Frank Schirrmacher war nie unser Zeitgenosse. Er war nur Gast in unserer Gegenwart. Wie wenige andere besondere Figuren, die aus der Zukunft kamen und schon als Katastrophe erinnerten, was die Menschheit eigentlich noch vor sich hatte, nahm er die tiefen Linien der Vergangenheit ernster als das Gekritzel der Gegenwart. Schirrmacher spürte, wo die archaischen Kraftfelder von den Vorbeben der Zukunft berührt wurden. Nicht die neuen, austauschbaren Gebäude, die nach der Wiedervereinigung in Berlin entstanden, interessierten ihn, sondern die Einschusslöcher aus den Straßenkämpfen des Zweiten Weltkriegs an den Fassaden daneben. Es war, als hätte er nicht nur die Untergänge der Vergangenheit, sondern auch die der Zukunft am eigenen Leib bereits miterlebt.

Gottfried Benn schrieb einmal: "Wenn ich denke, spüre ich Asche im Mund." Wahrscheinlich konnte niemand so genau wie Frank Schirrmacher nachempfinden, was der von ihm so verehrte Benn damit meinte. Denn das war der Grund, warum er immer so schnell war, wenn er ein Thema groß machte und in Windeseile aufblies: weil er als Einziger schon den unangenehmen Geschmack der kalten Asche im Mund spürte, während um ihn herum noch kaum jemand die glimmende Glut sah. In seinen Jahren als Literaturchef und dann als junger Herausgeber der FAZ schrieb er raumgreifende Aufsätze über die großen Dichter des Fin de Siècle, George, Rilke, Hofmannsthal, Benn, Trakl – im Jahr 1996 erschienen sie unter dem Titel Die Stunde der Welt als Buch im Nicolai Verlag, kaum beachtet seinerzeit. Nun ist im Blessing Verlag eine liebevolle Neuauflage entstanden, gespickt mit zahlreichen Aufnahmen der Dichter und der Milieus, denen sie ihre Verse abgerungen hatten, und den zentralen Gedichten selbst. Wahrscheinlich kommt man dem Denkraum Frank Schirrmachers nirgendwo sonst so nahe wie in diesem brillanten Buch. Er schreibt darin: "Die Vergangenheit, die einmal Gegenwart war, hat ihre Zukunft, die wir geworden sind, bis in die letzten Winkel erfasst und ausgebeutet." Das ist die Melancholie des Spätgeborenen, der benommen zur Kenntnis nimmt, wie die Lyrik der Jahrhundertwende das ganze "Zeitalter der Extreme" und eben auch seine eigene Welt bereits zu Ende gedacht hat. "Es ist worden spät", wie George schon 1897 wusste, als es noch gar nicht angefangen hatte. Überall hören die Dichter die ersten Klopfzeichen des Endes, ganz gleich, ob im Rauschen der Bäume im Spätsommer, bei Betrachtung der müden Lider oder angesichts der rauschbereiten Völker. Man muss nur seine Ohren spitzen.

Während Schirrmacher später in seinen Manifesten, als er die Menschheit vor der Überalterung, vor den Algorithmen oder vor der Entschlüsselung der DNA warnte, immer zur sprachlichen "Trompete" griff, wie das Rainald Goetz einmal formulierte, kann man in diesem Buch die ganz leisen Töne kennenlernen, die ihm auch zur Verfügung standen, wenn er Tiefenbohrungen unternahm in der Geschichte und in der Lyrik seiner fünf literarischen Helden. Die Texte leben von der Seelenverwandtschaft, die der Apokalyptiker Schirrmacher zu George, Benn, Rilke, Trakl, Hofmannsthal spürt – in je unterschiedlichen Verwandtschaftsgraden, aber immer irgendwie durch die DNA verbunden. Die Anlässe für die fünf Essays waren aktuelle Buchveröffentlichungen, doch die Texte werden zu fünf Porträts ganz unterschiedlicher Gehirne, Seelen und Membranen, deren Durchlässigkeiten er in jeder Nuance körperlich zu erfassen scheint. Schirrmacher schreibt fast als Zeitgenosse, wenn er über die Gleichzeitigkeit der unendlichen Zeitschleifen der Herrschaftszeit Kaiser Franz Josephs I. und des Ausbruchs der Beschleunigungsenergie der Moderne spricht, und zeigt, dass die Verse dieser großen Dichter deshalb so poetisch präzise waren, weil sie – so paradox es klingt – immer bereits auf körperlichen und mentalen Erfahrungen gründeten, die eigentlich noch niemand gemacht haben konnte. Die ehrgeizige und zielstrebige Nachwelt hat trotz allen Bemühens die Modernität Kafkas, Rilkes, Hofmannsthals, Benns, Trakls nicht einholen können. In Schirrmachers Worten: "Altmodisch stehen wir hinter ihnen zurück." Selten wurde der Standpunkt der Gegenwart melancholisch genauer beschrieben als hier.

Frank Schirrmacher: Die Stunde der Welt. Fünf Dichter – Ein Jahrhundert. George – Hofmannsthal – Rilke – Trakl – Benn; Blessing, München 2017; 192 S., 19,99 €, als E-Book 15,99 €