Was ist das bloß mit der Evolutionstheorie, dass sie manche Gemüter so erhitzt? In Recep Tayyip Erdoğans Türkei wird sie aus dem Lehrplan gestrichen. In den USA sitzt mit Mike Pence ein Vizepräsident im Weißen Haus, der sich einst dafür ausgesprochen hat, dass "andere Theorien für den Ursprung der Arten" unterrichtet werden. Und in Großbritannien finden sich in der nordirischen, protestantischen Königsmacher-Partei DUP Parlamentarier, die gegen Evolution im Biologieunterricht Front machen – da sie "die Schüler korrumpiert".

Drei Beispiele aus ganz verschiedenen Ländern. Auf der Suche nach dem gemeinsamen Nenner ist es verlockend, der Religion die alleinige Schuld zuzuschieben. Verträgt sich doch Darwins Idee mit keinem wörtlichen Verständnis der Genesis oder entsprechender Suren.

Diese Deutung hat aber Schwächen. Zum einen erklärt sie nicht, warum so viele Gläubige unterschiedlicher Konfessionen cool bleiben und kein Problem mit der Evolutionstheorie haben. Zum anderen bleibt die Frage: Warum stören sich die politisch Autoritären ausgerechnet an der Evolutionstheorie? Weder an Daltons Atommodell noch am Standardmodell der Teilchenphysik hätte eine Partei oder Regierung je Anstoß genommen, nicht einmal an der hirnverknotenden Quantenphysik.

Vielleicht liegt es ja daran, dass sie in Charles Darwin vor allem eines sehen – eine Ungehörigkeit. Steht doch sein Erbe wie keine andere Erkenntnis dafür, was die Naturwissenschaft den Zartbeseelten zumutet: Die Erde ist nicht der Mittelpunkt der Welt, die Sonne ist nur ein unscheinbarer Stern wie unzählige andere. Jede neue Erkenntnis verzwergt den Menschen relativ zum großen Ganzen. Immerhin ist die Erde noch der einzige Planet, auf dem es Leben gibt. Aber ausgerechnet das, so zeigt es die Evolutionstheorie, ist nur zufällig entstanden? Es verdankt seine Fülle einzig natürlicher Selektion? Und alles hat einen gemeinsamen Ursprung? Inklusive des Homo sapiens, früher auch "Krone der Schöpfung"? Wenn das keine narzisstische Kränkung ist, dann wurde dieser Begriff umsonst erfunden.

Nun ist die zeitgenössische Synthetische Evolutionstheorie, zu der Darwins Geniestreich mithilfe von Erkenntnissen aus Genforschung, Paläontologie, Populationsbiologie, Zoologie und Botanik weiterentwickelt worden ist, eine ziemlich überzeugende Erklärung für das Geschehen in der Natur – sozusagen eine Grammatik des Lebens. Das müsste eigentlich auch anerkennen, wer eingeschnappt ist. Aber egal, denn die Halsstarrigkeit von Kreationisten und Evolutionsleugnern wirkt als Symbol. Es geht um Deutungshoheit, um kulturelle Hegemonie: Wer wir sind, von wem wir stammen, was uns einzigartig macht – das bestimmen wir immer noch selbst! Vielleicht missfällt Autoritätsfans und Vergangenheitsfreunden ja einfach, dass auf der Erde alles Lebende miteinander verbunden ist, wie in einer Biologischen Internationale.

Nun könnte man meinen, es müsse die vernünftige Mehrheit nicht kümmern, was einige sich zurechtdenken. Aber den Stand des rationalen Erkenntnisgewinns abzulehnen ist inzwischen zur politischen Agenda geworden. Ebenso erscheinen längst überwunden geglaubte Fantasien von eigener Größe wieder sagbar.

Aus der Geschichte wissen wir, wie die plumpe Übertragung biologischer Konzepte auf menschliche Gesellschaften einst der Euthanasie und dem Rassenwahn den Weg bereitet hat. Wer nun Darwins große Idee in der Schule nicht kennenlernt, für den wird es schwerer, "sozialdarwinistische" Parolen als Unfug zu erkennen. Nicht jeder Schüler muss Biologe werden, aber jeder sollte ein aufgeklärter Bürger sein können.

Womit wir beim Thema Herzensbildung wären. Ästhetisch und ethisch sind die Gegenstände der Evolutionstheorie ja ebenso relevant: Wie das Leben sich seinen Weg sucht. Wie Arten sich an ihre biologischen Nischen anpassen. Was die geringen Unterschiede zwischen Menschen- und Schimpansen-Genom ausmachen. Das zu verstehen oder wenigstens eine Ahnung davon zu haben ruft Respekt hervor für die Grundlagen unseres Daseins und macht sensibel für deren Verletzlichkeit. Und erst solches Wissen ermöglicht ein ganz neues Staunen, eines über Tatsachen.