DIE ZEIT: Herr Klein, Herr Störmer, Herr Wilm, in Hamburg herrscht seit Wochen G20-Hysterie. Nun geht der Gipfel los. Was hat Sie vorab geärgert?

Sieghard Wilm: An einem Montagmorgen einen Brief zu öffnen mit einem Beutel drin und einem Zettel, auf dem steht: "Inhalt des Beutels heute: Mehl. Inhalt des Beutels am 7. und 8. Juli: Anthrax", also Milzbranderreger. Das war eine anonyme Drohung. Ich habe sie der Polizei übergeben und dann erfahren, dass diese Post an ganz viele Adressen verschickt wurde, auch an die Parteien.

ZEIT: Warum an Sie, den Pfarrer der linken Kirche St. Pauli?

Wilm: Es gibt Leute, denen sind wir längst nicht links genug. Die Protestbewegung neigt leider zur Selbstzerfleischung. Und: je linker, desto kirchenfeindlicher. Neulich verübte eine linksmilitante Gruppe Brandanschläge auf die Elektrik von Nahverkehrszügen. Was soll diese Angstmache? Rowdytum stoppt keinen Trump und keinen Putin.

Christoph Störmer: Mich ärgert, dass viele Linke nicht bereit sind, sich von Gewalt zu distanzieren. Sie sagen: Jeder geht so weit, wie er mag. Unsinn! Außerdem ärgert mich, dass unter dem Aufruf "Grenzenlose Solidarität statt G20" leider auch die von mir initiierte "Hamburger Initiative gegen Rüstungsexporte" steht. Die Sprache darin ist respektlos, der Inhalt zum Teil Fake-News-verdächtig. Mich ärgert allerdings auch der Hamburger Senat, der keine Flächen für ein Zeltcamp der Gipfelgegner bereitstellt.

Wilm: Die werden dann illegal in den Grünanlagen campieren. Meine Kirchengemeinde hat schon einen Hygienecontainer bestellt, um der Chaotisierung vorzubeugen. Das wäre eigentlich die Pflicht der Stadt.

ZEIT: Herr Pfarrer Klein, was sagt die Polizei dazu?

Patrick Klein: Beim Thema Camp bin ich hin- und hergerissen. Protest ist legitim, aber muss die Stadt kostenfreie Flächen zum Duschen und Schlafen anbieten?

ZEIT: Zum Protest gehören auch erklärte Systemgegner, also Demonstranten, die im Schutz der Demokratie gegen diese opponieren. Muss ein Pfarrer dafür Verständnis haben?

Störmer: Nein. Es kommen Staatsoberhäupter, zumeist gewählte. Die der anderen Länder kann ich mir nicht aussuchen, und bei manchen hoffe ich sogar, dass sie eines Tages vor dem Internationalen Gerichtshof landen. Dennoch ist es wichtig, dass die reden. Wer die G20 pauschal ablehnt, ist herablassend und politikverachtend.

ZEIT: Jesus sagt: Liebe deine Feinde! Darf ein Christ gegen seine Feinde vorgehen?

Störmer: Ja, aber friedlich. Ich würde mich zum Beispiel im Hamburger Hafen vor Containern mit Waffen für Kriegsgebiete querstellen. Ich habe schon oft demonstriert, auch an Sitzblockaden gegen den Atommeiler Brokdorf teilgenommen. Aber bei G20 missfällt mir die Arroganz und Militanz vieler Gegner. Deshalb habe ich für Freitag um 18 Uhr am Baumwall ein Friedensgebet initiiert mit prominenten Rednern wie Eugen Drewermann und Hartmut Rosa.

Klein: Gut so! Denn Dagegensein reicht nicht. Ein Migrant aus dem Senegal sagte neulich zu mir: Besser, die Staaten reden, als dass sie aufeinander schießen. Das sehe ich genauso. Zornig bin ich über Sabotage an Privatwagen von Polizisten: Da wurden Radmuttern gelöst und Nägel in die Reifen gestochen, Polizisten wurden bis nach Hause verfolgt und ihre Briefkästen beschmiert.

Wilm: Trotzdem kann ich nachvollziehen, wenn Demonstranten sagen: Dieser Gipfel ist obszön. Zu den 20 Staatschefs gehören ja korrupte Autokraten wie Präsident Zuma aus Südafrika. Oder die Herrscher aus Saudi-Arabien, die bei uns das ganze Hotel Vier Jahreszeiten mieten, aber daheim den Jemen bombardieren. Die sind nicht Teil der Lösung, die sind selber das Problem!

Klein: Aber was wäre denn die Alternative zu dem Treffen? Nichts!