Luis Ladaria Ferrer wusste in der vergangenen Woche nicht recht, wie ihm geschah. Aus der Nähe hatte der Sekretär der Glaubenskongregation miterlebt, wie Papst Franziskus am hohen Vatikanfeiertag Sankt Peter und Paul erst den australischen Kardinal George Pell beurlaubte. Pell, Chef des bedeutenden Sekretariats für Wirtschaft, soll sich in seiner Heimat einer Anklage wegen sexuellen Missbrauchs stellen.

Am Freitag erfuhr der spanische Prälat dann, dass das Personalkarussell auch seinen direkten Vorgesetzten, Gerhard Ludwig Müller, erfasst hatte. Papst Franziskus verlängerte die auf fünf Jahre angelegte Amtszeit des Kardinals aus Deutschland nicht. Am Samstag hatte Erzbischof Ladaria dann die Gewissheit, dass der mittlere Umsturz in der Kurie auch direkte Folgen für ihn persönlich haben würde. Mit 73 Jahren, so entnahm der Jesuit dem täglichen Informationsbulletin des Vatikans, hatte ihn der Papst zu seinem Cheftheologen ernannt. Ladaria ist seit Montag der Nachfolger Müllers als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre.

Dass der unkonventionelle Papst sich mit Müller eines konservativen Gegenspielers entledigt hat, um den Fortschritt nun auch in der Glaubenskongregation einkehren zu lassen, kann man allerdings nicht ohne Weiteres behaupten. Ladarias Vita und Renommee im Vatikan signalisieren theologische Kontinuität. Es war Benedikt XVI., der den Spanier aus Mallorca 2008 zum Sekretär in der Glaubenskongregation machte. Wer von Joseph Ratzinger so gefördert wurde, der konnte kein aufrührerisches Potenzial in sich tragen.

Ladaria macht keinen Hehl aus seiner Gegnerschaft gegen Abtreibung und Homo-Ehe. Als ein französischer Priester im Jahr 2014 von der Glaubenskongregation wissen wollte, wie mit in zweiter Ehe verheirateten Katholiken umzugehen sei, verwies der Sekretär der Behörde auf das Lehramt Johannes Pauls II. Es stellt sich die Frage, warum ausgerechnet dieser Mann der neue Cheftheologe des Papstes sein soll, wo Franziskus doch anscheinend versucht, endlich den moralischen Fesseln der Wojtyla- und Ratzinger-Jahre zu entkommen.

Es war im August 2016, als Franziskus den renommierten Theologieprofessor Ladaria erstmals mit einer kniffeligen Aufgabe betreute, die man als eine Art Testlauf für seinen neuen Job verstehen kann. Der Spanier übernahm den Vorsitz für eine Kommission, die die Möglichkeit des Diakonats für Frauen überprüfen soll. Frauenordination war bislang ein Tabu in der katholischen Kirche. Aber Franziskus wollte das Thema dennoch aufnehmen, auch wenn letztlich vielleicht nichts dabei herauskommt. Während der damalige Chef der Glaubenskongregation Müller dem Frauendiakonat a priori einen Riegel vorschob, erfasste Ladaria sofort den Sinn des Auftrags. Er sollte keine vorgefertigten Meinungen oder Überzeugungen liefern, sondern ganz sachlich den Stand der Dinge aus der Frühzeit der Kirche referieren. Kein Wort drang seither über die Forschungen heraus, überhaupt sind nur ausgesprochen wenige Interviews des Prälaten aktenkundig.

Es ist dies der Schlüssel zum Verständnis des folgenreichen Machtwechsels in der Glaubenskongregation. Während Müller die Antworten auf schwierige theologische Fragen immer schon vorher zu wissen glaubte und zigfach verkündete, hat Ladaria zwar auch Überzeugungen, hält aber still. Seine Zurückhaltung ist sprichwörtlich im Vatikan. Es ist deshalb wahrscheinlich, dass es auch um die lange Zeit gefürchtete Glaubenskongregation in den kommenden Jahren ruhiger wird. Was das Frauendiakonat angeht, soll Ladaria im kommenden Sommer Grundlagen liefern, auf deren Basis der Papst dann selbst entscheiden kann.

Mit den Synoden zu Ehe und Familie schob Franziskus die Kirche mühsam vor sich her. Längst haben sich im Vatikan andere Arbeitsmodelle etabliert, die die Funktion theologischer Testballons haben. Kürzlich setzte Franziskus in aller Stille eine Arbeitsgruppe ein, die die Interpretationsmöglichkeiten von "Humanae vitae", der sogenannten Pillen-Enzyklika von Paul VI., ausloten soll. Am Amazonas testen brasilianische Bischöfe den Einsatz verheirateter Männer als Priester. Halb offiziell überlegen Bischöfe in Deutschland, welche Möglichkeiten es für den gemeinsamen Kommunionempfang von Katholiken und Protestanten gibt. Programmatische Stellschrauben werden unter Franziskus dezentral oder im Hintergrund gedreht. Der theologische Vorschlaghammer, jahrzehntelang personifiziert von der Glaubenskongregation in Rom, hat ausgedient. Das ist der eigentliche Sinn des Rauswurfs von Müller. Es wirkt paradox: Mit der Nominierung des Ratzinger-Mannes Ladaria an der Spitze der Glaubenskongregation geht die Ratzinger-Ära im "Heiligen Offizium" zu Ende.