Mit den Augen eines Satelliten gesehen, beginnt die Katastrophe als ein penibel vermessenes Rechteck. Plötzlich taucht es auf, unvermittelt in die grüne Unendlichkeit eines der größten Wälder Lateinamerikas gestanzt. Und es verschwindet nicht wieder. Denn die Abholzung hat gerade erst angefangen.

Nach ein paar Wochen ist das Rechteck nicht mehr allein. Wie ein geometrisches Geschwür frisst sich eine größer werdende Fläche in die grüne Landschaft hinein. Unzählige Rechtecke ersetzen nach und nach die Gleichmäßigkeit des Waldes durch ein Geflecht aus abgeholzten Planflächen. Und der Gran Chaco, eines der größten Ökosysteme Lateinamerikas, sieht von oben bald so aus, als würde ein durchgeknallter Gigant versuchen, den Wald in sein Spielfeld zu verwandeln.

Die tatsächliche Erklärung ist profan. Die Trockenwälder des Chaco verschwinden durch eine Mischung aus wirtschaftlicher Entwicklung, Korruption, einer machtlosen Zivilgesellschaft, Gleichgültigkeit gegenüber der Umwelt und einem globalisierten Handel. Und sie hat mit dem zu tun, was wir in Deutschland konsumieren: mit Rindfleisch, mit Soja. Und mit der Holzkohle und den Briketts in den beliebtesten Feuerstellen des Landes – den Millionen Grills, auf denen Würste, Nackensteaks, Maiskolben oder Gemüse garen. Diese Kohle, ein Produkt, das für ein paar Euro in den Regalen großer Discounter liegt, verpackt in Säcke à fünf Kilogramm, ist Ergebnis einer fatalen geplanten Abholzungspraxis.

Die ZEIT hat für diese Geschichte Material der Londoner NGO Earthsight exklusiv zur Verfügung gestellt bekommen. Die Umweltschutzorganisation ermittelt seit über zehn Jahren in Fällen von Umweltkriminalität und -ungerechtigkeit und kooperierte in der Vergangenheit mit Greenpeace, mit Regierungsorganisationen wie dem Ethikrat des Norwegischen Pensionsfonds oder mit Medien wie der BBC. Finanziert wird Earthsight von Stiftungen wie der Ford Foundation oder NGOs wie dem World Resources Institute. Am Donnerstag stellt die Organisation ihren Bericht zur Herkunft von Grillkohle Choice Cuts: How European BBQs Are Fuelled By a Hidden Deforestation Crisis in South America vor.

Monatelang recherchierte Earthsight zur Lieferkette von Holzkohle aus Paraguay. Die Ergebnisse zeigen, dass Holzkohle-Briketts aus dem paraguayischen Chaco in deutsche Supermärkte gelangen. Wir haben die Informationen von Earthsight überprüft und die verantwortlichen Firmen mit den Fakten konfrontiert.

Der Gran Chaco ist ein riesiger Trockenwald im Herzen Südamerikas, nur der Amazonas-Regenwald ist größer. Im Gegensatz zu seinem niederschlagsreichen Bruder ist der Chaco außerhalb des Kontinents beinahe unbekannt. Denjenigen, die es auf seine Flächen abgesehen haben, lässt das weitgehend freie Hand.

Der Chaco erstreckt sich über Bolivien, Argentinien und Paraguay, Wälder wechseln sich mit Buschland und Savannen ab. In großen Teilen regieren Hitze und Trockenheit, es werden die höchsten Temperaturen des Kontinents gemessen. Hier gibt es keine Lianen und keine Orchideen, die im Dunst des Kronendachs von Kolibris angeflogen werden. Seinen biologischen Wert schmälert das nicht. Der Chaco ist Heimstätte für seltene Arten wie Jaguare, Tapire, Pekaris oder Ameisenbären, zudem sind große Teile bislang kaum erschlossen. Hier leben einige der letzten unkontaktierten Völker des Kontinents.

Der am stärksten bedrohte Teil des Chaco liegt in Paraguay. Wer die systematische Zerstörung eines Ökosystems verfolgen will, schaut sich Zeitreihen von Satellitenbildern an (goo.gl/SV6ZX2). Sie dokumentieren die Abholzung. Wie im Daumenkino lässt sich beobachten, dass das Land in 17 Jahren mit Rechtecken überzogen wurde. Wo Wald war, sind nun Weiden für Rinder, die Bäume sind verschwunden.

"Es gibt kein anderes Land in Lateinamerika, das in den vergangenen 15 Jahren so hohe Entwaldungsraten hatte wie Paraguay", sagt Ryan Sarsfield, der für Global Forest Watch in Washington den Waldverlust in Lateinamerika überwacht. Trotz einer kurzzeitigen Verlangsamung behalte das Land seinen Negativrekord: "Die Entwicklung beschleunigt sich sogar."

Eine Folge davon kann man an den Exportstatistiken der Vereinten Nationen ablesen: Mit der Ausfuhr von zuletzt 87.000 Tonnen Holzkohle und Briketts pro Jahr ist das Land der fünftgrößte Exporteur der Welt. Das ist nur möglich, weil die mächtige und wichtige Agrarindustrie Paraguays gewaltigen Hunger auf Land hat. Sie braucht neue Flächen für Weiden und Futterpflanzen. Die Folge sind fortschreitende "Landnutzungsänderungen" – so die offizielle Bezeichnung für Wald, der landwirtschaftlichen Nutzflächen weicht.

ZEIT-Grafik

Von der Hauptstadt Asunción sind es acht Autostunden in den Nordwesten. Eine Straße verbindet die entlegene Region mit der Metropole, nur wenige Menschen leben dort. Der Chaco besteht hier vor allem aus Bäumen der Art Quebracho blanco – dem "Holz, an dem die Axt zerbricht". Im Oktober 2015, das zeigen Satellitenbilder, wurde in Teniente Ochoa eine industrielle Anlage gebaut, die aus rund 80 Öfen besteht. In ihnen verdampfen Wasser und leicht flüchtige Verbindungen, übrig bleibt Holzkohle. Sie ist ein Produkt der offiziellen Landnutzungspolitik Paraguays. Die Gier der Agrarindustrie nach immer neuen Flächen gebiert riesige Mengen dieses Rohstoffs.

Die meisten paraguayischen Holzkohle-Produkte werden nach Europa verschifft. Deutschland ist der Importeur Nummer eins. Im ersten Quartal dieses Jahres kamen täglich 22.000 Tüten paraguayische Grillkohle hierher, das belegen die Handelsstatistiken der EU. Der größte Teil der Säcke mit Briketts stammt dabei vom größten Exporteur Paraguays, einer Firma namens Bricapar.

Bricapar agiert global und unterhält seit Langem Kontakte nach Europa. Einige der großen Supermarkt- und Discounterketten wie Aldi, Lidl oder Carrefour ließen und lassen sich von der Firma beliefern. Ihr Beispiel illustriert, wie die Abholzung in Paraguays Chaco mit dem Angebot in europäischen Supermärkten zusammenhängt.