Serdar Duman: "Bekämpft den Hunger in der Welt"

Die Strecke: Reeperbahn – Wischbleek, Appen (Schleswig-Holstein)

Der Preis: 55 Euro

Nachts, sagt Serdar Duman, sind die Menschen entspannter, sie hetzen nicht so wie tagsüber. Etwas, das der Tag verschlossen hält, öffnet sich in den Menschen. Dann kannst du mit ihnen gut reden, sagt Duman. Deshalb fährt er nur nachts, am liebsten nahe des Kiezes, Sankt Pauli, die Reeperbahn schimmert lustlos. Hier ist er aufgewachsen.

Duman, 33 Jahre alt, einnehmendes Lachen, akkurater Haarschnitt und dem Fitnesstraining nicht abgeneigt, liebt es, in seinem unaufgeregten Hamburger Slang über Politik zu diskutieren. Er saugt auf, was berichtet wird, in Zeitungen, im Internet, im Fernsehen oder Radio. Er macht sich seinen Reim auf die Dinge. Seinen Meinungen fügt er manchmal einen Schuss Verschwörungstheorie zu, aber das, meint er, muss eine Demokratie aushalten.

Es gibt eine ungeschriebene Regel für Journalisten: Zitiere niemals Taxifahrer! Da denkt jeder, der Reporter war nur zu faul, zu Fuß zu gehen und zu recherchieren. Über die Jahre bin ich immer dienstags spät nachts, nach unserem Redaktionsschluss, mit dem Taxi heimgefahren. Die Geschichten, die mir die Fahrer erzählten, handelten von Beziehungsdramen und plötzlichen Wehen, von versuchten Anschlägen und spätem Liebesglück. Die Fahrer kriegten sitzend die volle Breitseite Leben mit.

Taxifahrer sind Seismografen für die Stimmung in der Stadt, im Land, auf der Welt. Im besten Fall sind sie Philosophen des Alltags. Der G20-Gipfel ist eine gute Gelegenheit, das Taxifahrertabu zu brechen. Was würden Hamburgs Fahrer den G20-Staatschefs mitgeben?

Was würden Sie Merkel, Trump und Macron sagen, Serdar Duman?

Duman erinnert sich, wie einmal nachts ein Anzugsmensch zu ihm ins Taxi stieg. Duman erklärte ihm, dass ihn der Hunger auf der Welt umtreibe. Und der Anzugsmensch sagte: "Junge, vor 100 Jahren gab es gut anderthalb Milliarden Menschen auf der Welt. Heute sind es siebeneinhalb Milliarden. Wir können nicht alle retten." Serdar hält das für den größten Quatsch. Es gebe genug Lebensmittel für alle. "Aber das kapitalistische System lässt diese Menschen sterben."

Wenn Serdar Duman den Regierungschefs bei G20 etwas mitgeben dürfte, dann das: "Kümmert euch darum, dass niemand auf der Welt hungern muss, und nicht um irgendwelche Wirtschaftsinteressen."

Serdar Duman sagt, dass es verdammt viel gebe, worüber man reden müsse. Zum Beispiel, dass es mit der Integration in Deutschland so schwierig sei. Den Gipfel sieht er kritisch: "Wen vertreten die ganzen Politiker? Warum tun sie Dinge, die wir nicht wollen? Es werden Kriege geführt. Keiner hat den Krieg gewählt."

Die Nato – sei für die Verteidigung da, aber warum führe sie Krieg in Afghanistan?

Duman glaubt, dass sich die Regierungschefs erst mal darüber unterhalten müssten, welche Werte sie teilen.

Serdar Duman © Benjamin Gutheil für DIE ZEIT

Serdar Duman, ausgebildeter Einzelhandelskaufmann, fährt seit zehn Jahren Taxi. Er findet es seltsam, dass Deutsche sich dafür schämen, stolz auf ihr Land zu sein. Deutschland ist seine Heimat, der Kiez und die Elbe, mindestens so sehr wie die Türkei. Nach der Schicht hängt er auf der Reeperbahn in Bars ab, in denen seine Kumpels arbeiten.

Duman sagt: "Angela Merkel hat entschieden, dass der Gipfel hier stattfindet. Die kommt ja aus Hamburg." Und während man noch überlegt, wie Merkel und Hamburg noch mal zusammenpassen – sie wurde da geboren! –, rast Duman längst weiter und fasst die deutsche Nachkriegszeit in einem Satz zusammen: "Danach ist Merkel in die DDR gezogen, die Mauer wurde gebaut, dann fiel sie, und da war dann Merkel." Ganz einfach.

Vielleicht, sagt Serdar Duman, wollte Angela Merkel einfach mal ihre Heimatstadt herzeigen, die entspannteste Stadt überhaupt. Könnte er gut verstehen.

Alice Bota