Der Artikel Gehört dazu vom 8. Juni beschäftigt mich sehr. "Für das Kind war der Besuch beim Schularzt ein großes Ding", schreibt Stefanie Flamm im ersten Satz. Wenn Mama über mich schreibt, fangen ihre Sätze auch immer an mit "das Kind". So als wäre ich nicht ihres.

Mama sagt, sie musste schon in der neunten Woche der Schwangerschaft Vokabeln lernen wie Kleinhirnhypoplasie und Balkenagenesie. Später kamen weitere hinzu. Hier ein Teil der Liste:

Tetraparese, septooptische Dysplasie, Cortexdysplasie, Pachygyrie, Heterotopie, Aquäduktstenose, dysplastische Hippocampusformation, Arachnoidalzyste.

Das muss keiner auswendig lernen. Man kann es im Ordner abheften. Es reicht, wenn ich sage: Ich bin Autistin und körperlich behindert. Ich besuche mit Schulbegleitung die siebte Klasse einer Gesamtschule.

Mit acht war ich wegen Epilepsie im Krankenhaus. Nach der Magnetresonanztomografie (MRT) meines Gehirns flüsterte eine Ärztin zu Mama: Wie kommunizieren Sie mit Ihrem Kind? – Mama sagte: Warum fragen Sie sie nicht selbst? – Ich sagte: In aller Regel verbal.

Das erzählt Mama oft. Sie ist stolz auf mich und will anderen Mut machen. Es ist mir manchmal peinlich. Zu viel Mut auf meine Kosten.

Was ich verstehe: In meinem Kopf sieht es ganz anders aus als in normalen Schädeln. Nicht selber greifen, gehen, sprechen, sehen, essen, atmen können – das nennt man schwerstmehrfachbehindert. Das erwartete die Ärztin nach diesem MRT.

Das erwarteten auch die Menschen beim Gesundheitsamt. Vor dem Kindergarten bekamen wir dort einen Zettel, auf dem stand: "Eine Integration in einer Regeleinrichtung ist in Anbetracht der komplexen geistigen und körperlichen Behindrungen (!) ausgeschlossen." Ich konnte das lesen. Der Rechtschreibfehler ärgerte mich. Mama tröstete mich: Die Frau ist halt sparsam in Verstand und Gefühl. Das ist ein Beispiel für Ironie und Metapher in einem. Ich habe erst später verstanden, dass Mama nicht den Rechtschreibfehler meinte.

Ich bin anders. Bei vielen Dingen brauche ich Hilfe. Ich kann mich nicht gut anziehen oder mir Essen machen, noch nicht allein rausgehen oder einkaufen. Ich kann mir keine Gesichter merken. Verwechsele Mann und Frau und alt und jung, Papa mit dem Papst, weil beide graue Haare haben. Manchmal vergesse ich, Augen und Hände zusammen zu nutzen. Ich kleckere, und mir fällt viel hin. Ich weiß nicht, wie man mit Fremden spricht. Daheim oder mit Begleitung nimmt mir das meist keiner übel. Ich sei gut so, wie ich bin. Vergiss das nie, sagt Mama.

Im Buggy musste mir jeder Autokennzeichen buchstabieren. Darüber habe ich lesen gelernt. Ich hatte die Zeitschriften und Hörbücher von Marvi Hämmer. Darüber habe ich Englisch gelernt. Es war nicht wichtig, dass ich mit vier noch nicht gehen konnte und mit den Fingern aß. Die Computermaus ist leichter zu bedienen als Besteck.

Was mir leichtfällt und ich gern mache: Sprachen lernen, am Computer spielen, Wortspiele und Kreuzworträtsel, Zeitschriften lesen, tauchen, Popmusik hören, essen gehen, Schulbegleiterinnen besuchen, die ich als Freundinnen sehe, obwohl sie Geld bekommen, wenn sie mit mir zusammen sind.

Ich möchte erzählen, was mir zu Inklusion einfällt. Behinderte haben das Recht zur Teilhabe. Das steht in einer UN-Konvention. Die Nichtbehinderten sollen die Bedingungen dafür schaffen. Das tun sie aber nicht. Und schon gar nicht richtig.