Grete Kircher wurde mit den besten Absichten Nationalsozialistin. "Ich bin im Jahre 1909 als Tochter des Kaufmanns Karl Kircher in Essen geboren", beginnt sie ihren Lebenslauf. "Mein Vater hatte ein gut gehendes Baumaterialiengeschäft und ausserdem waren meine Eltern sehr vermögend, sodass ich keinen Grund hatte für meine Zukunft irgendwelche Sorgen zu haben." Doch nach und nach geht es mit dem väterlichen Betrieb bergab – nicht allzu steil, denn Karl Kircher kann sich immer noch "mehrere Automobile" leisten und seiner Tochter Fahrstunden bezahlen. "Mein Fahrlehrer", berichtet Grete Kircher, "war unser damaliger Mechaniker und Kraftfahrer." Er wird ihr Leben verändern.

"Auf den Kampf des Arbeiters gegen den Kapitalismus" macht er sie aufmerksam; er zeigt ihr "auf der einen Seite die grosse Verelendung der Massen und auf der anderen den verderblichen Standesdünkel der Kreise, zu denen ich auch zählte". War Grete an einen Kommunisten geraten? Wohl kaum: "Er schilderte zielklar, dass dieser Zustand zum sicheren Untergang unseres Vaterlandes und somit zum Ruin einer jeden Existenz führen müsse." Ohne Vaterland keine Existenz! Der Mann ist Nationalsozialist.

Überrascht sei sie darüber gewesen, schreibt Grete. Mit der Zeit aber wird aus Überraschung Überzeugung und schließlich Aufbegehren: "Gegen den Willen meiner Eltern trat ich in die Partei ein und stellte mich ganz in den Dienst der Bewegung."

Grete Kirchers Aufsatz ist keine Beichte. Er ist ein Bekennerschreiben. Verfasst wurde er 1934, im Jahr nach Hitlers Machtübernahme.

Zwei Jahre später wird er in einem Büro der Columbia University in New York zugestellt. Der Adressat heißt Theodore Abel, ein junger amerikanischer Soziologe und polnischer Emigrant. 683 autobiografische Skizzen überzeugter Nationalsozialisten und Nationalsozialistinnen treffen bei ihn ein, 683-mal Mein Kampf en miniature eine einzigartige Quellengrundlage, um die Motive und die soziale Lage jener zu bestimmen, die seit den zwanziger Jahren den Kern der Nazi-Bewegung bildeten.

Im Sommer 1933 war Abel, 36 Jahre alt, durch Deutschland gereist. Wie konnte Hitler an die Macht kommen? Diese Frage trieb ihn um. Die Deutschen antworteten ihm erstaunlich offen, und so verfiel der Soziologe auf eine tollkühne Idee: Um ein repräsentatives Bündel von Aussagen zu erhalten, beschloss er, einen Aufsatz-Wettbewerb zu lancieren. 400 Mark Gewinn für die beste "personal life history" eines Nationalsozialisten.

Die NSDAP unterstützte das Vorhaben. Ein Jahr später erschienen entsprechende Zeitungsannoncen, und Parteistellen riefen NSDAP-Mitglieder auf, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Dem Ausland zu helfen, Hitlers Aufstieg zu verstehen, war im Interesse der Partei. Die Aufsätze würden den Nationalsozialismus in ein strahlendes Licht rücken.

Kurzzeitig allerdings kamen Zweifel auf: Sollten die Erinnerungen der "Alten Kämpfer" (ein Ehrentitel, den tragen durfte, wer der NSDAP vor 1928 beigetreten war) nicht besser ins Parteiarchiv wandern? Um volle zwei Jahre verzögerte sich dadurch die Zusendung an Theodore Abel – zwei Jahre, die sein Buch Why Hitler Came into Power um die erhoffte Wirkung brachten. Denn als es 1938 erscheint, bewegt die Weltöffentlichkeit längst nicht mehr so sehr, wie Hitler an die Macht gekommen ist, sondern wie man ihn wieder loswerden könne. Ins Deutsche ist Abels Pionierstudie nie übersetzt worden, hier und da wird sie in der NS-Forschung zitiert. Dem breiten Publikum sind die Forschungen des US-Soziologen unbekannt geblieben.

In der NSDAP lohnt es sich wieder, "Weib zu sein" – "nicht Weibchen"

Eine neue Quellenedition holt sie nun endlich – und zur rechten Zeit – aus dem toten Winkel der Geschichte. Unter dem Titel "genauso konsequent sozialistisch wie national": Alte Kämpferinnen der NSDAP vor 1933 (Wallstein; 608 S., 42,– €) hat die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg die 36 erhaltenen von Frauen eingesandten Biogramme aus der Abel Collection herausgegeben, kommentiert von jungen Bielefelder Historikerin Katja Kosubek. Abel selbst hatte diese Beiträge nicht beachtet. Sie schienen ihm für das Verständnis des männlich dominierten Nazi-Milieus unerheblich. Aus heutiger Sicht stellen sie einen umso faszinierenderen Fund dar.

"Die Unbefangenheit und Lebensfülle, mit der die Frauen erzählen, hat mich sofort in den Bann gezogen", sagt Katja Kosubek. Zensiert worden seien die Aufsätze nicht. Sie liegen im Original vor, einige handschriftlich, die meisten auf der Maschine getippt. Nichts ist geschwärzt, nichts herausgeschnitten.

Offensichtlich ist der Hang zur Selbstinszenierung, die mal plumpe, mal subtile Anbiederung an die Parteioberen. Mitunter stellt sich dabei ein finster komischer Effekt ein. Das bekannte Entlastungslamento der Nachkriegszeit – ja, ich war in der NSDAP, aber ein Nazi war ich nie! –, hier findet es sich in vollkommener Spiegelverkehrtheit: Nein, Parteimitglied war ich da noch nicht, aber, glauben Sie mir, ich war von Anfang an eine überzeugte Nationalsozialistin!

Was führte diese Frauen zum Nationalsozialismus? Jüngere wie ältere sind es, wortgewandte, die bis zu 22 Seiten füllen, und Verfasserinnen knapper Lebensläufe, in denen die Propagandaphrasen herumliegen wie Geröll.