Hurra, die Welt geht unter heißt ein Hit der deutschen Band K.I.Z. Entspannte junge Menschen sitzen auf einem selbst gebauten Floß, sie sind die Überlebenden des dahingeschiedenen Kapitalismus. Die alte Welt ist am Horizont in einem prächtigen Feuerball versunken, vorbei das kapitalistische Rattenrennen, endlich dürfen die Menschen wieder glücklich sein. Das Leben ist wieder lebenswert, und alle teilen alles. In Soldatenhelmen kochen sie ihr Essen, mit Euro-Scheinen zünden sie das Feuer an. "Unter den Trümmern das Paradies." Es musste erst schlimmer kommen, bevor es besser wurde.

Das Lied ist toll, und seine apokalyptische Naherwartung trifft einen Nerv, aber klar: Es ist nur ein Song. Die Aufrufe allerdings, mit der radikale Demonstranten in diesen Tagen gegen den Hamburger G20-Gipfel mobilmachen, komponieren aus ihrem Wut- und Hassdeutsch denselben Sound: Lasst die hässliche Welt der Globalisierung zum Teufel gehen, sie ist ohnehin verloren. Globalisierung ist Krieg – sie ist nackte Gewalt, nichts anderes als Ausbeutung, Elend, Hunger, Steuerdumping, Billiglohn, Geldwäsche, Massenbetrug, Massenflucht, Massensterben, Naturzerstörung, Existenzangst und seelische Verwüstung. Kapitalismus ist, wenn vorne Leben hinein- und hinten Geld herauskommt, denn Geld ist der Fürst dieser Welt, alles tanzt nach seiner Pfeife. Das Kapital sagt Menschlichkeit und spekuliert mit Nahrungsmitteln. Es sagt Demokratie und erzeugt Autokraten. Es sagt Frieden und überschwemmt die Welt mit Waffen, Waffen, Waffen. Ein Narr, wer glaubt, die G20 werde "das System" reformieren, denn Politiker sind die Lakaien der "imperialistischen Globalisierung". G20 repräsentiert nicht die Menschheit, sondern die Sieger. Soll doch die systemfromme Standardlinke, sollen doch Bionade-Jugend und Apple-Hipster artig ihre Fähnchen schwenken und mit ihrem lokalen Bischof für globale Gerechtigkeit beten: "Im Gegensatz zur bürgerlichen Opposition werden wir den Herrschenden keine Alternative vorschlagen, um das kapitalistische System am Leben zu halten." Welcome to hell.

Die Linken, die gegen den G20-Gipfel protestieren, sind gespalten. Es gibt die radikalen Apokalyptiker, die auf den Zusammenbruch des Systems spekulieren, und es gibt die Reformer, die den Kapitalismus nicht abschaffen, sondern ihn politisch regulieren wollen. Die einen wollen "blockieren, sabotieren, demontieren", die anderen verlangen einen "fairen Welthandel". Die Spaltung in der Praxis spiegelt sich auch in der linken Theorie, wobei man sagen muss, dass die Apokalyptiker hier klar im Vorteil sind: Ihr Held ist nämlich der Psychoanalytiker und Marxist Slavoj Žižek, der bekannteste Feuerschlucker im linken Theoriezirkus, ein ungemein gewitzter Geist mit einer untrüglichen Witterung für die Heucheleien und Widerwärtigkeiten in der freien, von Donald Trump angeführten westlichen Welt.

Der Krisenkapitalismus hat Žižek groß gemacht, oder wie man in seinen Kreisen sagt: Neben der Anzahl der Suppenküchen ist die Auflage von Žižeks Büchern das Einzige, was im Kapitalismus überhaupt noch wächst. Zwar kommt ihm hin und wieder das Wort Demokratie über die Lippen, aber viel Demokratisches darf sich seine Gemeinde darunter nicht vorstellen. Man müsse den "selbstverständlichen Bezug" der Anti-Globalisierungs-Bewegung auf "Freiheit und Demokratie" problematisieren, schrieb er einmal, denn Demokratie beruhe auf Privateigentum, und das sei ihr Makel. Für Fassungslosigkeit sorgte Žižek, als er mit dem Gedanken spielte, man solle Donald Trump wählen, weil dessen Wahlsieg einen Prozess einleiten könne, "aus dem eine authentische Linke hervorgeht". Für einen Dialektiker war das konsequent, denn in Hillary Clinton sah Žižek nichts anderes als die liberale Krankenschwester am Sterbebett des siechen Kapitalismus: Sie entschärft den amerikanischen Klassenkampf und verlängert das triste Leben eines todgeweihten Systems.

Auch für Žižek scheint klar: Es muss erst schlimmer werden, bevor es besser wird. Erst wenn hinter dem liberalen Scheinfrieden die Klassengegensätze wieder glasklar hervortreten und eine revolutionäre Stimmung aufkommt – erst dann wird die Linke auferstehen wie Phönix aus der Asche. Noch verharrt sie auf verlorenem Posten, doch das Warten lohnt sich. Alles, was einen Anfang hat, hat ein Ende. Auch der Kapitalismus.

G20 - "Wir müssen eine Vision entwickeln, was wir für eine Welt haben wollen” Paul von Pokrzywnicki ist im Stuttgarter Bündnis gegen den G20-Gipfel aktiv. Im Video erzählt er auf der Fahrt im Protestsonderzug, warum globaler Widerstand nötig ist. © Foto: Pascal Giese

Links ist nicht gleich rechts, das behaupten nur Rechte, die die Linke zur Hölle wünschen. Trotzdem gibt es linke Theoriepartikel, die sich dann, wenn die politische Lage finster und aussichtslos scheint, wie von Geisterhand auf eine Denkfigur ausrichten, die aus urkonservativen Quellen stammt und sich nahtlos mit einer marxistischen Analyse verschweißen lässt. Es ist die Behauptung, dass die liberale Demokratie ihrem Untergang entgegentaumelt oder, wie das Signalwort lautet, sich geschichtlich "vollendet". In der Dauerkrise kommt das liberale System zu sich selbst. Es hat seine innere Logik vollständig entfaltet und steht bereits mit einem Bein im Grab.

Alain Badiou heißt der französische Philosoph, der diese These vertritt und auch von Slavoj Žižek ausgiebig zitiert wird. "Vollendung" des Liberalismus heißt bei ihm: Nach 150 Jahren zerfällt das Zwillingspaar aus Markt und Demokratie, die liberale Schminke tropft ab, und das System zeigt sein wahres Gesicht. Das demokratische Versprechen ("Freiheit") war eine Lüge, denn in Wahrheit herrscht die "unumschränkte Macht einer Finanzoligarchie" – eine globale Clique von einzigartiger moralischer Verkommenheit, besessen vom "morbiden Kult ums Eigentum", verhext von der tiefen Absurdität ihrer Geldkultur. Die Gegenwart, schreibt Badiou in seinem Buch Das Erwachen der Geschichte (Passagen Verlag), "ist genau jene, die Marx durch eine geniale Vorwegnahme, eine Art wahrer Science-Fiction als die vollständige Entfaltung der irrationalen und wahrhaft monströsen Virtualitäten des Kapitalismus voraussagte".

Welches Spiel auch gespielt wird, die globalen Eliten gewinnen immer

Badiou schrieb diese Sätze, lange bevor Donald Trump ins Amt gelangte, und natürlich würde er dessen Wahl zum US-Präsidenten als spektakulären Beleg für die Wahrheit seiner These feiern. Trump verkörpert die Vollendung des liberalen Systems, denn ausgerechnet am Sitz des Weltgeistes, in den USA, wird ein Kapitalist zum Präsidenten gewählt und beweist damit, dass der Liberalismus "wesenhaft" das ist, was er für Badiou schon immer war: eine treue Magd, die dem Kapital die Betten aufschlägt und jeden Brosamen dankbar entgegennimmt. Doch was sich vollendet hat, das wird untergehen. "Die moderne Welt, die ihre Entwicklung vollendet hat und weiß, dass sie sterben muss, hat nur noch an das ›Ende der Geschichte‹ zu denken, so wie Wotan im zweiten Akt von Wagners Walküre seiner Tochter Brünnhilde erklärt, sein einziger Gedanke sei ›das Ende! Das Ende!‹."

Die kapitalistische Apokalypse, die Badiou und seine Jünger beschwören, ist ein Bocksgesang von links. In einem seltsamen Gleichklang mit dem Philosophen Martin Heidegger verabschieden sie die Moderne, sie war nur ein scheinliberales Zwischenspiel, vielleicht war sie notwendig, doch nun tritt sie ab – und im Abtreten enthüllt sich eine unvergängliche Wahrheit. Diese Wahrheit ist für Badiou aber nicht ein mysteriöses "Sein", es ist für ihn das 2000 Jahre alte Christusereignis, die unsterbliche Idee der Gleichheit. Während für rechte Denker der Monotheismus ein Sündenfall war, weil er die Welt in die Hölle der Egalitären führte, verhält es sich beim bekennenden Atheisten Badiou genau umgekehrt: Für ihn ist der Apostel Paulus eine zeitlose Größe, weil er, wenngleich im religiösen Ornat, die Menschheit mit der kommunistischen Idee beschenkt habe. Kurzum, was Heidegger "Seinsvergessenheit" nennt, das ist für Badiou Gleichheitsvergessenheit – doch jetzt, wo der Liberalismus untergehe, zeige sich die Wahrheit wieder. Der Rumor der Revolte, all die weltweiten "Aufstände" künden für ihn vom "Ereignis", vom Aufgang im Untergang, von der Wiederkehr des Kommunismus. Oder wie es auf einem Hamburger Anti-G20-Flugblatt heißt: "Von der sozialistischen Revolution".

Die Gewalt ist hässlich, aber sie gehört – wie schon bei Heidegger – auch für Badiou zum "Ereignis" notwendig dazu, das alte System hat sie ausgebrütet. Gleichwohl ist die Gewalt für ihn immer "unrein", bei den Demonstranten könne man nicht "zwischen den Zerstörungen von verhassten Symbolen, der reinen Freude an der Zerstörung und der Guerilla gegen die Bullen unterscheiden". Das "Subjekt der unmittelbaren Aufstände" agiere in einem Zwischenraum, es sei weder politisch noch vorpolitisch, es sei dazwischen. Bestenfalls "bahnt es einem geschichtlichen Aufstand den Weg", schlimmstenfalls sei es ein Zeichen dafür, "dass die existierende Gesellschaft, die immer eine staatliche Gestalt des Kapitals ist, nicht verhindern kann, dass in den Elendsräumen, für die sie verantwortlich ist, ein geschichtliches Zeichen der Rebellion auftaucht". So oder so antworte die rebellische Gewalt auf das Reale – auf die Gewalt der Politik, oder wie Badiou vermutlich über den Hamburger G20-Gipfel sagen würde: auf die objektive geschichtliche Gewalt der Trumps, Putins und Erdoğans.

Warum linke Apokalyptiker zuverlässig ihr Publikum finden, ist nicht schwer zu sagen. Nach dem Beinahe-Crash des Finanzkapitalismus 2007 setzte sich der Eindruck fest, als machten die globalen Machtkartelle kalt lächelnd einfach so weiter, während ausgerechnet jene die Zeche zahlen mussten, die sich nichts hatten zuschulden kommen lassen und nun mit Wohlstandsverlusten und Sozialabbau leben sollten. Erst retteten die Regierungen die Banken, dann verordneten sie ihren Bürgern eine grimmige Sparpolitik, als seien diese die Sünder, die kollektiv über ihre Verhältnisse gelebt hätten. Derweil stiegen die Einkommensunterschiede weltweit ins Unermessliche. Allein acht Männer verfügen über mehr Vermögen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Eine Finanztransaktionssteuer? Ein linkes Hirngespinst.

Dass die extremen Formen von Armut zurückgingen, ist nur ein schwacher Trost und scheint nichts an der Regel zu ändern: Welches Spiel auch gespielt wird, die globalen Eliten gewinnen immer. Der Umstand, dass Konzerne sich daran gewöhnt haben, fast keine Steuern zu zahlen, dafür aber märchenhafte Profite zu verbuchen, interessierte lange Zeit niemanden. Oder um im Jargon zu bleiben: Das System hatte sich abgedichtet – es blieb stumm, es reagierte nicht und schien vor der Erpressungsmacht der Banken und Märkte in die Knie gegangen zu sein. An der Politik der Europäischen Union konnte man das in Zeitlupe studieren. Sie wachte erst auf, als der Rechtspopulismus den europäischen Palast ins Wanken brachte, und siehe da: Plötzlich fand es sogar ein deutscher Sozialdemokrat wie Sigmar Gabriel abenteuerlich, "dass die Europäische Union jedes Jahr 1,5 Billionen Euro durch legale Formen von Steuervermeidung verliert und dass wir Bürgschaften für irische Banken geben, aber der Staat sich dort weigern kann, 14 Milliarden Euro von Apple einzunehmen, die dieser Global Player hätte zahlen müssen".

Linke Apokalyptik, so hat sie der Publizist Micha Brumlik einmal genannt, ist eine Mischung aus Dummheit, Demokratievergessenheit, Geschichtsblindheit und – Verzweiflung (Blätter für deutsche und internationale Politik 8/2010). Je ohnmächtiger die Bürger und je trostloser die Weltlage, desto größer ist ihre Anziehungskraft. Und eine Frage stellen linke Apokalyptiker völlig zu Recht: Wie können liberale Menschen von einer kooperativen Weltgesellschaft träumen, wenn der Kapitalismus nichts anderes belohnt als den nationalen Egoismus? Wie soll es eine internationale Zusammenarbeit geben, wenn alles auf das Kommando von brutalem Wettbewerb und Konkurrenz hört? Warum sollen die Nationen nach verallgemeinerungsfähigen Maximen handeln, wenn sie damit gegen die kannibalistische Logik des kapitalistischen Systems verstoßen?

Die Lösung ist unwahrscheinlich, aber sie ist keine Utopie: Die Bürger müssen es den global agierenden Konzernen gleichtun und über nationale Grenzen hinweg Allianzen schmieden, sie müssen ihre Regierungen unter Druck setzen und mit Alternativen konfrontieren. Wenn die radikalen Protestbewegungen und ihre populären Vordenker sich daran beteiligen möchten, sollten sie jedoch von einigen Glaubenssätzen Abschied nehmen. Zum Beispiel vom Glauben, die Demokratie sei bloß eine Fassade, hinter der sich die "Prokuristen des Kapitals" (Karl Marx) verschanzen. Oder vom radical chic des Heidegger-Marxismus, wonach sich erst im Untergang des Kapitalismus ein neuer Aufgang zeige.

Warten kann man dann immer noch. Zum Beispiel darauf, dass die Themen, die ein demokratisch zweifelhaft legitimierter Club wie die G20 verhandelt, künftig vor den Vereinten Nationen debattiert werden. Das wäre endlich ein Ereignis, das seinen Namen verdiente.

Kurz erklärt - Wer gegen G20 auf die Straße geht Sie zelten, fahren auf der Alster und feiern gemeinsam gegen G20, aber die Demonstranten in Hamburg wollen nicht alle dasselbe. Was sie antreibt und was sie unterscheidet, erklären wir im Video.