DIE ZEIT: Pater Zollner, Sie sind Jesuit wie der Papst und wie der neue Glaubenspräfekt. Seit vielen Jahren wohnen Sie mit Luis Ladaria im selben Haus. Was ist er für ein Mensch?

Hans Zollner: Ich bin seit 2003 in der Jesuitengemeinschaft in Rom und erlebe ihn als besonders angenehmen Mitbruder: gleichbleibend freundlich und von hoher Menschenkenntnis. Er ist das Gegenteil eines Karrieristen. Als er 2008 zum Sekretär der Glaubenskongregation ernannt wurde, zog er nicht in den Vatikan, sondern blieb bei uns wohnen.

ZEIT: Sie lehren Psychologie, außerdem sind Sie Vize-Rektor der Päpstlichen Universität Gregoriana, wie einst Ladaria.

Zollner: Er war ein anspruchsvoller, faszinierender Lehrer. Als einziger Theologe der Gregoriana füllte er bei normalen Vorlesungen den großen Hörsaal, weil aus ganz Rom seine Fans kamen.

ZEIT: Sitzen Sie manchmal mit ihm am Tisch?

Zollner: Ja, recht oft, er diskutiert gern das Weltgeschehen. Zum Mittagessen kommt er meist etwas zu spät, weil die Pause im Vatikan später beginnt, und beim Abendessen ist er fast immer da. Er macht den römischen Einladungszirkus nicht mit. Ein Sekretär der Glaubenskongregation könnte sich von Empfang zu Empfang reichen lassen. Pater Ladaria arbeitet lieber oder ruht sich aus, statt in Salons herumzuhängen.

ZEIT: Sie sind federführend in der päpstlichen Kommission zur Prävention von Kindesmissbrauch. Ladaria war in der Glaubenskongregation bereits mit dem Missbrauch durch Priester befasst. Nun schreibt ein italienischer Journalist, Ladaria habe einen Täter geschützt.

Zollner: Das ist so falsch, dass ich es eigentlich nicht kommentieren will. Nur so viel: Für Täterschutz gibt es kein Indiz. Der Priester wurde laisiert, das ist die Maximalstrafe. Danach kann die Kirche ihn aber auch nicht mehr belangen. Der Rat an den zuständigen Bischof, aus dem Fall keinen Skandal zu machen, wurde von Kardinal Levada gegeben, nicht vom Sekretär Ladaria.

ZEIT: Die zwei mächtigsten Männer der katholischen Kirche sind nun Jesuiten. Wird der Vatikan ein schwarzes Imperium?

Zollner: Wenn Sie darauf anspielen, dass unser Ordensgründer Ignatius von Loyola, den man auch den "schwarzen Papst" nannte, keine Jesuiten in machtvollen Ämtern wollte: Schon die Wahl von Papst Franziskus war für unseren Orden gewöhnungsbedürftig. Ignatius selbst hatte ja verhindert, dass Jesuiten Bischöfe oder Kardinäle wurden. Er sagte aber auch: Wenn der Papst etwas will, müssen wir gehorchen. Wer Pater Ladaria kennt, der weiß, dass er das neue Amt nicht angestrebt hat und vermutlich betroffen war, als Franziskus ihn fragte.

ZEIT: Ist die Ersetzung Kardinal Müllers ein Ausweis typischer jesuitischer Härte?

Zollner: Franziskus hat in den vier Jahren seines Pontifikats nicht übermäßig viele Amtsträger ersetzt. Aber wenn er entscheiden muss, kann er auch hart sein. Er war als Provinzial in Argentinien und als Erzbischof von Buenos Aires jedenfalls nicht dafür bekannt, dass er vor Entscheidungen zurückschreckte. Der jesuitische Weg ist: Meinungen hören, diskutieren, dann liegt es beim Chef. Ich bin sicher, er hat alles wohl erwogen, auch im Gebet.

ZEIT: Ihr Orden hatte einst ernste Konflikte mit der Vorgängerbehörde der Glaubenskongregation, der Heiligen Inquisition.

Zollner: Ignatius wurde achtmal vernommen, dreimal inhaftiert. Er war den Dominikanern der spanischen Inquisition suspekt, weil er theologisch argumentierte, ohne Theologie studiert zu haben. Die Verfahren verliefen im Sande, aber der Orden wurde in den ersten 230 Jahren seiner Existenz stets beargwöhnt und schließlich für 41 Jahre verboten. Mit der einstigen Strafbehörde hat die heutige Glaubenskongregation jedoch nichts zu tun.

ZEIT: Hans Küng und andere haben immerhin ihre Lehrbefugnis verloren.

Zollner: Ich kenne die Kongregation nicht von innen, aber schätze Pater Ladaria als Theologen, der Lehrmeinungen offen diskutiert, gut zuhört und im Zweifel Brücken baut.

ZEIT: Was erhoffen Sie sich von dem neuen Präfekten?

Zollner: Dass er die Weite des Katholischen respektiert und den Glaubensweg der Kirche wohlwollend begleitet.