DIE ZEIT: Frau Grünewald, Sie arbeiten als Familientherapeutin mit Patchworkfamilien und kennen sich aus mit Katastrophen im Urlaub. Warum knallt es da so häufig?

Katharina Grünewald: Wegen übersteigerter Erwartungen, Sehnsüchte und Wünsche, die man an die Ferien hat. Das ist ein ähnlicher Effekt wie zu Weihnachten. Zum Fest der Liebe wird Familie extrem gelebt, das ist im Urlaub auch so. Es soll die schönste Zeit im Jahr sein. Da traut man sich nicht zu sagen, dass etwas anstrengend ist.

ZEIT: Wann wird es denn anstrengend?

Grünewald: Schon bei der Terminplanung. Viele ehemalige Paare teilen sich die Ferien fifty-fifty. Wenn es aber auf einer oder beiden Seiten neue Partner oder sogar weitere Kinder gibt, muss gleich für mehrere Familien geplant werden, möglicherweise mit Ferienzeiten unterschiedlicher Bundesländer. Manchmal kommt noch ein Konkurrenzkampf ins Spiel, wer dem Kind wie viel bietet: Mit Mama geht es in die Karibik, mit Papa an die Ostsee. In einer Patchworksituation machen immer gleich mehrere Familien Urlaub.

ZEIT: Und warum sorgt das besonders in den Ferien verstärkt für Stress?

Grünewald: Eine Patchworkfamilie ist, rein psychologisch betrachtet, ein Liebespaar, von dem zumindest einer von beiden Kinder aus einer vorherigen Beziehung mitbringt. Entscheidend ist, dass es eine Liebesbeziehung gibt und dazu eine alte Familienlogik. Im Urlaub kollidieren dann die Selbstverständlichkeiten der einen Familie mit denen der anderen. In einer klassischen Familie fragt sich niemand: "Wie funktioniert das eigentlich mit dem Frühstück?" Hier schon – und dann knallt es, oft noch angeheizt durch eine Vorwurfshaltung: "Wieso machst du das so? Anders ist es doch richtig!" Und weil in den Ferien alle viel Zeit und keine Termine haben, kann man sich dann wunderbar an solchen Alltagsritualen aufreiben.

ZEIT: Was sind typische Konflikte?

Grünewald: Es geht schon bei der Abreise los: Muss die Stiefmutter zu den kleinen Kindern auf die Rückbank, damit das pubertierende Kind aus der früheren Partnerschaft vorne neben dem Vater sitzen kann? Kommt man halbwegs gut gelaunt am Urlaubsort an, gibt es Streit bei der Zimmerverteilung. Wenn es ein Schlafzimmer und eine Schlafcouch im Wohnzimmer gibt, wer geht in den offenen Wohnbereich, wer bekommt den Rückzugsort? Auch die Frage nach den Unternehmungen im Urlaub bietet Zündstoff: Wie viel Kinderprogramm gibt es, was entscheiden die Erwachsenen ...

ZEIT: Das gilt für klassische Familien genauso. Was heizt die Situation in Patchworkfamilien zusätzlich auf?

Grünewald: Aus Kindersicht zum Beispiel, dass da die "blöde Tante" im Bett des Vaters liegt. Ganz schlimm wird es, wenn die auch noch Zeit mit Papa allein will. Was im Urlaub auch oft passiert, ist, dass Streitereien zwischen Halbgeschwistern dazu führen, dass die Erwachsenen sich zoffen. Jeder nimmt die eigenen Kinder in Schutz, und damit stärkt sich das, was ich "Restfamilie" nenne. In manchen Fällen werden die Schlafzimmer anders aufgeteilt, und die Erwachsenen schlafen getrennt.

ZEIT: Womit man sich von der Aussicht auf friedliche Ferien endgültig verabschieden kann. Was steckt hinter solchen Eskalationen?

Grünewald: Erwachsene wie Kinder haben das Gefühl, nicht gemocht zu werden und nicht erwünscht zu sein. Aus einem konkreten Konflikt wird eine grundsätzliche Annahme: "Die neue Frau mag mich nicht und nimmt mir den Papa weg." Hängt das Kind dadurch umso stärker am Vater, fühlt sich wiederum die neue Frau abgelehnt. Wenn es auf so einer emotionalen Ebene landet, dann ist man mitten im seelischen Kriegszustand.

ZEIT: Wieso sprechen Sie immer vom Vater und der Stiefmutter?

Grünewald: Weil die Kinder meist bei der Mutter bleiben, den Vater also weniger sehen. Aus meiner Erfahrung liegen die meisten Konflikte bei dem Teil der Patchworkfamilie, bei dem das Kind seltener ist. Also beim Vater, der dem Kind gegenüber oft auch noch dauerhaft ein schlechtes Gewissen hat.

ZEIT: Und das schlechte Gewissen reist mit ...

Grünewald: Na klar, das Kind soll doch nicht auch noch im Urlaub zurückstecken! Aber die neue Partnerin und weitere Kinder wollen genauso auf ihre Kosten kommen. Der Vater hat in dieser Situation die Schlüsselrolle, nur seinetwegen sind die anderen ja zusammen. Hier das verbindende Scharnier zu sein, können Väter aber oftmals nicht so gut.

ZEIT: Warum nicht?