Da steht er im Foyer des EU-Parlaments in Brüssel – kurze, breite Statur, der berühmte Walrossschnauzer, eines seiner durchgedreht bunten Einstecktücher im Jackett, einen Handy-Kopfhörer im Ohr, den Aktenstapel mit der Aufschrift "EVP Brexit-Mappe" unterm Arm –, ihm gegenüber der niederländische Kommissions-Vizepräsident Frans Timmermans, der sich erfolgreich für die Entbürokratisierung der Europäischen Union stark machte und erst kürzlich wieder mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Ungarn und Polen anmahnte.

Wer dem Gespräch der beiden Herren aus fünf Meter Entfernung zusieht, der weiß schon eine Menge über die besonderen Talente und die sagenhafte Routine des EU-Abgeordneten Elmar Brok: Während der Kollege Timmermans eine Hand auf die Schulter seines Gegenübers legt und eindringlich auf ihn einredet (worum geht es wohl? Um Timmermans’ Besuch in Broks Wahlkreis Bielefeld? Um die Rekordstrafzahlung von 2,42 Milliarden Euro für Google, die die EU-Kommission am heutigen Nachmittag beschließen wird?), steht Brok ruhig, gelassen und mit unbewegtem Gesicht da, er lässt den Vortrag durch sich hindurchfließen und stößt dann plötzlich, offenbar zur Beendigung des Gesprächs, mit dem Zeigefinger seiner freien Hand in Richtung des Bauchs des Vizepräsidenten und lässt das erstaunlich hohe, auf Anhieb sympathische Elmar-Brok-Kichern hören – so läuft das also unter EU-Parlamentariern: Die entscheidenden Details sind ausgetauscht, die beiden Herren stürmen, nach ihrem 50-Sekunden-Powertalk, in verschiedene Richtungen davon.

Er soll schon mal mit Schuhen werfen, wenn die Kollegen zu faul sind

Zu Beginn der Woche, die mit der gewaltigen Europa-lebt-Behauptung von Helmut Kohls Trauerfeier im Straßburger Parlament enden wird: Europa, so kann man das in aller Kürze sehen, das ist diese total wichtige Sache, die wir alle gut finden wollen und auch gut finden (allein schon deshalb, weil Deutschland doch so vom Euro profitiert), aber trotzdem nie ganz verstanden haben. Drei Fragen, die wir uns im Hohen Haus des EU-Parlaments zu Brüssel stellen: Was sind das hier, in diesen Gängen, Hallen und Aufzügen, bitte für erstaunlich junge, gut aussehende und gut gekleidete Menschen? Was ist hier in Brüssel von der neuen Europa-Euphorie ("realistischer Optimismus", Emmanuel Macron) zu spüren, die angeblich neuerdings, trotz IS-Terror, Flüchtlingskrise, Ukraine-Krieg und eines dauerstrauchelnden Griechenland, durch den Kontinent weht? Und: Was erfährt der Reporter über das System Brüssel, wenn er dem dienstältesten EU-Parlamentarier – seit 1980 sitzt dieser Elmar Brok im EU-Parlament – 24 Stunden durch dessen Arbeitsalltag folgt?

Elmar Brok, 71 Jahre alt: Er ist das EU-Unikum, Mitglied im Fraktionsvorstand und Parteivorstand der Europäischen Volkspartei (EVP), der Henry Kissinger Europas. Über Jahrzehnte war Brok EU-Reformer (er ist Mitinitiator der Verträge von Amsterdam, Nizza und Lissabon) und einer der maßgeblichen Außenpolitiker der EU (gleich zweimal, von 1999 bis 2007 und von 2012 bis Januar 2017, saß er im wichtigen Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten, Menschenrechte, Sicherheits- und Verteidigungspolitik). Alle, wirklich alle der 750 anderen EU-Abgeordneten kennen Elmar Brok – vielleicht kursieren über kein anderes Mitglied des EU-Parlaments so viele Geschichten (respektvolle Erzählungen von einem inhaltlich brillanten Politiker, der im großen Plenarsaal glühende Reden auf Europa hält, und enorm lustige Schwänke vom Exzentriker und Choleriker Brok, der sein Büro auf Trab hält und in kleiner Runde schon mal mit Schuhen werfen soll, wenn die Kollegen zu bequem oder denkfaul sind, seinen Vorschlägen zu folgen).

Was man noch über den EU-Parlamentarier wissen sollte: Brok wurde im Mai 1946 in Bielefeld geboren, die Region Ostwestfalen ist sein Wahlkreis. Seit seinem sechsten Lebensjahr trägt Brok (Erkrankung an Augenkrebs) ein Glasauge. Dieser Brok ist, natürlich, ein Machtmensch, er gilt als Kohlianer, aber auch als Linker und klassischer Christsozialer (in vielen wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen ist er von einem SPD-Politiker nicht zu unterscheiden), seit Jahren fungiert er als Übersetzer der EU-Politik in die Berliner CDU und ins Kanzleramt. Zum Verständnis des Urgesteins Brok gehört außerdem die Einsicht, dass dieser Politiker eben wirklich noch aus den Urzeiten des EU-Parlaments stammt, also jenen Jahren, in denen das Europäische Parlament – von der deutschen Öffentlichkeit weitestgehend unbeobachtet und unverstanden – wie in einer Blackbox vor sich hin wurschteln konnte. Erst mit der Wirtschafts- und Währungskrise im Jahr 2008 wurde Brok in Talkshows ein bekanntes Gesicht, zuletzt tauchte er in Interviews als Verhandler des Brexit auf (Brok ist Brexit-Koordinator der EVP-Fraktion, die vergleichsweise wichtigeren Brexit-Verhandlungen für die Kommission führt der ehemalige französische Außenminister Michel Barnier).

Treffen im fünften Stock des EU-Parlaments. Broks Büroadresse lautet ASP 5 E 240 (ASP steht für den nach dem italienischen Kommunisten und Europa-Vordenker Altiero Spinelli benannten Gebäudeteil). Das Gebäude des EU-Parlaments ist, trotz seiner Riesenhaftigkeit, ein erstaunlich unprotzig wirkender Komplex (wie das zu groß geratene Gebäude einer Versicherung oder eines öffentlich-rechtlichen Rundfunksenders). Die Idee ist offenbar, dass der EU-Abgeordnete im Parlament wie in einer eigenen kleinen Stadt lebt (im Erdgeschoss gibt es Friseur, Fitnessstudio, Reisebüro, Reinigung, Bankfilialen). Freude hat der Besucher an den billigen Teppichen, an den Hartplastikkoffern, die vor den Bürotüren herumstehen (dienen dem Transport der Post, die einmal monatlich zur Plenarwoche nach Straßburg abgeholt wird), und an den Aufzügen, in denen die Tasten auf Normalhöhe und ein zweites Mal auf Kniehöhe (für Kleinwüchsige und Rollstuhlfahrer) angebracht sind.