtspunkt, der gerade vor dem Hintergrund des dem Rechtspopulismus zugrunde liegenden Repräsentationsproblems an Bedeutung gewinnen wird.

Der Öffentliche Protestantismus tritt für das Verbindende ein. Dieses Verbindende ist deutlich mehr und gehaltvoller als die häufig in pluralen Gesellschaften vertretene Forderung, dass es um der Sicherstellung der Freiheit willen genügen müsse, äußerliche Rechtstreue einzufordern. Die Ausrichtung des Protestantismus auf das Gemeinwohl zielt dennoch gerade nicht darauf, einen festen Kanon konkreter politischer Forderungen mit der Autorität des Glaubens zu unterfüttern. Sie orientiert sich vielmehr an der unter dem Eindruck einer forcierten Pluralisierung der westlichen Gesellschaften gewachsenen Einsicht, dass es notwendig ist, die Rahmenbedingungen zu stabilisieren, ohne die eine liberale Ordnung ihre eigenen, die Freiheit individueller Lebensführung garantierenden Grundlagen zu zerstören droht.

Die gesellschaftliche Präsenz und die politischen Aufgaben des Protestantismus umfassen somit mehr als ein prophetisches Wächteramt gegenüber dem Staat oder als die lobbyistische Artikulation kirchlicher Interessen, mehr auch als die bloße Stellungnahme zu strittigen politischen Themen oder die religiöse Zurüstung und Gewissensschärfung des einzelnen politischen Akteurs oder Staatsbürgers. Zwar haben all diese Handlungsformen ihr relatives Recht, bilden aber nicht hinreichend ab, worin der besondere Beitrag des Protestantismus zur politischen Kultur besteht: in der aus dem Glauben an Gott den Schöpfer, Erlöser und Versöhner resultierenden Pflege des Verbindenden, das politischen Streit sowie politische Entscheidungen ermöglicht und zugleich auch begrenzt. Der Protestantismus will diejenigen Überzeugungsressourcen bereitstellen, die die Voraussetzung dafür bilden, strittige Fragen unter dem Verzicht auf Absolutheitsansprüche und unter der Anerkennung des anderen als Gleichberechtigtem auszutragen. Verschiedenheit als Gleichwertigkeit anzuerkennen ist dabei eine Perspektive, die ebenso eng mit der Tradition des christlichen Glaubens verbunden ist, wie sie mit den Hintergrundüberzeugungen und fundamentalen Prinzipien einer liberalen, rechts- und sozialstaatlichen Demokratie zusammenhängt.

Wer aber spricht dergestalt im Namen des Protestantismus? Wem obliegt es, jene korridorbeschreibenden Grundüberzeugungen als Rahmen in den politischen Diskurs einzuspeisen? Welche Schwierigkeiten hier bestehen, ist auf dem eben zu Ende gegangenen Kirchentag deutlich geworden: Auf einem Laientreffen sprechen kirchliche Amtsträger – und es ist nicht klar, ob sie ihre persönliche Position als Christen artikulieren oder als Vertreter der Institution auftreten. Die Grenze zwischen persönlichem Statement und kirchlicher Verlautbarung ist fließend. Ebensolche Rollendiffusionen gibt es aber auch auf der Seite von Politikern, die für die Sache des Christentums sprechen, dabei aber vorrangig als Wahlkämpfer in eigener Sache agieren. In dieser Perspektive wird das Problem der Inanspruchnahme einer prophetischen Redeweise vollends deutlich, sei sie von Vertretern der Kirchenleitung, sei sie von Individuen in Anspruch genommen: Sie konterkariert das Bestreben, dem Öffentlichen eine Repräsentanz zu verschaffen.

Es fehlt der gemeinwohlorientierten Dimension des Protestantismus eine eigene Instanz, eine institutionelle Repräsentanz. In den Zeiten einer Mediengesellschaft, in den Zeiten aber auch, in denen die Präsenz leitender Überzeugungen des Christentums nicht mehr selbstverständlich vorausgesetzt werden kann, stellt dies ein unübersehbares Problem dar. Möglicherweise steht diese Wahrnehmung im Hintergrund, wenn bei den Kritikern einer Kirche, die sich zu sehr als Interessenverband oder politischer Akteur profiliere, von einer spirituellen Auszehrung die Rede ist. Das Gegenmittel liegt aber nicht in einer Konzentration auf das vermeintlich genuin Religiöse, sondern in einer Herausstellung der am gesellschaftlichen Zusammenleben orientierten Kräfte des Protestantismus.

Allen Gesetzen der Mediengesellschaft zum Trotz: Eine solche Stärkung kann nicht darin bestehen, ein neues Amt, gleichsam einen Bischof der Zivilreligion zu schaffen. Es muss darum gehen, diese Kräfte sichtbar und wahrnehmbar werden zu lassen, indem sich die individuelle und die kirchliche von der öffentlichen Dimension des Protestantismus erkennbar unterscheiden – freilich ohne damit leugnen zu wollen, dass diese öffentliche Dimension des Protestantismus mit dessen individueller und kirchlicher Dimension untrennbar verbunden ist.