Der ewige Fall Sieferle hat ja auch etwas Humoristisches. Die Dringlichkeit etwa, mit der einige Jurymitglieder der NDR-Bestenliste Finis Germania verdammten, als hätte ihnen irgendjemand unterstellt, sie seien auf dem berühmten Auge blind, zählt hierzu. Auch der sehr ausführlich geratene Artikel im Spiegel, in dem ganz genau dargelegt wurde, weshalb das einsame Votum des Hausredakteurs, mit dem das Buch in die Bestenliste geriet, etwas unglücklich gewesen sei. Dann die Trigger-Warnung der Süddeutschen Zeitung, die jetzt im Netz vor den Nachruf auf Rolf Peter Sieferle gesetzt wurde: Die bekannt gewordenen Nachlasswerke Sieferles hätten dazu geführt, dass sie "das aktuelle Urteil" des Autors über den Historiker nicht mehr abbildeten. Schließlich die vorhersehbare Scheinempörung am rechten Rand: Es werde wieder einmal ein Edelstein der Kulturkritik vom denkfaulen Mainstream verfemt und so weiter. Es scheint, als führe in diesem Stück Helmut Dietl die Regie und als sei das Sieferle-Buch, das mit seinem völkischen Geraune, seiner Führerbunker-Melancholie und bebenden Schicksalsdramatik unfreiwillig komisch ist, in einer posthumen Schnapslaune von Konrad Kujau erfunden worden.

Der Historiker Rolf Peter Sieferle (1949 – 2016) sorgte posthum für Aufregung. © Ammann und Siebrecht

Kurz dachte man, der Zenit dieser so halb großen Affäre könnte überschritten sein, wenn nicht Rüdiger Safranski am Wochenende im Deutschlandfunk der landestypisch erschöpfenden Aufarbeitung derartiger Vorfälle noch eine besonders überraschende Wendung gegeben hätte. Die Skandalisierung empfindet der zweifellos verdienstreiche und vor Kurzem mit dem Börne-Preis ausgezeichnete Autor als "Skandal". Im Kern, erklärt Safranski, gehe es in dem diskussionswürdigen Werk von Sieferle doch nicht darum, Auschwitz zu leugnen, sondern mitzudenken, "dass dieses 20. Jahrhundert so voll von den Großverbrechen war". Auf "einer metaphysischen Deutungsebene" werde in Finis Germania dargelegt, wie nach "der allgemeinen Überlieferung sich dann ein auserwähltes Volk und das extrem Böse, das Deutsche gewissermaßen gegenüberstehen" – eine Gedankenfigur, die auch jüdische Denker schon formuliert hätten. Außerdem werde übersehen, so Safranski, dass Sieferles Werk im Genre der Nachtgedanken stehe, also in der Tradition Edward Youngs oder Heines: "sehr pessimistisch, sehr melancholisch. Sie sind auch zum Teil glanzvoll formuliert." Der politische Eifer der Juroren habe zu einer ästhetischen Desensibilisierung geführt. Deshalb die Fehltritte derjenigen, die sich von dem Werk distanzierten.

Einmal davon abgesehen, dass kein noch so glänzender Stil die trübe Botschaft eines Werks relativieren oder gar aufwerten kann – zu einem Aphoristiker wie Cioran wird man Sieferle selbst mit ästhetischer Großzügigkeit nicht ausrufen können. Abenteuerlich wird es, wenn Safranski das Werk zu einer harmlosen, geschichtsdialektisch interessanten Völkerschau umdeutet. Das ist es beim besten Willen nicht. Finis Germania ist von einem fast zwanghaften Determinismus beseelt: Hitler sei es "für alle Zeiten" (!) gelungen, "den Deutschen und den Juden eine komplementäre Sonderrolle" in der Welt zuzuweisen. Es gebe ein "positiv auserwähltes Volk", nämlich die Juden, und ein "negativ auserwähltes Volk", die Deutschen. Im Programm des antifaschistisch inspirierten Multikulturalismus macht man sich nun Sieferle zufolge genau diese Opposition zunutze, um "das indigene Volk der Industrieländer" zum Gegner zu erklären und "dessen Widerstand gegen Immigration und Überfremdung" zu brechen.

Man kann das, was Sieferle sagt, auch sehr viel einfacher, weniger glanzvoll sagen: Der Holocaust rottet die Deutschen aus, denn die Antifaschismus-Keule sorgt heute dafür, dass wir jeden Migranten ins Land lassen und somit untergehen. Wer diese verschwörungstheoretische Verspanntheit ablehnt, muss gewiss nicht unter "ästhetischer Desensibilisierung" leiden. Und wer glaubt, die Migrationspolitik kritisieren zu müssen, braucht dazu nicht diese völkischen Nachtgedanken.