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Während wir uns nach und nach durch drei Sicherheitsschleusen bewegen, landet ein Hubschrauber auf dem Gelände des Amtssitzes des türkischen Präsidenten in Istanbul. Recep Tayyip Erdoğan kommt von einem Stadtteil zum anderen angeflogen. Der Istanbuler Amtssitz, den er im Gegensatz zu dem in der Hauptstadt Ankara kaum benutzt, liegt im europäischen Teil der Stadt, eingetaucht in farbenfrohes Grün. Vom Vorplatz des Repräsentationsgebäudes, in dem wir mit ihm verabredetet sind, schaut man auf den Bosporus und den asiatischen Teil Istanbuls. Zu der Anlage gehören auch zwei Swimmingpools, die auf dem Foto, das Erdoğan nach dem Ende des Gesprächs von sich machen lässt, zu erkennen sind. Bevor unser Interview beginnt, zieht er sich in seine privaten Räume zurück. Wir warten in einem Salon, in dem auch eine Fernsehkamera aufgebaut ist – für das amtliche Archiv, wie uns erklärt wird. Im Nebenraum ist schon eingedeckt für eine Sitzung, die wenig später stattfinden soll, das Vorbereitungstreffen Erdoğans für den G20-Gipfel. Schließlich nimmt der Präsident zwischen zwei türkischen Fahnen Platz, das Gespräch wird simultan übersetzt. 30 Minuten wurden angekündigt. Das sei Erdoğans Standardlänge – so die Begründung. Er wird es um etwa 20 Minuten ausdehnen. Es ist Erdoğans erstes Interview mit einem deutschen Printmedium seit mehr als fünf Jahren. Während der gesamten Zeit hält ihm sein Medienberater immer wieder Tafeln mit Stichwörtern hin.

DIE ZEIT: Herr Präsident, Sie haben schon lange keiner ausländischen Zeitung mehr ein Interview gegeben. Ist das jetzt ein bewusstes Zeichen, dass Sie mit einem deutschen Medium reden – zu einer Zeit, in der die Beziehungen zwischen Ihrem Land und Deutschland auf dem Tiefpunkt sind?

Recep Tayyip Erdoğan: Vor fast sechs Jahren gab es ein Gespräch mit der Bild-Zeitung, vor sieben Jahren mit der ZEIT, also mit Ihnen. Wenn wir uns nun fragen, warum unsere Bindungen besonders mit Deutschland Risse bekommen haben, sage ich ganz klar: Die deutschen Medien betreiben eine Kampagne der Anschwärzung gegen uns. Teil dieser Kampagne waren Gespräche mit Terroristen.

ZEIT: Worin würde denn der Sinn liegen, dass die Medien, die in Deutschland unabhängig sind, Propaganda gegen die Türkei betreiben? Was für ein Interesse sollten sie daran haben?

Erdoğan: Ich glaube nicht daran, dass es irgendwo in der Welt unabhängige Medien gibt. Irgendwo sind sie alle, ob Print- oder visuelle Medien, abhängig, entweder ideologisch – oder sie verfolgen eigene Interessen. Wenn es so etwas wie unabhängige Medien gäbe, hätten wir all diese Probleme nicht. Wir sehen das alles ganz klar: Sie bewegen sich dahin, wo der Wind weht. Die deutschen Medien sind auch so. Niemand soll sagen, das sei nicht so, wir wissen sehr genau, dass es so ist.

ZEIT: Jede Zeitung hat weltanschauliche Bindungen, es gibt Zeitungen, die sind etwas liberaler, andere, die sind konservativer, einige sind mehr links orientiert. Aber in aller Regel ist es in Deutschland so, dass kein Verleger und schon gar kein Politiker den Zeitungsredakteuren oder den Chefredakteuren sagt, was sie zu schreiben haben. Das meinte ich mit unabhängig.

Erdoğan: (lächelt) Soll ich das glauben?

ZEIT: Ich bin seit 13 Jahren Chefredakteur der ZEIT, ich habe noch nie eine Intervention erfahren, weder von einem Politiker noch von meinen Verlegern. Und sollte das stattfinden, würde ich sofort meinen Dienst quittieren, weil ich dann nicht mehr unabhängig wäre.

Erdoğan: Nun, ich habe das bis heute nicht so erlebt. Ich habe sehr viele Medien-Chefs kennengelernt, viel Zeit mit ihnen verbracht und mit ihnen gesprochen. Und es kam vor, dass ich ihnen ihre eigenen Zeitungen zeigen musste. Ich habe gesagt: Ihr sprecht von ethischen Regeln, aber das hier ist eure Zeitung. Was soll daran ethisch sein? Das ging bis zur Verleumdung meiner Familie. Ihr habt von "finanziellen Beziehungen" gesprochen, von "Beziehungen mit dem IS", habt meinen Kindern irgendwelche Verbindungen angedichtet. Habt ihr Beweise? Nein. Aber ihr habt immer diffamiert. Und weil ich sehr klare Worte spreche, sind wir mit vielen dieser Journalisten auf eine ungute Weise auseinandergegangen. Warum? Ich spreche alles offen an. Zum Beispiel haben viele deutsche Zeitungen geschrieben, dass Tayyip Erdoğan ein Diktator sei. Nun, da frage ich: Wie definiert dieses Medium einen Diktator?

ZEIT: Sie fragen, warum Sie in der deutschen Öffentlichkeit wie ein Diktator angesehen werden? Weil in keinem anderen Land der Welt so viele Journalisten inhaftiert sind wie in der Türkei, mehr als 150. Weil deutsche Journalisten wie Deniz Yücel oder Meşale Tolu in Haft sind, ohne dass man die Gründe kennt. Yücel sitzt sogar in Einzelhaft. Weil Zehntausende Menschen ihre Arbeit verloren haben, nachdem sie unter Putschverdacht gerieten. Weil Ihr Geheimdienst Parlamentarier in Deutschland bespitzelt hat. Das sind einige der Gründe, warum Sie diesen Ruf genießen.

Erdoğan: Die Auskünfte, die Sie erhalten, sind falsch. Und aufgrund dieser falschen Informationen entwickeln Sie falsche Annahmen. (Er nimmt einige dicht beschriebene Karteikarten zur Hand.) 48 der sich in den Strafvollzugseinrichtungen befindenden Personen, deren Namen als inhaftierte Journalisten verbreitet werden, wurden wegen vieler Verbrechen, zuvorderst Terrorvergehen verurteilt, und diese Urteile sind vom obersten Gerichtshof bestätigt worden. Das ist das eine. Fünf Personen wurden von lokalen Gerichten verurteilt, bei ihnen läuft die Revision. Von den in den Gefängnissen einsitzenden Personen haben 177 als Beruf Journalist angegeben. Von diesen wurden 176 wegen Terrorvergehen festgenommen, einer wegen anderer Vergehen. Von den festgenommenen Personen werden 152 beschuldigt FETÖ-Putschisten zu sein ...

ZEIT: ... also Mitglieder der Gülen-Bewegung, die in der Türkei als Terrororganisation eingestuft wird und die hinter dem Putsch stecken soll ...

Erdoğan: ... es sind drei, die als FETÖ-Anhänger beschuldigt werden, 18 wegen PKK-Anhängerschaft, drei wegen DHKP-C-Anhängerschaft (Anhänger der Revolutionären Volksbefreiungspartei-Front, Anm. d. Red.), einer ist wegen Mordversuchs inhaftiert. Das sollten wir erst einmal alles wissen, damit wir nichts Falsches veröffentlichen. Dann gibt es, und mit ihm hat sich Bundeskanzlerin Merkel intensiv beschäftigt, Deniz Yücel. Am 27. Februar 2017 wurde er vonseiten des 9. Istanbuler Strafgerichts beschuldigt, die Bevölkerung offen zu Hass und Feindschaft aufgestachelt und Propaganda für eine Terrororganisation gemacht zu haben, und festgenommen. Am 8., 9. und 22. März, am 3., 12. und 17. April und am 9. Mai 2017 wurde er ärztlich untersucht. Die Istanbuler Staatsanwaltschaft hat ermittelt, dass Deniz Yücel in den Kandil-Bergen mit einem der PKK-Anführer gesprochen hat, dass er an von der PKK organisierten Treffen teilgenommen und Propaganda für die separatistische Terrororganisation gemacht hat. In unseren Gefängnissen befinden sich derzeit 29 deutsche Staatsbürger, deren Fälle diesem ähneln. Sie sprechen davon, dass sich Tausende Menschen in den Gefängnissen befinden, dass sie ihre Arbeit verloren hätten. Ich will Ihnen mal etwas sagen: Als sich Ost- und Westdeutschland wiedervereinigt haben, wissen Sie, wie viele Menschen da ihre Arbeit verloren haben? Mehr als 500.000!