Es ist ein Dienstagmorgen im Juni, 8 Uhr und 13 Minuten, um genau zu sein, als Dunja Hayali im ZDF-Morgenmagazin Cem Özdemir begrüßt, den Bundesvorsitzenden der Grünen. Während die beiden im Fernsehstudio beginnen, über das Topthema des Tages zu sprechen, das türkische Incirlik und die dort stationierten deutsche Bundeswehrsoldaten, wird auf der Facebook-Seite von Dunja Hayali ein Text von ihr veröffentlicht, das hat sie so programmiert. Es geht darin um eine Frage, die einige ihrer Zuschauer sehr zu beschäftigen scheint: die Frage, ob Dunja Hayali zu Deutschland gehört, ihrem Heimatland.

Vier Minuten später, als das Interview mit Özdemir vorbei ist, haben 169 Menschen Hayalis Beitrag gelikt, 27 haben ihn kommentiert. Die Kamera schwenkt auf Hayalis Moderationskollegen, sie hat nun einen Moment Pause, sofort zückt sie ihr iPhone, wischt mit dem Daumen über das Display. Zwischen ihren Augenbrauen graben sich Falten ein. Bis zum Ende der Sendung, in der Hayali noch den Turner Fabian Hambüchen, einen Kopfschmerzexperten und zwei Cellisten interviewt, werden es 761 Kommentare sein. Mehr als 2.000 Menschen werden den Beitrag gelikt haben, 142-mal wird er geteilt.

2015 schrieb Hayali ein paar Zeilen auf Facebook, die ihr Leben verändern sollten

Der Beitrag ist eine Antwort auf den Kommentar eines Mannes, der kürzlich auf Hayalis Facebook-Seite schrieb: "Ich glaube Sie gehören nicht hier her und sie sollten auswandern in ihr Vaterland!!!" Hayali entgegnet ihm, dass sie in Nordrhein-Westfalen geboren sei und alle Strophen des deutschen Volksliedes Ein Jäger aus Kurpfalz auswendig könne – und fragt dann, was das überhaupt bedeute: deutsch zu sein. Ein User kommentiert: "Ich hätte ehrlich gesagt nicht die Nerven, mich jedes Mal mit so einem Schwachsinn auseinanderzusetzen." Ein anderer schreibt: "Ich frage mich eher, woher du die Kraft nimmst, immer wieder auf so viel Blödsinn zu antworten." Man könnte auch fragen: Warum tut Dunja Hayali sich das an?

Hayali hat 2007 als erste Frau mit Migrationshintergrund die Hauptnachrichten eines öffentlich-rechtlichen Senders moderiert. Dass da plötzlich eine dunkelhaarige Frau mit nichtdeutschem Namen neben Claus Kleber stand, war eine derart große Sensation, dass sie alles, was Hayali sonst noch ausmacht, in den Schatten rückte. Sie selbst spricht inzwischen von "Migrationsvordergrund".

Allmählich aber beruhigten sich die Zuschauer und die Boulevardpresse, und es hätte ruhig bleiben können, wenn Hayali nicht am 29. August 2015 ein paar Zeilen auf Facebook geschrieben hätte, die ihr Leben verändern sollten. Damals beschloss Hayali, in die Offensive zu gehen. Sie schrieb auf ihrer Facebook-Seite: "An alle, die solche oder schlimmere Nachrichten an mich schreiben, ja, ich lese alles! Immer noch. Auch die persönlichen Diffamierungen, Beleidigungen und Pestmails ..." Ein halbes Jahr später hielt sie bei der Verleihung der Goldenen Kamera eine aufsehenerregende Dankesrede, die auf YouTube bislang fast eine halbe Million Mal abgerufen wurde.

Seitdem ist Hayali nicht mehr nur Moderatorin im Fernsehen, sondern auch eine der streitbarsten deutschen Persönlichkeiten im Internet. Mehr als 120.000 Menschen folgen ihr auf Twitter, gut 210.000 haben ihre Facebook-Seite abonniert. Zum Vergleich: Maybrit Illner hat knapp 19 000 Follower – und twittert nicht selbst, sondern mithilfe ihrer Redaktion.

Viele, die ihr folgen, schütten im Netz ihren Hass über Hayali aus. "FICK DICH DU FLÜCHTLING, DEIN NAME IST SCHON EKELHAFT GENUG" – das ist einer von unzähligen unflätigen Kommentaren, die sie täglich bekommt.

Hayalis Leben wäre auch ohne Facebook und Twitter dicht getaktet. Jede zweite Woche moderiert sie das ZDF-Morgenmagazin. Dann stellt sie vor dem Einschlafen vier Wecker: auf 3.47 Uhr, 3.51 Uhr, 3.57 Uhr und 4.01 Uhr. Später geht sie zwei Stunden lang live auf Sendung und geleitet 3,9 Millionen Deutsche in den Tag. Danach nimmt sie sich Zeit, um auf den Hass zu reagieren, der ihr entgegenschlägt, beantwortet Leserkommentare, schreibt E-Mails. Hayali sucht den Dialog: online, offline, sooft es geht, und wenn man ihr dabei zuschaut, fragt man sich manchmal: vielleicht zu oft?

Viele ihrer Kollegen ignorieren die Kommentare der Leser und Zuschauer

Bundesautobahn 2, eine Nacht Ende Mai, Hayali ist auf dem Weg von der Kleinstadt Espelkamp in Nordrhein-Westfalen nach Berlin-Kreuzberg, wo sie wohnt. In dieser Woche muss sie nicht moderieren, sie könnte freihaben. Will sie aber nicht. In Espelkamp hat sie gerade über die Glaubwürdigkeit der Medien gesprochen, auf einer Bühne in einem Bürgerhaus aus Backstein. Den Zuhörern hat sie ihre Arbeit erklärt, hat gesagt, dass sie sich angegriffen fühle, wenn jemand von "Systempresse" spreche. Dass auch Journalisten Fehler machten und dass sie weder ein Gut- noch ein Schlechtmensch sei. "Ich bin einfach jemand, der stolz auf seine Eltern ist, der dankbar und demütig ist und der versucht, von seinem Glück etwas abzugeben."

Jetzt fährt sie in ihrem schwarzen Audi-Geländewagen über die Autobahn und erzählt von jenem 29. August 2015, der so viel veränderte. Mit dem Facebook-Post habe sie eine Tür geöffnet, so formuliert sie das heute. Seitdem die Tür offen steht, verbringt Hayali viel Zeit in sozialen Netzwerken. Kaum ist sie wach, checkt sie die Facebook-App, Twitter sowieso, nach der Arbeit beantwortet sie stundenlang Leserbriefe und E-Mails. Sie schaut Hunderte Male am Tag auf ihr Telefon, so selbstverständlich, wie sie mit ihrem Golden Retriever geht – an dem sie übrigens so hängt, dass sie ihm sogar ein Buch gewidmet hat.

"Natürlich denke ich darüber nach, weshalb ich das tue", sagt sie jetzt, den Blick auf die Straße gerichtet, "wie viel Lebensqualität mir verloren geht, was das überhaupt bringt." Vor dem Termin in dem Bürgerhaus war sie bei ihrer Familie in Datteln im Ruhrgebiet, mit ihrem Vater habe sie Mensch ärgere Dich nicht gespielt, sagt sie. Es sei das erste freie Wochenende seit Langem gewesen. Wenn Hayali seit Langem sagt, meint sie: seit zwölf Wochen.

Die Familie, auch das hat sie vor den Leuten in Espelkamp gesagt, sei ihr heilig. Sie denke oft daran, was ihre Eltern für sie und ihre Geschwister getan hätten: Gute Startbedingungen hätten sie ihnen geschenkt, Vorbilder seien sie gewesen. "Wer viel arbeitet und sich den Arsch aufreißt, kann Dinge bewegen, so wurde ich erzogen", sagt Hayali. Ihr Vater ist Mediziner, ein angesehener Hausarzt in einer Kleinstadt. Das, was gute Hausärzte können, kann Hayali auch: zuhören, bevor sie selber redet.

Viele ihrer Kollegen, im Fernsehen, bei Zeitungen und Online-Medien, ignorieren die Kommentare der Leser und Zuschauer – aus Angst, aus Bequemlichkeit, aus Zeitnot. Hayali sagt: "Gerade ist nicht die richtige Zeit, um sich als Journalist in seine Komfortzone zurückzuziehen." Inzwischen ist es weit nach Mitternacht, Hayali ist seit anderthalb Stunden unterwegs, und auf dem Bordcomputer ihres Autos leuchtet eine Warnung auf: Pause machen! Hayali achtet nicht darauf. "Wir stehen in der Pflicht, uns zu erklären, mehr Transparenz zu schaffen, uns den vielen Fragen zu stellen, die die Menschen haben", sagt sie.

2015 übernahm Hayali in der Sommerpause den Sendeplatz von Maybrit Illner. ZDFdonnerstalk startete, eine Mischform aus Talk und Magazin. Das, was Hayali besonders gut kann, auf Menschen zugehen, sich auf sie einlassen, das wurde Kern des Formats. Und plötzlich gab es eine Talkshow, die sich vom System Illner-Plasberg-Maischberger-Will unterschied, in dem vor allem fernsehtaugliche Politiker wie Markus Söder und Sahra Wagenknecht seit Jahren Karussell fahren. Hayalis ZDF-Kollege Claus Kleber sagt, in ihr stecke eine außergewöhnliche Mischung von Talenten: "Sie ist gleichzeitig cool und anteilnehmend, professionell und spontan, nachdenklich und instinktsicher." Dunja Hayali ist zu einer Marke geworden, deswegen heißt ihre eigene Talkshow nun so wie sie: Dunja Hayali.

"Vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem ich die Tür zumachen muss, weil das alles zu viel wird, auch die Erwartungshaltung"

Sie ist eine Marke, ohne sich dessen aber immer bewusst zu sein. An der Supermarktkasse habe sie schon mal lautstark eine Frau verteidigt, weil die ihrer Meinung nach ungerecht behandelt worden war – erst danach fiel Hayali ein, dass jemand ihren Wutausbruch hätte filmen können. Oder ihre Auftritte für "Gesicht zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland", eine Initiative gegen Rassismus: Wenn Hayali als Botschafterin des Vereins in Schulen geht, trägt sie Flipflops und ausgewaschene Jeans.

"Lass uns verrückt sein: Wir lassen die Telefone zu Hause!"

Genau so erscheint Hayali am nächsten Morgen in einer Gemeinschaftsschule im Stadtteil Kreuzberg, mit Jugendlichen, die wie Hayali in Deutschland geboren sind, aber Yussuf, Mehmet und Hakan heißen. Vor Hayalis Besuch sollten sich die Schüler ein paar Fragen stellen: Bist du tolerant? Essen Neonazis Döner? Ist schwul ein Schimpfwort? Jetzt sagt ein Junge, dass er es eklig finde, wenn zwei Männer sich küssen: "Da kann ich nicht hingucken!" Hayali war lange mit einer Frau zusammen, sie ließ sich mit ihr auf den roten Teppichen fotografieren. Dem Jungen erzählt sie davon nichts. Sie fragt nur: "Warum?" Und sagt dann: "Das tut dir doch nicht weh."

Hayali ist müde, das sieht man. In der Nacht zuvor ist sie erst gegen halb drei in Berlin angekommen und war dann noch eine Runde mit Emma draußen. Sie gehört nicht zu denen, die gut Nein sagen können. "Vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem ich die Tür zumachen muss, weil das alles zu viel wird, auch die Erwartungshaltung", sagt Hayali. "Doch einfach so lässt sich diese Tür nicht mehr schließen."

Eigentlich nimmt sich Hayali dreimal im Jahr eine Auszeit, im März, September und Dezember. In diesem Jahr aber drehte sie im März eine Dokumentation für das auslandsjournal, und im September steht die Bundestagswahl an. Bleibt der Dezember. Und eine Woche, die sie an der Ostsee verbracht hat, um vor der Talksendung im Juli noch mal zu entspannen. Entspannen bedeutet für sie: ausschlafen und dann die nächsten 50 E-Mails von Zuschauern beantworten.

Während des Ostseeurlaubs kam ein Freund von ihr zu Besuch, sie wollten abends essen gehen. "Lass uns verrückt sein", schlug Hayali vor: "Wir lassen die Telefone zu Hause!" Zwei Stunden war Dunja Hayali offline, toll sei es gewesen, erzählt sie. Als sie wieder nach Hause kam, griff sie zu ihrem iPhone.