Nun ist es offiziell. CDU und Katholizismus sind geschieden. Ihre Beziehung ist zerrüttet, der Bund für die Ewigkeit zerbrochen. Gekriselt hat es oft. Schon Helmut Kohl machte Adenauers C-Partei mit stark katholischer Schlagseite zur modernen ökumenischen Volksvertretung und schlachtete aus Sicht der Kirchen reihenweise heilige Christenkühe. Als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz löste Kohl die Konfessionsschulen auf. In seine Kanzlerschaft fallen die Abschaffung des Buß- und Bettags, die Streichung des sogenannten Schwulen-Paragrafen 175 sowie das Ende der Strafbarkeit bei Abtreibung.

Doch auch wenn der ehemalige Kölner Kardinal Meisner regelmäßig giftete, die CDU möge ihr C an der Garderobe abgeben, war der Zwist nie von Dauer und die konservativ-katholische Welt unter Kohl scheinbar in Ordnung. Und das, weil sich Kirche und Kanzler jedes Mal wieder zusammenrauften nach der Keilerei. Weil Kohl es verstand, die heiligen Kühe unter Mittäterschaft der ganzen Partei zu meucheln, und sich aus Kalkül, aber auch persönlicher Überzeugung regelmäßig und wohldosiert zum K bekannte – und das sogar post mortem. Bei Kohls Totenmesse im Dom zu Speyer konnte die Welt sich am vergangenen Wochenende ein letztes Mal davon überzeugen: Die CDU unter Kohl liebte den Weihrauch und der Weihrauch sie. Trotz allem.

Unter Angela Merkel hat die große Liebe von gestern gelitten. Darüber trösten auch die Erinnerungsfotos nicht hinweg, die Merkel lächelnd an der Seite Franziskus’ zeigen. Die Nähe, die die Kanzlerin demonstriert, gilt wohl eher dem Menschen im Papst als dem Titel oder der Institution, für die er steht. Persönlich ist der Katholizismus mit seinen Dogmen und Traditionen der Kanzlerin nach wie vor so fremd, wie er einer Protestantin aus dem Osten nur fremd sein kann. Das war erst jüngst wieder zu beobachten, als Merkel zum Entsetzen der katholischen Bischöfe die Ausweitung der Ehe auf homosexuelle Paare im Alleingang zur Gewissensentscheidung erklärte. Seitdem geht ausgerechnet im ökumenisch durchgestylten Reformationsjahr wieder ein Riss durchs religiöse Deutschland.

Gesetzentwurf - Bundestag beschließt Ehe für alle Für die Gesetzesvorlage stimmten nach Worten von Parlamentspräsident Norbert Lammert 393 Abgeordnete. Insgesamt 226 Abgeordnete stimmten dagegen, vier enthielten sich. © Foto: dpa/picture alliance

Während sich die EKD an der eigenen Bedeutung und der im Eilverfahren durch den Bundestag gepeitschten Ehe für alle erfreut, lehnen die katholischen Bischöfe diese ab als finalen Bruch des Staates mit dem kirchlichen Ehesakrament und fühlen sich von Merkel sichtlich unverstanden und ungeliebt. Nur wirken sie dabei, anders als der polternde Kardinal Meisner der Kohl-Ära, seltsam sprach- und hoffnungslos.

Lange wagte sich keiner von ihnen ins Fernsehen. Und als der Berliner Erzbischof Heiner Koch den Anfang machte mit einer Pressekonferenz, war die Sache bereits entschieden und Koch fiel nichts Besseres ein, als kopfschüttelnd festzustellen: "Das hat die Ehe nicht verdient." Dabei ließe sich aus katholischer Perspektive durchaus einiges einwenden gegen Merkels einseitigen Liebesentzug. Wie nur etwa kann man so etwas Ewiges und Heiliges wie die Ehe der Wankelmütigkeit des Gewissens und der Gesetzmäßigkeit des Wahlkampfs überlassen? Auf so eine Idee, würde Meisner jetzt schimpfen, können nur Protestanten kommen. Für Protestanten ist die Ehe seit Luther ein "weltlich Ding" und das Gewissen das einzig Wahre in der Politik. Und tatsächlich wird der Vorwurf erhoben, Merkel verwandle Kohls ökumenische Volkspartei in einen protestantischen Wohlfühlverein, wenn auch nicht von den milde und müde gewordenen Bischöfen, sondern von gefrusteten katholischen Männern aus der Politik, die unter Merkel kaum zum Zuge kamen.

Von Thomas Goppel (CSU) etwa. Trotz der Bundestagsmehrheit für die Ehe für alle ist der ehemalige bayerische Wissenschaftsminister bestens gelaunt am Autotelefon. "Von Peter Altmaier abgesehen", flötet Goppel in die Freisprechanlage, "herrscht die protestantische Monokultur an der Spitze der Union. Das sagt doch alles über den Stellenwert des Katholizismus für die Bundeskanzlerin." Auch wenn die persönlich nur begrenzt für das katholische Elend in Haftung genommen werden könne. Daran seien auch die Umstände schuld und natürlich Helmut Kohl, der Kanzler der Einheit.

"Durch die Wiedervereinigung", ist Goppel überzeugt, "gerieten die Katholiken in Deutschland in eine Minderheitenposition. Heute erscheint der Katholizismus wie ein regionales Phänomen, das auf den äußersten Westen und Süden beschränkt ist" und randständig wirkt. Was dabei gerne übersehen werde: Das Herz der Union schlage weder links noch im Osten, noch in den Metropolen der Republik. Es schlage in der vermeintlich piefigen katholischen Provinz. Da wohnten die Treuesten der Treuen der Union, so Goppel. Und tatsächlich sind Katholiken unter den Unionsmitgliedern mit 53 Prozent immer noch weit stärker vertreten als in der Gesamtbevölkerung.

Nur ist eben auch die Provinz nicht mehr so glühend gläubig, wie sie einmal war. Da sind die Kirchen sonntags leer wie überall und die Menschen nur noch der Steuererklärung nach katholisch. Da versteht nur noch die Generation 60 plus die reine Lehre, auch wenn sie sie selbst nicht lebt. "Jahrzehntelang", schreibt der Parteienforscher Franz Walter, bildeten die Katholiken der Provinz "die große Reservearmee der christlichen Parteien. Episkopat und Ortspfarrer leisteten Mobilisierungshilfe bei Wahlen. Und das christliche Bekenntnis schlug den Integrationsbogen zum Zusammenhalt der heterogenen, weiten Volkspartei."

Ehe für alle - Katholische Kirche gegen Öffnung der Ehe Der Berliner Erzbischof Heiner Koch hat als Sprecher der katholischen Kirche die gleichgeschlechtliche Ehe abgelehnt. Für ihn sei Ehe ganz klar zwischen Mann und Frau, die ein Leben lang zusammenblieben, so Koch. © Foto: Screenshot/Reuters TV