Zwei der Kinder wollten gleich flüchten. Sie hatten solche Wesen nämlich schon im Fernsehen gesehen – als waffenstrotzende Metallkrieger, die aus Raumschiffen stürmen. Als plötzlich so ein gefährliches Ding mitten in der Kita stand, halfen weder beruhigende Worte noch die vertraute Hand der Erzieherin. Nicht einmal nähern wollten sich die Jungen der Maschine.

Die übrigen Kinder aber waren elektrisiert: Ein echter Roboter in ihrer Kita! Einer, der laufen und sprechen konnte und sogar den Namen jedes Einzelnen kannte! Tagelang gab es kein anderes Thema. Die Kinder bauten den Roboter nach, sie spielten mit dem Teddy Roboter, sie redeten wie ein Roboter. Im Erlebnisschatz der Kita St. Josef in Herford ist "Robin" seither eine feste Größe.

In der Wissenschaft heißt Robin L2TOR, gesprochen "el tutor". Das Wortspiel ist aus dem englischen Kürzel für Zweitsprache ("L2") und dem Wort tutor ("Hauslehrer") zusammengesetzt und steht für einen kühnen Versuch: Können Roboter Menschen unterrichten – genauer gesagt kleine Menschen? Ob und wie das geht, erproben Forscher der Universität Bielefeld derzeit mit Kollegen aus den Niederlanden, England und der Türkei. Gemeinsam versuchen sie zu ergründen, ob die Maschinenwesen Vorschulkindern beim Erlernen einer zweiten Sprache helfen können.

Den Kitas ist bei dieser Aufgabe jeder Beistand willkommen. Sprachprobleme sind die größte Hürde auf dem Weg zum Lernerfolg, besonders für Kinder aus Einwandererfamilien. Viele von ihnen haben so große Mängel im Deutschen, dass sie ohne Unterstützung bereits bei der Einschulung so gut wie chancenlos sind. In Berlin etwa trifft das für fast ein Drittel der Migrantenkinder zu. Wer heute in einer Kita arbeitet, muss oft auch Sprachhelfer sein, meist ohne es gelernt zu haben. Wenn jemand zudem noch Englisch spricht, umso besser. Viele Eltern erwarten heute ein kleines Lernangebot in einer Fremdsprache.

Da liegt der Gedanke nahe, Erzieher(inne)n intelligente Maschinenwesen zur Seite zu stellen – am besten Roboter, die nicht nur Deutsch und Englisch sprechen, sondern auch Türkisch, Arabisch und Farsi. Doch wie müssen die Humanoiden beschaffen sein, damit Fünfjährige keine Angst vor ihnen haben und mit ihnen lernen? Wie müssen – wissenschaftlich formuliert – die Algorithmen der Mensch-Maschine-Interaktion fürs Vorschulalter aussehen? Solche Fragen werden in der Spieleindustrie längst gestellt. Nun entdecken auch Bildungsforscher und Psychologen das Thema und begründen gemeinsam mit Informatikern und Linguisten ein neues Forschungsfeld, das man Roboter-Kind-Pädagogik nennen könnte.

Die heutige Probandin für diese Forschung trägt von der Haarspange bis zu den Hausschuhen Rosa und heißt Paulina. Es sind ihre letzten Wochen in der Kita St. Josef, im Sommer kommt sie in die Schule. Vorsichtig hockt sie sich dem knienden Roboter gegenüber auf eine Turnmatte. Da ertönt eine scheppernde Stimme: "Hallo Paulina, ich bin Robin. Wollen wir ein Spiel spielen?" Das Mädchen nickt, der Roboter erhebt sich mit leichtem Surren. Jetzt sind sie auf Augenhöhe.

Am meisten lernen die Kinder, wenn der Roboter sich auch mal dumm stellt

Auf einem Tablet-Computer, der an Robin angeschlossen ist, erscheinen ein Affe, ein Huhn und ein Pferd. Er werde jetzt Tiere vorspielen und den Namen auf Englisch sagen, Paulina solle das Tier erraten und auf dem Tablet antippen, erklärt der Roboter. Dann greift er sich an den Kopf und unter die Arme. Auf den sich kratzenden "monkey" folgen das galoppierende "horse" und das flügelschlagende "chicken". Paulina erkennt alles sofort. Und Robin antwortet mit lobenden Worten: "Das war super."

Der kleinkindgroße Roboter misst 58 Zentimeter und sieht mit seinem helmartigen Kopf und den breiten Schultern aus wie ein kleiner American-Football-Spieler. Er gehört zur Nao-Baureihe, dem weltweit meistverkauften humanoiden Computermodell. Sein Hersteller, das japanisch-französische Unternehmen SoftBank Robotics, hat ihn mit einem Mikrofon im Mund, Lautsprechern anstelle der Ohren und zwei Kameras auf der Stirn ausgestattet. Damit verfolgt er Paulinas Reaktionen.

Anfangs blickt das Mädchen noch kurz zu ihrer Erzieherin, um zu prüfen, ob es auch alles richtig macht. Doch bald weicht ihr Blick nicht mehr vom Roboter. Obwohl das Programm nach gut fünf Minuten von vorn beginnt ("Paulina, lass uns spielen"), folgt sie gebannt jeder seiner Anweisungen. Leise sprechen ihre Lippen die englischen Wörter nach.

Künstliche Intelligenz - Mit Nao Rechnen üben An einer Grundschule in Berlin lernen Schüler mithilfe eines Roboters. Er soll die Kinder anregen, sich länger auf eine Aufgabe einzulassen. Menschliche Betreuung ersetzen soll er nicht. © Foto: Sven Kästner/ZEIT ONLINE