DIE ZEIT: Herr Lopes, die Bundesregierung will Afrika zum Schwerpunkt des G20-Gipfels machen. Was halten Sie davon?

Carlos Lopes: Es ist toll, dass Afrika endlich mehr Aufmerksamkeit bekommt, aber das Gerede von einem Marshallplan für Afrika ist lächerlich.

ZEIT: Ein Begriff, der auf den deutschen Entwicklungsminister Gerd Müller zurückgeht. Warum passt Ihnen das Vorhaben nicht?

Lopes: Der Marshallplan sollte Europa nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufbauen. Sein Volumen belief sich auf etwa acht Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung. Nimmt man das als Maßstab, würde das Geld gerade mal für Nigeria reichen. Das ist nicht das einzige Problem: Der Plan hilft einzelnen Ländern, das spaltet den Kontinent. Es wäre viel wichtiger, die Integration Afrikas voranzutreiben, einen gemeinsamen Markt zu schaffen.

ZEIT: Was würden Sie sich stattdessen wünschen?

Der Ökonom Carlos Lopes stammt aus Guinea-Bissau und war bis 2016 Generalsekretär der UN-Wirtschaftskommission für Afrika. © PR

Lopes: Fragen Sie zur Abwechslung die Afrikaner vorher. Die würden mit ihrer eigenen Agenda 2036 antworten, die im Rahmen der Afrikanischen Union erarbeitet wurde. Sie beschreibt, wie sich die Länder selbst entwickeln wollen. Das sollte man unterstützen. Wir brauchen nicht ständig neue Initiativen von außen. Es würde schon helfen, wenn man uns nicht immer neue Steine in den Weg legte. Seit der Finanzkrise sind beispielsweise die Regeln für die Kreditvergabe strenger geworden. Folglich dürfen die Banken heute viel weniger Risiken eingehen und ziehen sich deswegen aus Afrika zurück.

ZEIT: Die Bundesregierung will Länder fördern, deren Regierungen fortschrittlich sind, um Anreize für Reformen zu setzen. Warum ist das falsch?

Lopes: In den neunziger Jahren haben das auch die Weltbank und der Internationale Währungsfonds versucht. Es hat nicht funktioniert. Sie können einem Land nicht von außen etwas aufzwingen.

ZEIT: Fänden Sie es in Ordnung, wenn deutsche Firmen Geschäfte machen in Ländern, in denen die Menschenrechte nicht eingehalten werden?

Lopes: Ach, wissen Sie, europäische Debatten dieser Art werden heute in Afrika oft als scheinheilig und paternalistisch empfunden. Ich bin sehr dafür, dass die Zivilgesellschaft Afrikas unterstützt wird. Aber im Wirtschaftsleben haben solche Dinge nichts verloren. Ein privater Investor kalkuliert ganz kühl, ob sich ein Engagement für ihn rentiert. Wir sollten ihm diese Entscheidung überlassen.

ZEIT: Würden Sie heute in Afrika investieren?

Lopes: Die Rendite ist nirgends auf der Welt so hoch wie in Afrika, denn der Kontinent wurde von Investoren lange vernachlässigt. Wo würden Sie ein neues Restaurant eröffnen? In der Straße, in der es schon 50 andere gibt, oder dort, wo es keines gibt?

ZEIT: Jedenfalls nicht dort, wo es kaum Strom gibt, die Regierung einen enteignen kann oder Krieg droht.

Lopes: In manchen Gegenden Afrikas fließt Strom. Und in einer Stadt wie Lagos ist auch noch die Kaufkraft hoch, viel höher als beispielsweise in Mumbai. Die meisten Investoren glauben, dort ein leichteres Geschäft machen zu können – weil es scheinbar sicherer ist. Dabei werden in Indien mehr Menschen vertrieben als in den meisten Gegenden Afrikas.

ZEIT: Afrika ist also ein bislang unbekanntes Paradies für Investoren?

Lopes: Natürlich gibt es Krisen, und sicher ist es in manchen Ländern schwierig, ein Unternehmen zu betreiben. Aber es stimmt auch etwas mit der Risikowahrnehmung nicht. Nehmen Sie die Berichterstattung über Ebola. Die Seuche betraf einen winzigen Teil Afrikas, doch alle Welt fürchtete, dass sie auf dem ganzen Kontinent wütete. Die Weltbank warnte vor einem ökonomischen Schaden von 23 Milliarden Dollar, am Ende waren es nur drei Milliarden.

ZEIT: Warum sollten Hilfsorganisationen wissentlich übertreiben?