Dass Freiheit die Freiheit der Andersdenkenden sei, hat eine linke Radikale gesagt, Rosa Luxemburg. An die hundert Jahre danach, im Hamburg des G20-Gipfels 2017, wirkt dieser Satz zuweilen wie eine Utopie.

Die Andersdenkenden, mit denen Hamburg es in den kommenden Tagen zu tun bekommt, haben Anliegen, die sich kaum verstehen lassen. Einige planen Gewalttaten, andere wollen den Ablauf des Gipfels durch Blockaden stören – ein Vorhaben, das auch bei noch so großzügiger Auslegung des Versammlungsrechts aus guten Gründen illegal ist.

Andererseits, das kennzeichnet nun einmal Andersdenkende: dass ihre An- und Absichten den meisten unverständlich sind und von vielen scharf missbilligt werden. Klimaschutz, Gleichstellung von Frauen, Wachstum und Wohlstand im armen Afrika: All das ist mehrheitsfähig, es sind Anliegen, die eine konservative Bundeskanzlerin mit den Akteuren eines Alternativgipfels und zahlreichen Demonstranten teilt. Wer die Grenzen der Meinungs- und Versammlungsfreiheit besichtigen will, der muss sich für die Kundgebungen der Radikalen interessieren.

Wenn diese Grenzen sich als eng erweisen – ist das dann schlimm?

Es ist ja nicht wenig, was auf die Stadt zukommt. Hier der wahrscheinlich größte Autonomen-Aufmarsch seit Jahren, an diesem Donnerstag. Dort Staatschefs, die bewacht werden müssen wie die Kronjuwelen des britischen Königshauses. Und dazu ein genervtes Bürgertum, dem das alles zu viel ist. "Was ist mit der Post, dem ÖPNV, der Bahn? Wer zu spät oder gar nicht zur Arbeit kommen kann, muss nacharbeiten. Wir wollen Schadensersatz" – solche Briefe gehen bei Zeitungen ein, im Rathaus oder bei der Polizei.

Angesichts dieser Herausforderungen hat sich die Hamburger Landesregierung für eine doppelte Wirklichkeitsdeutung entschieden. Keine Sorge, wir haben alles im Griff, ihr werdet den Gipfel kaum bemerken – das ist die Botschaft für die Öffentlichkeit.

Vor Gericht hat das Land zuletzt eine völlig andere Geschichte erzählt: Der Gipfel sei ohne Versammlungsverbote nicht beherrschbar, wir haben viel zu wenig Polizei. Wie viel zu wenig? Man kann es in einem Urteil nachlesen: Angeblich fehlen 21 Hundertschaften. 21 von etwas über hundert, die eigentlich benötigt würden.

Die Polizeivertreter haben die Formulierung vermieden, aber mehrere Gerichte haben sie ergänzt: In Hamburg herrscht während des G20-Gipfels ein "polizeilicher Notstand". Ausgerechnet während eines Treffens der mächtigsten und umstrittensten Politiker der Welt sieht ein liberaler Rechtsstaat sich gezwungen, zahlreiche politische Kundgebungen zu verbieten.