DIE ZEIT: Frau Elderkin, Frau Berthoud, Sie nennen sich Bibliotherapeutinnen. Was ist das?

Ella Berthoud: Wir glauben, dass jedes Problem im Leben mit der Lektüre des passenden Buchs zur richtigen Zeit gelöst werden kann. Wir empfehlen Fiktion, um Leiden zu heilen.

ZEIT: Vor drei Jahren erschien das erste Buch mit literarischer Medizin für Erwachsene, nun kommt Die Romantherapie für Kinder. Warum? Schon im ersten Buch nennen Sie Kinderbücher ...

Susan Elderkin: Das stimmt, wir sind davon überzeugt, dass Kinderbücher in jedem Alter heilsam sind. Erwachsene verpassen etwas, wenn sie sich nicht hin und wieder am Regal der Jugendliteratur bedienen. Eigentlich wäre die Romantherapie für Kinder sogar naheliegender gewesen. Dass Literatur heilsam sein kann, versteht niemand so gut wie ein Kind, ganz intuitiv.

Traudl Bünger: Wir wissen außerdem, dass Kinder durchs Lesen Fähigkeiten wie Empathie und kognitive Perspektivenübernahme lernen. Und abgesehen von großen Weltverbesserungsdingen ist Literatur ein Riesenspaß.

ZEIT: Herausgekommen ist dennoch wieder ein Nachschlagewerk für Erwachsene. Warum richten Sie sich nicht direkt an die jungen Leser?

Berthoud: Wir empfehlen Bücher für Menschen zwischen 0 und 18 Jahren, es wäre extrem kompliziert, die unterschiedlichen Altersgruppen alle gleichermaßen anzusprechen. Mal abgesehen davon, dass einige noch gar nicht lesen können.

Elderkin: Um nicht missverstanden zu werden: Wir finden es toll, wenn Kinder sich selbst Bücher aussuchen, aber genauso brauchen sie die Geschichten, die Erwachsene ihnen zum richtigen Zeitpunkt anbieten. Unser Buch ist für alle gedacht, die Kinder beim Aufwachsen begleiten: Eltern, Großeltern, Paten, Lehrer. Wir bieten eine Sammlung von 233 wirklich beeindruckenden Büchern. Wenn ein Kind nur mit einem Viertel davon in Berührung kommt, verfügt es über ein erstaunliches literarisches Grundwissen.

ZEIT: Haben Sie als Kinder selbst viel gelesen?

Elderkin: Sogar ziemlich obsessiv. Bücher waren mein sicherer Rückzugsort. Ich habe mich immer in die Ecke hinter meiner Zimmertür gehockt und gehofft, dass mich niemand findet und vom Lesen abhält.

Berthoud: Ich erinnere mich noch, wie ich im VW-Bus meiner Eltern saß, vertieft in Tarzan, während wir über die französischen Alpen zuckelten. Um mich herum spielten meine drei Brüder Karten, und meine Mutter nörgelte, weil ich nicht ein Mal aus dem Fenster schaute.

Bünger: Ich lese immer noch sehr viel, aber diese eindringlichen Leseerlebnisse, die man als Kind hatte, als sich plötzlich Welten auftaten und man zum allerersten Mal Dinge erfuhr und fühlte, von deren Existenz man keine Ahnung hatte, die habe ich nicht mehr so häufig.

ZEIT: "Dickkopf, einen haben", "Monster unterm Bett", aber auch "Vater, ein noch nicht volljähriger sein" – das sind Leiden, denen Sie sich widmen. Was hat Sie inspiriert?

Elderkin: Selbst Kinder zu haben und sich an die eigene Kindheit zu erinnern! Aber wir haben auch mit vielen Eltern, Lehrern, Bibliothekaren, Buchhändlern und Kindern gesprochen.

Berthoud: So sind Leiden hinzugekommen, die uns selbst nicht eingefallen wären. Etwa "Märchen, die Nase voll davon haben". Für alle, die daran leiden, haben wir zehn Bücher, die den altbekannten Stoffen pfiffige Drehungen geben.

ZEIT: Haben Sie ein Lieblingsleid?

Berthoud: Meins ist "Things, wanting", im Deutschen "Habgier". Damit müssen sich alle Eltern herumschlagen, und es kann ein Horror, aber auch beschämend sein, wenn man Kindern etwas verweigern muss. Wir empfehlen hier die Lektüre des Buchs Millionen von Frank Cottrell Boyce . Eine Geschichte, in der zwei Jungen einen Koffer voller Geld finden und lernen, wie Reichtum die Beziehungen von Menschen verändern kann.

ZEIT: War es einfacher oder schwieriger, Kinderleiden zu benennen?

Elderkin: Die Kindheit und Jugend der meisten Menschen ist so voller Hindernisse und Konflikte, all die ersten Male, in denen man mit den Härten des Lebens klarkommen muss: Es war leider ziemlich einfach.

ZEIT: Wie haben Sie zu den Leiden die passenden heilsamen Bücher gefunden?

Elderkin: Als wir mit dem Projekt anfingen, waren wir überzeugt davon, eine Menge über Kinderbücher zu wissen. Nun, wir lagen falsch. In den vergangenen 40 Jahren hat die Kinderliteratur einen enormen Boom erlebt. Es hat uns schwer begeistert, all die neuen Geschichten zu entdecken. Einiges an Vorschlägen haben wir über soziale Medien generiert.

Berthoud: Genauso haben wir aber in Buchläden gestöbert und auch ältere Menschen gefragt, welche Bücher des vergangenen Jahrhunderts nicht vergessen werden dürfen.

ZEIT: Frau Bünger, für die deutsche Ausgabe haben Sie etwa ein Drittel der Titel beigesteuert. Was braucht das lesende deutsche Kind?

Bünger: Besonders solche Bücher, die Kinder und ihre Nöte ernst nehmen, ohne ernst zu sein. Die also das Kunststück bewerkstelligen, Unterhaltung ernst zu nehmen und Ernsthaftes unterhaltsam zu machen. Traditionell eher Bücher aus dem skandinavischen und englischen Raum.

ZEIT: Und Ihre eigenen Lieblingsbücher haben Sie natürlich auch untergebracht?

Bünger: Oh ja! Einige. Gerade lese ich mit meinen Zwillingen wahnsinnig gerne die Bilderbücher der Schwedin Pija Lindenbaum. Mia schläft woanders ist natürlich das perfekte Buch zu "Übernachtung, die erste woanders".

ZEIT: Wie kommen all die wundervollen Bücher denn nun ans Kind – das Kleinkind, den Grundschüler, die Pubertierende?

Bünger: Vorlesen, vorlesen, vorlesen. Und später die Bücher zu den heiklen Themen – erster Kuss, erste Periode – irgendwo unauffällig platzieren.

Ella Berthoud & Susan Elderkin mit Traudl Bünger: Die Romantherapie für Kinder. Suhrkamp/Insel 2017; 372 S., 20,– €; erscheint am 10. Juli