Es ist Viertel vor vier, als Sonia Pascual Romero in München Feierabend macht, auf die Rosenheimer Straße tritt, kurz aufstöhnt, weil es so heiß ist, noch einmal prüfend auf die Uhr schaut und losrennt. Es geht jetzt darum, die U-Bahn zu erwischen, damit der siebenjährige Nathaniel am Treffpunkt unter der Brücke nicht warten muss, trotz lilafarbenem Businesskleid und Glitzersandalen auf dem Fußballplatz einen halbwegs handfesten Eindruck zu hinterlassen (es ist das erste Training ihres Sohnes!), zwischendurch den vierjährigen Navien rechtzeitig aus der Kita abzuholen, sodass er nicht der Letzte ist (denn das hasst er), die elfjährige Celina zu Hause anzurufen ("Bist du angekommen?") und dann, später, noch die Schwiegermutter im Altersheim zu besuchen, auch wenn sie an manchen Tagen nicht mehr weiß, wer da vor ihr sitzt. Und selbst wenn der Akku der berufstätigen Mutter, Ehefrau, Tochter und Schwiegertochter spätestens dann leer ist, muss sie noch Abendbrot machen und sich überlegen, wie sie am nächsten Tag nach Karlsruhe kommt – zu ihrem Vater, der nicht mehr allein laufen, sich nicht mehr allein waschen und anziehen kann.

Wo Oma und Opa in anderen Familien zur Stelle sind, um die Enkel zu hüten, ist es hier genau andersherum: Die Alten entlasten die Familie nicht, sie belasten sie. Generation Sandwich nennen Soziologen und Familienforscher Menschen wie Sonia Pascual Romero, 48, und ihren Mann Fabian Mäsch, 46, die deutlich zu spüren bekommen, dass sich etwas verändert hat in der traditionellen Folge der Generationen. Wer erst spät Kinder bekommt, muss sich doppelt kümmern: um den eigenen Nachwuchs und die kranken Eltern. Wer als Frau oder Mann "in den Sandwich gerät", wie es Experten formulieren, lebt meist am Rande seiner körperlichen und psychischen Kräfte. Oft im Stillen. Abseits der großen gesellschaftlichen Debatten. Die Generation Sandwich hat keine Zeit, sich zu beschweren.

Sonia Pascual Romero und ihr Mann jonglieren mit zwei Vollzeitjobs, drei Kindern und pflegebedürftigen Eltern und Schwiegereltern. "Das Gefühl, dass es zu viel ist, dass mein Mann und ich es nicht schaffen, haben wir ständig", sagt Sonia Pascual Romero, als sie im Biergarten des FC Neuhadern eine Pause macht und Apfelschorle trinkt. Es sind einfach zu viele, die etwas von ihnen wollen. Die Kinder, die vor allem Zeit brauchen, Nähe, Verlässlichkeit, Essen, jemanden, der sie zum Turnen oder zum Klavierunterricht bringt, der mit ihnen Schienbeinschoner kauft, damit der Trainer nie wieder sagt: "Ohne kannst du leider nicht mitspielen, Nathaniel!" Und dann strecken da noch die Großeltern die Arme aus und rufen: Kümmert euch, besucht uns, steckt uns nicht ins Heim!

In Deutschland gibt es 2,86 Millionen Pflegebedürftige. 70 Prozent von ihnen werden zu Hause versorgt, fast die Hälfte von Angehörigen. Meist liegt die Last der Betreuung auf den Töchtern, Schwiegertöchtern und Lebenspartnerinnen. Rund ein Drittel der Pflegenden hat laut einer gerade erschienenen Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung die Arbeitszeit reduziert; 44 Prozent arbeiten gar nicht. Für sie wird die Entscheidung, sich um Vater oder Mutter zu kümmern, zum Risiko, mittellos zu sein, wenn sie selbst alt sind.

Die Herausforderungen der Sandwich-Familien rücken nur langsam in den Fokus der Politik. Seit der Jahrtausendwende ging es eher darum, Krippen- und Kita-Plätze zu schaffen, auch Ganztagsschulen. Junge Eltern sollten schnell wieder in den Beruf zurück, am besten in Vollzeit. Und so führen berufstätige Paare mit Kindern heute nicht selten ein Hochleistungsleben zwischen Kita, Konferenzraum, Küchentisch und Kommunikationsseminar für eine bessere Verständigung mit dem eigenen Partner. Sie jonglieren, balancieren und improvisieren. Eine Frage wird dabei so lange wie möglich ausgespart: Was machen wir eigentlich, wenn unsere alten Eltern nicht mehr können? Wer kümmert sich dann?

"Auf ein Kind kann man sich neun Monate lang einstellen. Die eigenen Eltern bekommt man von heute auf morgen, wenn sie zum Pflegefall werden", sagt Alexa Ahmad, Geschäftsführerin des pme Familienservice. Eines Dienstleisters, der Unternehmen in ganz Deutschland hilft, ihren Mitarbeitern Lösungen für alle Lebenslagen zu präsentieren. Von der Betreuung der Kleinen bis zur Pflege der Alten. Die Nachfrage nach professioneller Beratung sei groß, auch deshalb, weil der offene Austausch über das immer noch schambehaftete Thema oft fehle, sagt Ahmad: "Jede Kinderkrankheit wird ausführlichst mit den Kollegen besprochen. Aber keiner erzählt, wenn ihm der eigene Vater auf die Couch geschissen hat."

Sie selbst hat sich gewundert, dass ihr Fachwissen bei der eigenen Mutter gar nichts nützte. Lange bemerkte sie nicht, dass die alte Frau dement wurde. "Ich wollte es einfach nicht sehen." Eines Tages stand die Mutter vor ihrer Tür und saß wenig später auf ihrem Sofa. Dort blieb sie zwei Jahre, bis sie in ein Heim kam.

Verdrängung ist ein gut funktionierender Mechanismus, um dem Pflegedilemma aus dem Weg zu gehen. Solange die eigenen Eltern ohne Hilfe selbstständig leben können, rührt man besser nicht daran. Auch weil es schwerfällt, sich die eigene Hilflosigkeit einzugestehen. Viele, die heute zwischen 30 und 50 sind, arbeiten an Orten, die es ihnen unmöglich machen, sich intensiv um ihre Eltern zu kümmern. Weit weg von der alten Heimat, in Berlin, Hamburg, München, Paris oder San Francisco – für die berufliche Mobilität schien es lange keine Grenzen zu geben. Bis eines Tages ein Anruf kommt: Schlaganfall, Herzinfarkt, Krebs im Endstadium, Demenz. Wir haben Ihre Mutter in der Kurzzeitpflege. Entscheiden Sie, was jetzt passieren soll.