Irgendwann an diesem irrwitzig aufreibenden Dienstag sitzt Manuela Schwesig am Schreibtisch in der Staatskanzlei, zum ersten oder zweiten Mal überhaupt, an diesem riesigen dunkelbraunen Tisch, auf dem Stuhl des, nein: der Ministerpräsidentin. In ihrem neuen Büro. Sie wurde vor wenigen Stunden gewählt, sie ist jetzt Regierungschefin eines Bundeslandes ganz im Nordosten der Republik, von Mecklenburg-Vorpommern. Die Schilder am Eingang zur Staatskanzlei sind gerade ausgetauscht worden. "Die Ministerpräsidentin" steht da jetzt, wo vorher noch "Der Ministerpräsident" stand.

Jeder andere Mensch würde sich vielleicht in diesem Moment in seinen Bürostuhl fallen lassen und erst mal durchatmen, übers abgegriffene Leder streichen. Manche Männer würden für einen kleinen frivolen Moment die neue Macht genießen, doch sie? Nimmt die Unterschriftsmappen vom Stapel und fängt an zu unterzeichnen. Zack, zack, zack. Zettel für Zettel für Zettel. Schön, dass es endlich losgeht. Das also ist der erste Moment im Amt.

Manuela Schwesig, sagen viele, sei so weit gekommen, weil sie über immense Selbstdisziplin verfüge, geradezu preußisch organisiert sei. Aber das ist es nicht, das allein kann nicht erklären, wo sie jetzt ist. Und was sie auslöst. Die Menschen auf der Straße stürmen auf sie zu, wechselnd vom Du zum Sie und zurück: Manuela, Manuela. Das ist so großartig, dass du das machst. Sie schaffen das. Wir glauben an Sie. Bleiben Sie so. Manuela Schwesig löst in Schwerin etwas aus, von dem man noch gar nicht richtig weiß, was es ist. Nennen wir es: ein unverzagtes Entzücken.

Woran liegt das?

An der Hoffnung. Und an der Heimkehr.

Fangen wir mit der Heimkehr an, denn von der ist schneller berichtet. Manuela Schwesig, eigentlich in Brandenburg aufgewachsen, ist in Schwerin politisch groß geworden. Sie ist ein Gewächs dieser Stadt, sie lebt hier in einem dem Vernehmen nach ausgesprochen schönen Häuschen mit ihrem Mann und Julia und Julian, den zwei Kindern. Manuela Schwesig ist in Schwerin eine, auf die man stolz ist. Man war schon stolz, dass sie, die hier Landesministerin gewesen war, Bundesfamilienministerin in Berlin werden konnte und dass sie diese Aufgabe nicht nur irgendwie okay erledigte, sondern richtig für Aufruhr gesorgt hat, sogar so etwas wie die erste Reservekanzlerin der SPD für eine vielleicht gar nicht so ferne Zukunft geworden war.

Auf Leute, die es in der Ferne zu etwas gebracht haben, ist man stolz, das ist nicht nur in Schwerin so. Sie verkünden dort von der Heimat, und ein bisschen Glanz färbt immer ab. Im Osten gibt es außerdem diese ganz besondere Rückkehrerkultur: So viele sind nach 1990 gegangen, dass die, aus denen gemachte Menschen geworden sind, bejubelt werden, wenn sie zurückkommen. Wenn eine, die sich in der Ferne Glanz geholt hat, wiederkommt, sehen alle, wie es funkelt. Während Manuela Schwesig in Berlin mitunter belächelt wurde für vermeintliche sozialdemokratische Sperrigkeit, sieht man in Schwerin nur die Aura der Frau, die die Fremde erobert, aber die Heimat nicht vergessen hat. Das wird ihr helfen, jetzt, im neuen Amt.

Nun zur Hoffnung. Manuela Schwesig löst Hoffnungen aus, von denen man gar nicht weiß, ob man froh sein soll, dass sie nun auf ihr lasten. Viele Hoffnungen des Ostens. In sechs Bundesländern, rechnen wir Berlin ruhig einmal dazu, regierten bislang sechs Männer. In Sachsen, Sachsen-Anhalt, Berlin und Brandenburg sind das Männer, die, und man tritt ihnen da gar nicht zu nahe, in größter Unaufgeregtheit regieren. Das muss nichts Schlechtes sein, führt aber auch zu Unauffälligkeit. In bundespolitischen Debatten spielen Stanislaw Tillich, Reiner Haseloff, Michael Müller und Dietmar Woidke keine größere Rolle, sie wollen diese Rolle meistens auch gar nicht spielen.

Bodo Ramelow, in Thüringen, regiert alles andere als unauffällig, was auch nicht immer nur etwas Gutes sein muss. Aber er ist sichtbar, er zettelt Streits über den Osten an. Allein, sein Problem ist: Er ist Mitglied einer Partei, der Linken, in der man naturgemäß an Grenzen gerät, bis ins Kanzleramt ist der Weg am Ende wahrscheinlich doch zu weit. Und dann hat er auch noch das kleine Manko, ja doch nicht in Ostdeutschland geboren zu sein.

Aber nun ist da Manuela Schwesig: Eine echte Marke, man kennt sie. Eine Frau zudem, die wenig Probleme damit hat, zu sagen, was sie über den Osten denkt. Für sie ist Ostdeutschland nicht nur ein Problemrevier, in dem die Renten nicht stimmen und die Gehälter zu niedrig sind. Für sie ist Ostdeutschland ein spannender Raum, in dem noch richtig etwas geschieht. Sie sieht sich als Mitglied jener Generation junger Ostdeutscher, die als Kinder noch die DDR erlebt haben, aber jung genug waren, um nach 1990 durchzustarten. "Eine neue Generation übernimmt Verantwortung", das ist ein Satz, den Schwesig am Tag ihrer Wahl zur Ministerpräsidentin in Variationen immer wieder gesagt hat, und sie meint damit dezidiert eine neue ostdeutsche Generation, ihre, und damit sich. Wenn Schwesig unverkrampft über den Osten redet, wenn sie zugleich in der Bundes-SPD eine Kanzlerkandidatin der Zukunft darstellt, wenn sie also gehört wird und etwas zu sagen hat, dann kommen schon mal zwei sehr wichtige Dinge zusammen.

Und dass sie jetzt Ministerpräsidentin geworden ist, sei ihr Land auch noch so klein, ist dann nur der logischste nächste Schritt: Wer, wenn nicht sie, kann dieses Amt übernehmen?

Und welches Amt, wenn nicht dieses, taugt dafür, ein Lautsprecher für einen Osten zu sein, der innerlich divers ist, der Konflikte austrägt, in dem es brodelt, der Pegida hinter sich, aber vielleicht auch eine glänzende Zeit vor sich hat – in dem also in jedem Fall vieles in Bewegung ist?

Mit Manuela Schwesig und diesem Amt könnte etwas zusammenkommen. Weil jetzt jeder das weiß, könnten an dieser Stelle aber auch die Schwierigkeiten beginnen. Das fängt schon damit an, dass es spannend sein wird, zu sehen, wie Manuela Schwesig ein Kabinett führt: Von den fünf SPD-Ministern in Schwerin ist nur einer vor 1977 geboren; das ist das Ergebnis ziemlich guter Nachwuchsförderung des bisherigen Ministerpräsidenten Erwin Sellering, der nun krankheitsbedingt aus dem Amt scheidet. Schwer zu glauben, dass unter den Jüngeren nicht manch einer ist, der auch gern Ministerpräsident geworden wäre oder noch werden will, der sich jedenfalls ärgert, dass Sellering, als sei das ein Naturgesetz, die talentierte Frau Schwesig vorgezogen hat.

Unter den drei CDU-Ministern in Schwerins großer Koalition sind zwei hingegen alte Schlachtrösser, Lorenz Caffier, 1954 geboren, und Harry Glawe, 1953 geboren. Von denen erzählt man sich, dass sie in der Vergangenheit nicht immer nur schmeichelhaft von Manuela Schwesig gesprochen haben. Sie muss jetzt demnach auch zeigen, dass sie nicht nur das riesige politische Talent ist, das es bis zur Ministerpräsidentin geschafft hat. Sie muss sich zugleich in einem wirklichen Praxistest bewähren. Erfolg als Ministerpräsidentin ist etwas anderes denn Erfolg als Ministerin. Es reicht nicht, Wellen zu machen und einem Thema allein verpflichtet zu sein. Jetzt muss sie Manu für alle sein.

Aber wenn das Schwesig-Experiment gelingt, dann könnte dem Osten eine ziemlich interessante Zeit bevorstehen. Und Manuela Schwesig ohnehin.