Es ist eine Heldengeschichte. Als die alten Griechen nach langer Belagerung Troja einnahmen, verwendeten sie eine List: Vor den Toren der Stadt bauten sie ein riesiges Holzpferd, in dessen Bauch sich griechische Soldaten versteckten. Die Trojaner holten das scheinbar harmlose Pferd in die Stadt; in der Nacht schlüpften die Soldaten heraus, öffneten die Stadttore und ließen das griechische Heer hinein.

Soeben hat der Bundestag ein Überwachungsgesetz verabschiedet, das dem Staat die gleichen Ausspähmöglichkeiten bietet wie kriminellen Hackern und autoritären Regierungen. Der sogenannte "Staatstrojaner" zielt auf eine ähnlich tückische Eroberungsstrategie wie damals die Griechen: Ein als unbedenklich getarntes Programm wird von Strafverfolgungsbehörden in fremde Computer und Smartphones geschleust. Dort angekommen, zeigt es sein wahres Gesicht, macht sich breit und liest heimlich Mails, Notizen und WhatsApp-Nachrichten mit.

Der richtige Begriff dafür wäre eigentlich Staatsspion oder Staats-Stasi. Denn im Kern geht es darum, grundsätzlich geschützte, persönliche, hoch sensible Daten auszuspähen und möglichst alles in Erfahrung zu bringen, was ein Verdächtiger plant und denkt. Smartphones, Tablets und Computer sind wie ein externes Gehirn, wer da hineinleuchtet, erfährt nahezu alles über einen Menschen. Das Gesetz geht weit über das hinaus, was der stark umstrittene und vom Bundesverfassungsgericht gestutzte "große Lauschangriff" darf. Es würde, wenn es in Kraft tritt, erlauben, bei fast vierzig Straftaten eine Schadstoffsoftware auf elektronischen Endgeräten zu platzieren.

In der Computersprache gibt es den Begriff Trojaner schon lange. Die Bundesregierung hat für ihren Zweck das Wort Staat davorgesetzt. Einen fundamentalen und heimtückischen Angriff auf die Privatsphäre als Staatstrojaner zu bezeichnen ist gleichermaßen semantisch, psychologisch wie politisch geschickt. Jeder andere Begriff hätte Argwohn erzeugt und sofort eine hitzige, kontroverse Debatte hervorgerufen, die CDU/CSU und SPD tunlichst vermeiden wollten. "Staatstrojaner" – das klingt unverfänglich, darüber regt sich niemand sonderlich auf. Weckt das Wort doch Erinnerungen an eine heroische Tat.