Geht es um Smartphones bei Kindern, scheinen wir mitten in einem Glaubenskrieg zu stecken. Da gibt es auf der einen Seite die Psychologen, Psychiater und Kinderärzte, die vehement vor den gesundheitlichen Gefahren warnen. Auf der anderen Seite preisen Medienpädagogen, Bildungspolitiker und IT-Konzerne, wie sehr Kinder von den neuen Techniken profitieren können. Dazwischen sitzen verunsicherte Eltern, die sich fragen, wie digital der Alltag sein darf – und wann ein Kind Schaden nimmt.

Die ehrliche Antwort wäre: Wir wissen es nicht. Die Technik ist relativ neu, Langzeitbeobachtungen gibt es noch nicht. Stattdessen verstärken Studien, nicht selten geprägt von Meinung und Vorurteil, die Unsicherheit. So auch bei der Blikk-Studie, aus der kürzlich erste Ergebnisse vorgestellt wurden. Kinderärzte schlügen Alarm, dass Kinder durch die digitalen Begleiter hyperaktiv und dick würden, hieß es da. Außerdem war das Forscherteam zu dem Ergebnis gekommen, dass die Sprachentwicklung leide, ebenso wie die Konzentrationsfähigkeit der Kinder.

Solche Risiken sind sicherlich real. Warum aber fragen die Forscher, wie oft Kinder Smartphones und Konsolen nutzen und wie viele Süßigkeiten sie essen – und nicht etwa, wie viel Obst? Von vornherein wird eine Kausalität zwischen ungesunder Ernährung und der Technik angenommen. Liegen die Daten der Befragung vor, geht es häufig mit tendenziöser Interpretation weiter. Bei den 8- bis 13-Jährigen erkennen dieselben Wissenschaftler einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem täglichen Abhängen vorm Bildschirm und Übergewicht. Klare Erkenntnis: Smartphones machen dick. Wäre es aber nicht ebenso andersherum möglich: Übergewichtige Kinder verkriechen sich häufiger in die digitale Welt? Doch diese Frage wird nicht gestellt, stattdessen zeigt sich die Drogenbeauftragte des Bundes, Marlene Mortler, die auch Schirmherrin der Untersuchung ist, alarmiert.

Bildungsministerin Johanna Wanka hingegen kann der digitale Wandel gar nicht schnell genug gehen. Fünf Milliarden Euro will der Bund investieren, damit Deutschlands Schüler schnelles Internet in die Klassenzimmer bekommen und besser mit Smartphones und Tablets umzugehen lernen. Die Kinder sollen fit gemacht werden für die digitale Welt, um das Land wettbewerbsfähig zu halten. An ihrer Seite hat die Ministerin Medienpädagogen, die Lern-Apps und YouTube-Videos anpreisen, Lehrer, die davon schwärmen, wie sie Schüler mit Smartphones endlich für unbeliebte Fächer wie Physik und Mathe begeistern.

Es ist nicht verwunderlich, dass Eltern bei solch gegensätzlichen Aussagen ratlos sind. Wie viel Smartphone ist gut fürs Kind? Was kann man erlauben? Was sollte man verbieten? Welche Regeln sind sinnvoll? Die eine Seite plädiert für zeitliche Beschränkung und handyfreie Zonen. Je weniger Kontakt zu den gefährlichen Geräten, scheint die Devise, desto besser. Die andere Seite propagiert: Je mehr, desto zukunftsfähiger ist der Nachwuchs. Und wenn sich doch mal jemand irgendwo dazwischen platziert, dann taucht der mysteriöse Begriff der "Medienkompetenz" auf. Eltern sollen sie haben, Kinder sollen sie lernen. Was aber meint der Begriff eigentlich?

Einer, der Antworten geben kann, ist der Psychologe Georg Milzner. Er forscht zum Einfluss der digitalen Medien auf Menschen und arbeitet als Therapeut mit Familien, die Probleme mit der digitalen Entwicklung haben. Er hat selbst drei Kinder und weiß, was modernen Eltern beim Thema Smartphones fehlt: Referenzerfahrung. "Wenn meine Tochter mit fünf Jahren beim Klettern aus dem Apfelbaum fällt, weiß ich: Das ist mir auch passiert, ich hab’s überstanden. Wenn der Zehnjährige aber Clash of Clans spielen will, habe ich keinen biografischen Vergleichspunkt."

Da Mütter und Väter die Nutzung digitaler Medien durch ihre Kinder nicht mit etwas abgleichen können, was sie selbst erlebt haben, gehen viele zunächst in eine Abwehrhaltung, beobachtet Milzner. Will man aber Medienkompetenz aufbauen und weitergeben, muss man sich diese innerliche Ablehnung bewusst machen – und dann dagegen angehen. Denn: "Die digitale Entwicklung wird fortschreiten. Man kann also nichts Besseres tun, als sich auf diese Welt einzulassen", sagt Milzner.

Das bedeutet, die Eltern müssen mit. Mitspielen, mitchatten, sich erzählen lassen, was gerade im Klassenchat passiert, wie ein Spiel funktioniert, es möglichst sogar selbst durchspielen, auf der Wiese gemeinsam mit den Kindern ein Schneckenvideo drehen. "Wenn die Eltern das mit den Kindern teilen, werden sie merken: Es bauen sich ganz schnell Brücken auf", sagt der Therapeut. Von starren Regeln, die oft empfohlen werden, wie "kein Smartphone am Esstisch" oder "nur 30 Minuten Bildschirm täglich" hält Milzner hingegen nichts. "Ich empfinde solche Regeln als permanente Bevormundung", sagt er. "Man kann Eltern doch zutrauen, selbstständig zu denken und zu entscheiden."