In den Wochen vor den Zeugnissen fühlen sich viele Lehrer oft wie auf der Anklagebank: Es ist die Zeit, in der Eltern mit dem Rechtsanwalt drohen, sofern die Note nicht nachgebessert wird, oder ihn gleich in die Sprechstunde mitbringen. Wie geht man als Lehrer damit um? Um das zu lernen, sind einige von ihnen an einem warmen Frühlingsnachmittag nach München gekommen, in die Akademie des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), zum Seminar "Effektive Konfliktprävention". Ein Altbau mit Blick auf die Theresienwiese. Hier sollen sie üben, wie man heikle Gespräche führt, dabei die Ruhe bewahrt und sich nicht einschüchtern lässt.

Ein Seminar, nötiger denn je: Die Streitigkeiten zwischen Eltern und Lehrern haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen, vor allem in den Großstädten und deren Speckgürteln. Hans-Peter Etter ist Leiter der Rechtsabteilung des BLLV. Er berichtet, dass seine Abteilung heute viermal so viele Beschwerden bearbeitet wie noch vor 15 Jahren. 2.000 kleinere Rechtsanfragen bekommt allein dieser bayerische Verband jedes Jahr, die sich per Mail oder Anruf klären lassen. Dazu kommen mehrere Hundert Anliegen, für die eigens eine Akte angelegt werden muss und die einer intensiveren juristischen Klärung bedürfen: in Widerspruchsverfahren oder sogar Gerichtsverhandlungen.

Dabei sind längst nicht alle Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Lehrern erfasst. "Von Schulleitungen bekommt man nur selten eine ehrliche Auskunft: Sie wollen ihre Schule ja als konfliktfrei darstellen", sagt Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.

Klaus Wenzel, pensionierter Lehrer und Leiter des Münchner Seminars für Konfliktprävention, sagt: "Eltern und Lehrer ziehen in der Erziehungsarbeit oft nicht mehr an einem Strang." Der Lehrer wird als Gegner wahrgenommen. Die Note gilt als Schlüssel zum Erfolg. Und Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Dafür machen sie sich stark – mit allen Mitteln.

Fünfzehn Jahre lang saß Klaus Wenzel regelmäßig an der Beratungs-Hotline des Bildungsverlags Domino und nahm Anrufe besorgter Eltern aus ganz Deutschland entgegen. Häufigster Anlass: die Noten, noch vor Mobbing. "Ich wusste immer, in welchem Bundesland es gerade Zeugnisse gegeben hatte: Von dort kamen die meisten Anrufe."

In Bayern und Nordrhein-Westfalen haben die Grundschullehrer-Verbände eigene Rechtsabteilungen. Die in Bayern hatte vor 20 Jahren nur einen Mitarbeiter, heute sind es 17. Ausgerechnet bei einem Pädagogenverband war die größte Abteilung plötzlich die Rechtsabteilung. Ihr Leiter Hans-Peter Etter sagt: "Sämtliche schulischen Entscheidungen werden hinterfragt, das ist purer Wahnsinn." Hauptthema ist der Übertritt, aber es geht auch um Erziehungsmaßnahmen, Verweise, Noten. Hunderte von Grundschullehrern sind betroffen, allein in Bayern.

Die Rechtsabteilungen werden dann eingeschaltet, wenn Eltern ihren Anwalt einen formlosen Rechtsbehelf, eine Dienstaufsichtsbeschwerde oder eine Strafanzeige schicken lassen oder gleich mit dem Anwalt in der Elternsprechstunde erscheinen.

Von ihren Erlebnissen berichten Lehrer nur anonym: Da will eine Mutter über jede Klassenarbeit diskutieren. Da kommen Eltern in die Sprechstunde und klären Lehrer auf, wie sie Noten zu vergeben haben. Da kommt der Vater eines Drittklässlers und sagt: "Wenn Sie diese Note in der vierten Klasse vergeben hätten, wäre ich jetzt mit dem Rechtsanwalt da." Da schreibt ein Vater zig Briefe und E-Mails, weil er das Kind gemobbt sieht. Demnächst will er den Anwalt einschalten, weil die Schule aus seiner Sicht nichts dagegen unternimmt.

An den Gymnasien sind es vor allem Noten, Verweise oder Strafarbeiten, deretwegen die Eltern Stress machen, berichtet Heinz-Peter Meidinger. Diese Eltern sind oft Juristen, Ärzte – oder selbst Lehrer. Oft gehe es dabei gar nicht darum, dass ihr Kind überhaupt die Klassenstufe oder das Abitur schaffe, sondern um den Notenschnitt. Häufig fordern Eltern auch, dass die Schule eine Ordnungsmaßnahme wie einen Verweis zurücknimmt: aus Angst um den Ruf des Kindes.

Ein Anwalt kann keinen Aufsatz bewerten

Es sind längst keine Einzelfälle mehr. "Das stresst", "das nervt", "das macht dich fertig", sagen die Lehrer. "Das stresst", "das nervt", "das macht dich fertig", sagen auch die Eltern: Wenn das Kind schon wieder eine Note heimgebracht hat, die den Übertritt, die Versetzung oder die Abschlussnote gefährdet. Wenn das Kind permanent klagt, von Mitschülern drangsaliert zu werden. Wenn Eltern das Gefühl haben, dass die Lehrer ihr Kind benachteiligen, zu Unrecht Strafarbeiten verhängen, zu schwierige Klassenarbeiten schreiben lassen. Eltern sagen: Es ist doch gut, dass wir die Möglichkeit haben, uns zu wehren, dass wir uns nicht alles gefallen lassen müssen.

Sibylle Schwarz ist Anwältin in Wiesbaden, sie hat sich auf Bildungsrecht spezialisiert. "Oft wollen die Eltern nur eine Information darüber, welche Rechte sie haben", sagt sie. "Die Eltern, die zu mir kommen, sind keine Helikopter-Eltern, sondern haben berechtigte Anliegen." Es geht um die Schulwahl oder die Versetzung. Darum, ob Lehrer die Kinder auf Klassenfahrten richtig beaufsichtigt haben. Hochkonjunktur hat sie, wenn andere in den Sommerurlaub gehen. Gerade hat sie bei der Schulbehörde ein Widerspruchsverfahren laufen, weil ein Mädchen wegen eines längeren Krankenhausaufenthalts Klassenarbeiten nicht mitschreiben konnte und deswegen nicht in die neunte Klasse versetzt wurde. Ausgang offen.

Bundesweit gab und gibt es Gerichtsverfahren. In Berlin hatten 2013 mehrere Eltern geklagt, weil ihre Kinder das Probejahr am Gymnasium nicht bestanden hatten. Schuld sollten die vielen Migranten in der Klasse gewesen sein. Die Eltern verloren. In Niedersachsen entschied das Oberverwaltungsgericht, dass Eltern vom Elternsprechtag ausgeschlossen werden dürfen, wenn sie diesen nur dazu nutzen, den Lehrer zu beschimpfen. In Nordrhein-Westfalen wurde im Februar ein Musiklehrer vom Vorwurf der Freiheitsberaubung freigesprochen: Er hatte eine laute Realschulklasse zu einer Strafarbeit verdonnert und sie daran gehindert, das Klassenzimmer vorzeitig zu verlassen.

Oft sei eine Klage vor Gericht nicht sinnvoll, sagt die Rechtsanwältin Schwarz. "Gerichtsverfahren können sich über Jahre hinziehen – dann ist das Kind womöglich längst aus der Schule." Häufig werde dann außergerichtlich eine Einigung gefunden: "Vieles klären wir durch Gespräche mit Schulleitung oder Schulamt. "

Für ein Miteinander statt Gegeneinander plädiert auch Wolfgang Pabel, Vorsitzender des Bundeselternrats. "Ich halte es für bedenklich, wenn Eltern das Recht ihrer Kinder mit Anwälten einfordern. Aber leider ist es ein Trend, dass man sich heute gegenseitig anklagt, anstatt den Konflikt im Gespräch zu lösen."

Im Seminar in München rät Klaus Wenzel den Lehrern: "Sagen Sie den Eltern: 'Kommen Sie ruhig mit dem Anwalt, machen wir einen Termin.' Und nehmen Sie sich jemanden von der Schulleitung dazu." Es gelte, den Eltern zu signalisieren: Wir können über alles reden, nur nicht über die Note. Denn: "Ich weiß, warum ich eine Vier gegeben habe, und da diskutiere ich nicht!" Ein Anwalt kann auch keinen Aufsatz bewerten. Er kann nur beurteilen, ob Formfehler vorliegen.

Doch dafür brauchen die Lehrer Rückgrat, Erfahrung und eine Schulleitung, die hinter ihnen steht. Lehrer räumen ein, dass es manchmal bequemer ist, einfach den einen Punkt mehr zu geben, um des lieben Friedens willen. Dann schafft das Kind vielleicht den Übertritt, bekommt vielleicht die ersehnte Vier statt der Fünf und rückt in die nächste Klasse vor. Ob es dort zurechtkommt, liegt nicht mehr in der Verantwortung des Lehrers.

Schulleitungen halten die Lehrer an, auf keinen Fall Formfehler zu machen – etwa eine Klassenarbeit zu spät anzukündigen oder etwas abzufragen, was nicht exakt für dieses Halbjahr im Lehrplan steht. Fachschaften entwickeln Bewertungsbögen für Referate, für möglichst einheitliche und transparente Bewertungsstandards. Erfahrene Kollegen raten den jüngeren: dokumentieren – jedes Verhalten, jedes Fehlen.

Und viele Lehrer legen sich ihre eigenen Strategien zurecht, um Konflikten vorzubeugen: Keine schriftlichen Nachrichten an Eltern – was könnte da nicht alles hineininterpretiert werden. Rückmeldungen nach einer mündlichen Abfrage nie am Ende derselben Stunde – erst mal zu Hause in Ruhe festhalten: Worum ging es in der Abfrage, was wusste der Schüler? Keine private E-Mail-Adresse oder Telefonnummer herausgeben – wer will abends um 22 Uhr mit Eltern diskutieren, ob es Freiheitsberaubung ist, wenn der Lehrer dem Sohn das Handy abnimmt? Doch es sind nicht nur die Eltern, die mit ihren Problemen zu der Wiesbadener Anwältin Schwarz gehen: Sie vertritt auch jene, die am Ende ihrer Ausbildung kommen und die schlechte Note oder die verpatzte Prüfung anfechten wollen. Darunter sind nicht selten: angehende Lehrer.