Nur ein einziger Fisch. Er liegt auf dem Boden des Bootes und windet sich im Todeskampf. Er öffnet sein Maul, schnappt, reißt es auf, als wolle er das Leben erzwingen, erlahmt dann, wird ruhiger, bis er reglos ist.

Das Kind, das das Boot durch eine endlose Wasserlandschaft steuert, ganz allein, hält sich mit Mühe aufrecht. Ein Junge mit vor Anstrengung verzerrtem Gesicht. Neun Jahre alt, James Mawieh Bol, nackte dürre Beine. Über der schmalen Brust ein zerrissenes Hemd. Er drückt mit beiden Händen eine lange Holzstange hinter sich. Meter um Meter schiebt er das Boot voran. In den frühen Morgenstunden ist er von der Hütte seiner Familie aus aufgebrochen. Seither warten sie dort auf seine Rückkehr, die Eltern und drei kleine Geschwister. Der Junge kontrolliert die Netze, die er weit draußen im Wasser aufgespannt hat. Seine Fahrten machen in diesen Tagen den ganzen Unterschied zwischen Leben und Sterben aus.

Das Boot, in dem er steht, ist ein Einbaum, geschlagen aus dem Stamm einer Palme. Es ist halb leck. James hält immer wieder inne, um das Wasser mit den Händen aus dem Boot zu schöpfen. Als er gegen Mittag zu seiner Familie zurückkehrt, auf die kleine Insel mit der Hütte seines Vaters, stolpert er vom Boot, erschöpft, in seiner rechten Hand der Fisch.

Sein Vater sitzt auf einem Hocker vor der Hütte. Er ist ein warmherziger Mann. Einer, der selten streng ist. James steht mit krummem Rücken vor ihm, blickt ihn nicht an, schaut zu Boden. Die beiden schweigen. Der Vater sieht auf den Fisch, den James an der Schwanzflosse hält.

Kaum ein Helfer will in den Südsudan: 79 von ihnen wurden bereits ermordet.

"Mehr hast du nicht gefangen?", fragt der Vater, der zu krank ist, um selbst zu fischen. Der Junge bleibt stumm, presst die Lippen aufeinander. Er weiß, was er seiner Familie an diesem Tag nach Hause bringt: den Hunger.

Wasser und Schlamm umgeben die Insel, die nur so groß ist wie ein Fußballfeld. Auf ihr wohnen 20 Menschen in fünf Hütten, und in alle vier Himmelsrichtungen schauen sie auf einen riesigen Morast, den Sudd. Er liegt in der Mitte des Südsudans. Die Wasser des Weißen Nils stauen sich hier seit dem Ende der letzten Eiszeit zum größten Sumpf der Erde auf. 130.000 Quadratkilometer bedeckt er in der Regenzeit. Eine Fläche, so groß wie England. Fast undurchdringlich. Für viele Jahrhunderte glaubten die Europäer, der Sudd sei das Ende der Welt.

An diesem Ort haben James und seine Familie Rettung gesucht. Zehntausende flohen während der vergangenen Monate auf ein Archipel winzigster Inseln in dem Sumpf. Seit fünf Jahrzehnten ist Krieg im Südsudan, aber noch nie tobte er so schlimm wie jetzt. In vielen Provinzen sind Städte verlassen, Dörfer verbrannt und die Felder unbestellt. Sogar in Gegenden, die bis vor Kurzem als Kornkammer galten, drohen die Menschen an Hunger zu sterben.

Im vergangenen Februar richteten die Vereinten Nationen einen Hilfsappell an die Welt, der in seiner Art einmalig war. Der Nothilfe-Koordinator Stephen O’Brien warnte im Sicherheitsrat in New York vor der "größten humanitären Katastrophe seit Bestehen der UN". In Afrika und auf der Arabischen Halbinsel seien 20 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht, in Kenia, Somalia, Nigeria, im Jemen und vor allem im Südsudan, wo der junge James Mawieh Bol in den Sümpfen nach Fischen sucht.

Um ein Massensterben abzuwenden, so die UN damals, müssten die reichen Länder zusätzlich 6,1 Milliarden Dollar bereitstellen. Die Regierungen gaben Geld – aber bisher nur einen Bruchteil des Notwendigen. Auch die Hilfsorganisationen haben Probleme, Finanzmittel einzusammeln. Viele Menschen, die früher gespendet haben, fragen jetzt: wozu? Wieso hört der Hunger nicht auf? Warum ist nach 600 Milliarden Euro Entwicklungshilfe, die in den vergangenen 50 Jahren nach Afrika flossen, die Not nun größer als zuvor? Haben wir falsch geholfen? Zu wenig geholfen? Oder ist es nur eine Illusion: die Annahme, helfen zu können?

Wir, Fotograf und Autor, sind beide viel in Afrika unterwegs und haben selbst schon kleine Hilfsorganisationen gegründet. Auch wir, ganz persönlich, ringen mit diesen Fragen.

Sind James und seine Familie noch am Leben?

Für drei Wochen sind wir in den Südsudan gereist, um Antworten zu finden. Antworten, nach denen wir auch in Deutschland suchen, in Bonn, am Sitz der Welthungerhilfe, und in Konstanz, beim Verein Hoffnungszeichen, einer kleinen Hilfsorganisation, die sich aus dem Südsudan zurückgezogen hat, obwohl dort die Not so groß ist.

Doch die Frage, die uns heute beim Erscheinen dieses Artikels am meisten beschäftigt, ist diese: Sind James und seine Familie noch am Leben?

Wir wissen es nicht.

Buthony heißt die Insel, auf die sich James’ Familie in ihrer Verzweiflung flüchtete. Sie liegt tief im Inneren des Sudd. Zehn Stunden sind wir in zwei Kanus unterwegs, fahren über weite Seenlandschaften, die sich immer wieder zu Kanälen verengen, zu Rinnen, oft kaum breiter als das Kanu, überwachsen mit Schilf, grüne Tunnel, durch die wir gleiten. Oft versiegen die Wasserwege ganz. Bis zur Hüfte waten wir durch schmatzenden Morast. Bewegt man sich nicht rasch genug, bleibt man stecken. Der Schlick wirft Blasen, die Hitze flirrt. Spitz wie Warzen stechen kleine Erdkegel aus dem Sumpf. Auf ihnen wachsen die einzigen Bäume. Sie verheißen Kühlung, doch sie behausen Giftschlangen und Skorpione. "Seht!", sagt am späten Nachmittag unser Kanuführer und zeigt auf den fernen Horizont. "Buthony!"

"Ihr seid die Ersten, die hierherkommen", sagt Garchang Bol, James’ Vater, auf der Insel zur Begrüßung.

Verunsichert treten die Bewohner aus ihren Hütten. Die Männer zuerst, Bol, 51, in Shorts und Hemd. Der misstrauische Stephen Wijnay, 39, der in seiner Hütte abseits der anderen lebt. Der Älteste, Simon, 62, Cousin von Bol, halb blind, schwer hustend. Marieh, 25, im Trikot des FC Barcelona, dessen ältere Schwester Marie querschnittsgelähmt auf einer Bastmatte in ihrer Hütte liegt. Stephens Frau erscheint, Nyakuon, die mit allen im Streit liegt. "Sie brüllt immer", klagen die anderen. Bols Frau, Nyakuol, die nett ist, wenn man sie einmal für sich gewonnen hat. Elf Kinder, die erst Abstand halten, dann neugierig mit ihren Fingern durch unsere Haare fahren. Allesamt Vertriebene von weit her, die aus ihren Dörfern geflohen sind.

3,5 Millionen Menschen sind im Südsudan nach UN-Schätzungen auf der Flucht. Hunderttausende retteten sich in Nachbarländer. Hunderttausende suchen Schutz auf den Stützpunkten der UN-Truppen, die sie kaum schützen können. Die meisten aber wichen in den Busch aus und leben jetzt an Orten, die derart abgelegen sind, dass, so hoffen sie, alle Kriegsparteien sie vergessen haben. Orten, an denen es kaum Nahrung gibt.

17 Palmen wachsen auf Buthony und wenige Büsche. Eine winzige Welt. Fast ganz ist sie bedeckt von bleichen Fischgräten und menschlichem Kot, aus denen Marabus ihre Nahrung picken. Die Vögel, schwarz-weiß und beinahe so groß wie Menschen, stehen den ganzen Tag im Kreis um die Hütten und warten. Die Bewohner leben fast nur von Fisch, aber die Fische scheinen weitergezogen zu sein. Die Fänge werden von Woche zu Woche ärmer, der Kampf ums Überleben wird härter. Und noch nie kam Hilfe von außen auf die Insel.

"Was können wir tun?" Im Bonner Stadtteil Bad Godesberg, im Raum 122 der Zentrale der Welthungerhilfe, beraten am 16. Februar um neun Uhr morgens sieben Frauen und Männer. Am Konferenztisch sitzen: die Regionaldirektorin Renate Becker, der Leiter des Fundraisings Carsten Scholz, der Vorstand sowie ein Nothilfe-Koordinator. Sie halten eine "Lage" ab, wie sie hier ihre Krisensitzungen nennen. Die erste von vielen, die in den nächsten Wochen folgen werden. Die Büros im Südsudan, in Äthiopien und Kenia sind per Video zugeschaltet. Eine Woche zuvor haben die UN für Teile des Südsudans eine Hungersnot ausgerufen. Phase 5.

Auf der Landkarte, die im Raum 122 aufgespannt ist, ist Phase 5 als dunkelrot vermerkt. Die höchste Stufe auf der Skala, mit der die UN den Hunger messen. In den betroffenen Regionen sind mehr als 30 Prozent der Bevölkerung unterernährt. Auch in anderen Ländern Ostafrikas droht Millionen Menschen der Hungertod. Nur sehr selten haben die UN in ihrer Geschichte bisher die Phase 5 ausgerufen.

Die Runde in Bad Godesberg ist trotzdem unentschieden. "Ich war mir nicht sicher, wie wir reagieren sollen", wird sich der Fundraiser Carsten Scholz später erinnern. Scholz ist für die Spendenaufrufe der Welthungerhilfe verantwortlich. Er hört auf der Sitzung die erschreckenden Berichte der Länderdirektoren und zögert trotzdem. Die Frage, die er beantworten muss, ist: Hat ein Hilferuf Aussicht auf Erfolg? "Ich habe gezweifelt, ob die Krise bei uns in Deutschland schon bekannt genug war."

Die Menschen spenden ihr Geld nicht für etwas, von dem sie nichts wissen. Damals, Mitte Februar, haben erst wenige Tageszeitungen und Radiosender von der Hungersnot berichtet, das Thema hat noch nicht, wie Scholz es nennt, "ARD- Brennpunkt- Format". Er steht vor einem betriebswirtschaftlichen Problem: Um Geld einzusammeln, muss die Welthungerhilfe erst einmal Geld ausgeben. 600.000 Briefe mit der Bitte um Spenden zu drucken und an bundesdeutsche Haushalte zu versenden ist nicht billig. Eine zum falschen Zeitpunkt gestartete Kampagne kann viel Geld vernichten.

"Weißt du, wie man ihr helfen kann?"

Auch Renate Becker, der einige Länderbüros in Afrika unterstehen, ist sich unschlüssig. "Wo können wir im Moment überhaupt helfen?", fragt sie in die Runde. Wenige deutsche Hilfsorganisationen sind so groß wie die Welthungerhilfe. Ihre Mitarbeiter vor Ort unterrichten Bauern in neuen Anbaumethoden, lassen Brunnen bohren, geben Kurse, um die Rechte der Frauen zu stärken. Im Südsudan verteilen die Deutschen in mehreren Distrikten seit Langem Lebensmittel für 350.000 Menschen, im Auftrag des UN-Ernährungsprogramms. Nun, in der akuten Krise, ginge es darum, die Hilfslieferungen auszuweiten. Doch dafür fehlt das Personal. Es sei unglaublich schwierig, Mitarbeiter für den Südsudan zu finden, sagt Renate Becker. Das Land zählt zu den gefährlichsten Einsatzgebieten der Welt. In den vergangenen drei Jahren sind hier 79 Entwicklungshelfer ermordet worden.

So beschließen sie an diesem Februarmorgen in Bad Godesberg lediglich, ein Erkundungsteam in die Hungergebiete in Nordkenia zu entsenden, wo die schlimmste Dürre seit Jahrzehnten die Ernten zerstört. Ohne einen Entschluss zum Südsudan geht die Runde im Raum 122 gegen zehn Uhr auseinander.

In der Nacht erleidet Bols Frau wieder einen Anfall. Krämpfe schütteln ihren Körper, Nyakuol reißt die Augen auf, biegt den Nacken nach hinten, dann verliert sie das Bewusstsein. Wie benommen wirkt sie am Morgen danach. "Mein Kopf", sagt sie mit schmerzverzerrtem Gesicht. Trotzdem bereitet sie der Familie etwas Getreidebrei zu. Es ist die Aufgabe der Frau, die Männer kochen nicht. Bol sitzt hilflos neben ihr. "Sie ist meine große Liebe", sagt er. "Ich habe noch keinen Moment bereut, sie geheiratet zu haben." Nyakuols Anfälle hätten mit der Flucht auf die Insel begonnen. "Weißt du, wie man ihr helfen kann?", fragt er mich. Ich weiß es nicht. Er nickt und schaut ihr weiter beim Kochen zu.

Die Insel mit den 17 Palmen ist ihnen Zuflucht und Fluch. Jeden Tag, den sie hier bleiben, schwindet ihre Kraft, sie zu verlassen. Im Sommer 2015 flohen Bol und seine Familie aus ihrem Dorf, von einem Tag auf den anderen, ohne Plan. Sie lebten in Mayendit, 50 Kilometer weiter im Norden. Bol baute Mais und Hirse an. Er besaß 42 Rinder. Die Familie war nicht reich, aber sie konnte leben, und der Krieg hatte sie verschont, bis zu jenem Tag. "Es war im Juni, oder?", fragt er seine Frau. Sie nickt.

Bol hatte gerade mit der Feldarbeit begonnen. Nyakuol erinnert sich, dass sie mit Freundinnen vor dem Haus saß; sie scherzten über ihre Ehemänner. "Ich habe ihnen vom Lied von Bol erzählt", sagt Nyakuol. Bol und seine Familie gehören zum Stamm der Nuer, und bei den Nuer hat jeder Mann ein Lied, das ihm spirituelle Kräfte gibt. Ein Lied zum Schutz seiner Seele.

"Darf ich dein Lied hören?", frage ich Bol. Er lacht verlegen und schweigt. Er möchte es nicht vorsingen.

Im Frühsommer 2015 griffen Soldaten die Region um Mayendit an. Panzerkolonnen rollten auf die Stadt zu, Bewaffnete liefen durch die Straßen.

Als sich der Südsudan vor sechs Jahren vom Sudan abspaltete, galt das Land als großes Versprechen. Ein neuer, wahrhaft demokratischer Staat in Afrika, das war die Hoffnung. Allein die USA investierten elf Milliarden Dollar in den Aufbau der Ministerien und die Ausbildung der Armee. Doch nach der Unabhängigkeit kollabierte das Land binnen Monaten. Die Korruption verschlang die internationalen Hilfen zum Staatsaufbau. Zwischen den beiden größten Volksgruppen, den Nuer und den Dinka, brach Krieg aus, die Armee, in der beide Stämme gemeinsam dienen sollten, zerfiel. Nuer-Milizen bekämpften Dinka-Truppen. Beide Seiten vergewaltigen und morden.

Nach dem Angriff der Dinka rannte Bol mit seiner Familie aus einer brennenden Stadt. Er sah die Leichen zweier Cousins, zweier Neffen und von vier Tanten. Insgesamt, sagt er, starben an diesem Tag 18 seiner Verwandten.

Eine Woche später betrat er zum ersten Mal die Insel. Zwei Tage hatte er mit dem Kanu hierher gebraucht. Buthony schien von den Dinka-Truppen weit genug entfernt zu sein. Die Insel war unbewohnt. Bol hackte mit einer Machete einen Platz von Büschen frei, tötete einige Schlangen und begann, eine Hütte zu bauen. Dann holte er seine Familie nach. Später folgten einige Verwandte und der grimmige Stephen und seine launenhafte Frau.

Am 22. Februar ist im Bonner Stadtteil Bad Godesberg immer noch keine Entscheidung über eine Spendenkampagne gefallen. Der Fundraiser Carsten Scholz steht mit den Kollegen im Vision-Room zusammen, einem Raum für Blitzkonferenzen. Statt Stühlen gibt es nur Stehhocker. "Was glaubt ihr", fragt er in die Runde: "Sollen wir es machen?" Die Kollegen teilen Scholz’ Ratlosigkeit. Noch immer ignoriert die Öffentlichkeit den Hunger. Bei der Pressestelle der Welthungerhilfe gab es einige Anfragen von Journalisten, aber kein massives Interesse. Hunger in Afrika hat für die Medien keinen Neuigkeitswert. Der Hunger scheint zu Afrika zu gehören wie die Fettleibigkeit zu Amerika. In vielen Redaktionen gilt er als: zu langweilig.

So ist es mittlerweile Brauch im humanitären Gewerbe

Im Vision-Room einigen sie sich darauf, die Entscheidung noch einmal aufzuschieben. Der Vorstand der Welthungerhilfe hat unterdessen beschlossen, eine halbe Million Euro freizugeben, um die Presseberichterstattung anzuregen. Das Geld fließt in erste Nothilfeprojekte in Kenia und Somaliland. Die Welthungerhilfe organisiert dann Journalistenreisen dorthin. Sie übernimmt für ausgewählte Reporter die Reisekosten und sorgt so dafür, dass die Hungerkrise endlich in die Medien kommt. In die Medien, von denen Fundraiser Scholz wiederum abhängig ist. So ist es mittlerweile Brauch im humanitären Gewerbe.

"Du musst wieder fischen gehen", sagt Bol zu James.

"Ich will nicht. Es ist kalt. Ich friere", sagt James.

"Es geht nicht anders", sagt der Vater.

Der Sturm trifft ganz plötzlich auf die Insel. Er reißt den Sand in Wirbeln empor, biegt die Palmen, färbt den Himmel braun. Es ist der Morgen unseres dritten Tages. Vorboten der Regenzeit. Sie bringt Kälte und Krankheiten. Die kleinen Kinder kreischen vor Freude. Meist liegen sie irgendwo dösend im Schatten, fast alle sind unterernährt. Doch jetzt hüpfen sie hoch und greifen nach den Fetzen der Palmblätter, die durch die Luft wehen. Die Erwachsenen laufen aus den Hütten, um die Dächer zu sichern. Bol und Nyakuol ziehen die Stricke strammer, die die große Plastikplane am Haus halten. Die Plane ist alles, was sie vor Wind und Regen schützt. Sie ziehen mit aller Kraft, dann eilen sie zurück in die Hütte, in der es dunkel ist und verraucht. Sie kauern sich auf den Boden, vor Kälte zitternd, jeder mit einer Decke um die Schultern.

James ist zum Fischen irgendwo da draußen im Sturm. "Er wird zurechtkommen", sagt Bol.

An den Innenwänden der Hütte, dort, wo Nyakuol ihre Töpfe verstaut hat, mehrere Plastiktüten mit Kleidern, ein Moskitonetz, das sie von zu Hause retten konnte, lagert ein Sack Getreide. Nyakuol zieht ihn hervor, um das Essen vorzubereiten. Er ist fast leer. Der letzte Vorrat, der ihnen geblieben ist. "Zwei Tage noch", schätzt sie. "Supercereal Plus" steht auf dem Sack, ein Gemisch aus Mais, Sojabohnen und Zucker. Eine spezielle Rezeptur des UN-Ernährungsprogramms, hergestellt in Belgien, verteilt von der deutschen Welthungerhilfe. Ein kleiner Teil der Hilfe, die die Organisation schon vor der akuten Hungerkrise leistete.

Die Essensspenden muss die Familie auf dem Schwarzmarkt kaufen

Doch die Familie hat den Sack "Supercereal Plus" nicht etwa geschenkt bekommen. Bols Cousin Marieh hat ihn bei seiner letzten Fahrt in die Stadt Nyal auf dem Schwarzmarkt gekauft, für 250 südsudanesische Pfund. So viel, wie hier ein Lehrer in einer Woche verdient.

Nyal ist für die Sumpfbewohner der nächste größere Ort auf dem "Festland", wie sie hier sagen, früher nur ein Dorf mit Rindermarkt, jetzt eine Stadt mit Zehntausenden Flüchtlingen. Wer mit dem Kanu nach Nyal will, hält Ausschau nach der Antenne des Mobilfunkmasts. Ein früherer Gouverneur hat ihn im Wahlkampf errichtet, aber er wurde nie in Betrieb genommen. Ein Symbol des Fortschritts, der nicht stattfand. Nyal ist heute Teil des Herrschaftsgebiets der Nuer, eine eingeschlossene Stadt. Dinka-Truppen blockieren die Straßen, eine Landebahn für Flugzeuge gibt es nicht. Es gibt nur ein großes, freies Feld, die drop zone, übersät mit Fetzen von weißer Plastikfolie. Alle zwei Monate wirft hier eine gecharterte Antonow im Auftrag der Vereinten Nationen Säcke mit Mais und Hirse und Pakete mit Palmöl ab. So wie an vielen weiteren Orten im Südsudan. Fallschirme mildern den Aufprall der Essensrationen.

Am Rand der drop zone haben die Hilfsorganisationen ihre Stützpunkte errichtet. Die Welthungerhilfe, die für die Verteilung der abgeworfenen Lebensmittel zuständig ist, unterhält zwei große Vorratszelte. Ihr Nachbar ist das britische Oxfam-Bündnis, das auf den Sumpfinseln Brunnen für sauberes Trinkwasser bohrt. Es gibt das amerikanische Mercy Corps, das die Menschen mit Angelhaken und Netzen versorgt. Zwischen den weitläufigen Niederlassungen der Hilfsorganisationen steht ein kleiner Ziegelbau mit einem leeren Schreibtisch. Der Sitz der lokalen Regierung.

Bol und die anderen Inselbewohner wagen sich selten nach Nyal. Sie fürchten, dass es den Dinka irgendwann gelingt, die Stadt zu überrennen. "Ich hab das schon einmal erlebt", sagt Bol. Er und die anderen auf Buthony erhalten keine Rationen von der Welthungerhilfe. Sie haben es versäumt, sich in Nyal von den UN registrieren zu lassen. Etwa alles halbe Jahr kommt ein Team der UN in die Stadt, um die Hilfsbedürftigen zu erfassen. Doch nie haben Bol und die anderen von dessen Ankunft erfahren.

Von den Fischen, die James jeden Tag bringt, löst Bol die Filetstücke. Er hängt sie auf der Insel zum Trocknen auf, um sie durchreisenden Händlern zu verkaufen. So verdient er das Geld, um auf dem Schwarzmarkt einzukaufen. Von den Fischen bleibt der Familie nur der Rest zwischen den Gräten.

Morgens, auf dem Weg ins Büro, trifft Carsten Scholz seine Entscheidung. Er verschickt E-Mails an seine Marketing-Kollegen: "Wir machen es!" Sie sollen alles für einen Spendenaufruf für Afrika am 8. März vorbereiten. Auch andere große Hilfsorganisationen wie Care oder Oxfam Deutschland planen Aktionen. Um das Kostenrisiko zu mindern, wählt Scholz den "mittleren Verteiler". 300.000 Adressen in ganz Deutschland, halb so viel wie bei einer großen Briefaussendung. Im Haus läuft jetzt das Räderwerk an, ein Rad gibt die Bewegung ans nächste weiter, in seit Jahren festgefügter Folge, wie schon bei vielen Katastrophen und Hungersnöten davor.

Für eine Dürrekatastrophe sind die Deutschen eher bereit zu spenden als für Hunger

Eine Büroetage unter Carsten Scholz klickt sich ein Bildredakteur durch sein Fotoarchiv. Die Kampagne braucht Bilder, die ans Herz gehen, die Mitleid erregen, aber nicht mitleidheischend sind. Auf den Fotos sollen keine Kinder mit großen Augen zu sehen sein, sie sollten nicht von oben nach unten aufgenommen worden sein, weil das schnell so wirkt, als blicke man auf die Menschen herab. Und nichts Grünes darf dieses Mal auf den Fotos sein. Die Bilder sollen nach Dürre aussehen. Für eine Dürrekatastrophe sind die Deutschen eher bereit zu spenden als für Hunger, der durch Kriege verursacht wird. Das Mitgefühl hat Grenzen. Viele Leute finden: Die Afrikaner sind selbst schuld an ihrem Leid.

James kann kaum noch stehen, als er aus dem Sturm auf die Insel zurückkommt. Vier Fische liegen im Boot. Er bittet seinen Vater, sie zu holen, und eilt zu seiner Mutter in die Hütte, legt sich dort ans Feuer. Seit Wochen plagt James eine Blasenentzündung. "Sein Urin ist rot wie Blut", erzählt Bol besorgt. Das Wasserlassen bereitet ihm große Schmerzen. Die Kälte der beginnenden Regenzeit macht die Entzündung jetzt schlimmer.

Bol schickt den Jungen zum Fischen, denn seine Knie sind kaputt, er sieht nur noch mit einem Auge. Ein dummer Unfall, sagt er. Nur wenige Monate nach ihrer Ankunft auf der Insel habe er nachts rausgemusst und sei gegen den Schaft eines Speers gerannt. Er rammte ihn sich direkt ins Auge. Acht Monate hat er mit der Verletzung in der Hütte gelegen, und noch immer ist die Wunde entzündet.

In Nyal gibt es eine Klinik, das weiß er, aber Bol und seine Frau haben kein Geld für Medikamente. Jedes der drei kleineren Kinder ist krank. "Wir hatten in unserem Leben auch viele glückliche Tage", sagt Nyakuol, die über dem Feuer Wasser erhitzt, um darin den Fisch zu kochen. Das heißt das, was vom Fisch noch übrig ist, die Gräten mit Kopf und Schwanz. Nyakuol erzählt von der Zeit, als sie jung war, mit der Dorfjugend den Sommer über in einem Rindercamp verbrachte, die Zeit, in der sie sangen und sie sich die Jungs anschaute, obwohl sie schon Bol versprochen war. Sie kichert, wenn sie davon erzählt, und er lacht. Nyakuol sagt, bei ihrer Hochzeit habe Bols Familie mehr als 40 Kühe für sie bezahlen müssen, eine Menge!

16 Kinder haben Bol und Nyakuol gemeinsam bekommen, davon starben vier, sagt sie. "Nein", sagt Bol, "es waren acht, die gestorben sind!" – "Acht?", wiederholt Nyakuol und horcht in sich hinein.

Nur anderthalb Jahre alt wurde das erste Kind. Ein Junge. Sie wissen nicht, woran er starb. "Er hat am Ende nur noch geschrien", sagt Nyakuol. Sein Kopf sei angeschwollen, dann sei er über Nacht gestorben. Auch ihr zweites Kind ist mittlerweile tot, ein Junge. Er wurde als 15-Jähriger von einem Skorpion gebissen. Das war kurz vor Ausbruch des neuen Krieges. Das dritte Kind, ein Mädchen, überlebte und ist heute selbst Mutter mehrerer Kinder. Sie wohnt mit ihrer Familie in einem anderen Teil des Südsudans. Das nächste Kind, das sie bekamen, starb. Ein Mädchen. Sie war fünf Jahre alt, als sie von der Straße nach Hause kam, über Schmerzen im Bauch klagte und nach zwei Tagen nicht mehr aufstand. Das Kind, das Nyakuol nach ihr gebar, war ein Junge. Am Nachmittag kam er zur Welt, gegen Abend war er tot.

Tot ist auch ihr Junge, der 17 Jahre alt war, als die Dinka ihn bei einem Überfall auf das Rindercamp der Familie erschossen. Damals verlor Bol alle seine Kühe. Das sechste Kind, das starb, ein Mädchen, wurde nur wenige Monate alt. Der Keuchhusten raffte es dahin. Das siebte tote Kind, ein Junge, wurde im Alter von zwei Jahren Opfer einer Masern-Epidemie, die damals Hunderte Kinder tötete. Das achte, das sie verloren, ein Mädchen, ein Jahr alt, erzählt Bol, starb wie das erste: Der Kopf schwoll an, dann war es tot. "Gott gibt, und Gott nimmt", sagt Bol.

Als sie mit den Fingern den letzten Rest Fisch aus den Gräten gepult und zu Ende gegessen haben, streckt sich Nyakuol auf dem Boden der Hütte aus und schläft, mit ihrem Kleinsten im Arm, ihr Gesicht in der Asche.

Der 8. März, an dem die Spendenbriefe an 300.000 Haushalte in die Post gehen, ist ein Mittwoch. In alarmierendem Rot hat die Welthungerhilfe auf die Vorderseite gedruckt: "++Katastrophale Hungersnot++Afrika braucht Ihre Hilfe++". Die Briefe, so der Plan, werden die meisten Adressaten kurz vor dem Wochenende erreichen. Die beste Zeit für eine Hungerkampagne. Wenn die Leute freihaben, sagt Carsten Scholz, seien sie am empfänglichsten.

Die Online-Abteilung schaltet gleichzeitig Anzeigen bei Google. Wer die Begriffe "Spende", "Hunger" oder "Dürre" sucht, soll möglichst schnell bei der Welthungerhilfe landen. Die Konkurrenz unter den Hilfsorganisationen nimmt zu. Alle buhlen um denselben Spendenmarkt. "Wenn man bei Google auf Seite zwei gelistet wird, existiert man nicht", sagt die Referentin für Online-Fundraising. Deshalb lassen sie Google den Link zur Welthungerhilfe, mit dem kleinen Zusatz "Anzeige" versehen, ganz am Anfang der Ergebnisliste einblenden. Wird der Link dann tatsächlich angeklickt, kassiert Google von der Welthungerhilfe Geld. Beim Suchbegriff "Kinderpatenschaften" sind es derzeit 26,74 Euro pro Klick, bei "Hunger" sieben Euro, bei "Dürre" zwei Euro. Für die Unternehmensbilanz von Google ist das Unglück der Welt ein Glücksfall.

Die UN warnen vor einem Genozid

In Bad Godesberg beginnt nach dem Versand der Briefe das Warten. "Ich war sehr angespannt", erinnert sich Carsten Scholz. Immer wieder schaut er auf den Computerschirm, wo eine spezielle Software stündlich den Spendeneingang registriert. Die ersten drei, vier Tage seien entscheidend, sagt er, danach hätten die Leute wieder andere Dinge im Kopf.

Unterdessen versuchen die Projektleiter der Welthungerhilfe in Dschuba, der Hauptstadt des Südsudans, immer noch die Frage zu klären: Was können wir zusätzlich unternehmen? Die Krise, in der sie ihre Aktivitäten eigentlich ausweiten sollten, hat sie gezwungen, ihr Hilfsprogramm zu reduzieren. Im südsudanesischen Bundesstaat Equatoria mussten sie zwei Standorte schließen, aus Angst um ihre Mitarbeiter. Auch diese Gegend wurde vom Krieg erfasst. Tausende Menschen werden ermordet, die UN warnen vor einem Genozid.

In Dschuba selbst ist die Lage extrem angespannt. Mehrfach sind hier Kämpfe ausgebrochen zwischen den Dinka und den Nuer. Das Militär patrouilliert, die Kriminalität steigt, die Hotels sind voll mit Spitzeln und Agenten. Die Hilfsorganisationen haben ihre Stützpunkte wie Festungen gesichert. Niemand weiß, wie lange sie noch im Land arbeiten können. Im vergangenen Sommer waren die Kämpfe in Dschuba schon einmal so heftig, dass die meisten Organisationen die Stadt verließen. Auch die staatliche Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit zog sich damals zurück. Bis heute ist sie nicht zurückgekehrt.

"Warum kann ich nicht wieder auf die Schule?", fragt James.

"Wir haben nicht das Geld", sagt der Vater.

"Ich will lernen. Ich hasse Fischen", sagt James.

Es ist der fünfte Tag auf der Insel, die Vorräte der Familie sind erschöpft. "Ich habe nichts mehr", sagt Nyakuol und zeigt auf den leeren Sack. Sie habe auch kaum getrockneten Fisch, den sie an die Händler verkaufen könnten, die alle paar Tage mit ihrem Kanu vorbeikommen. James hat zu wenig gefangen. "Du musst noch einmal los", sagt Bol. Aber James leidet noch immer an seiner Blasenentzündung.

Ein paar Meter weiter trocknet reichlich Fisch auf der Stange. Er gehört Stephen. Der ist ein kräftiger Mann und fängt große Fische irgendwo weit draußen im Sumpf. Doch Stephen teilt nicht. In der Not helfen sie einander auf der Insel nur bedingt.

Bol hat versucht, auf Buthony etwas anzupflanzen. Er hat es mit Hirse versucht und mit Mais. Hat es an unterschiedlichen Orten des Eilands probiert, am Rand und in der Mitte, doch stets ist die Aussaat verdorrt. "Ich glaube, der Boden ist zu salzig", sagt er.

Wir, die Reporter aus Europa, können wenig helfen. In den Kanus konnten wir kaum Gepäck transportieren. Die Konservennahrung, die wir aus Deutschland mitgebracht haben, vertragen die unterernährten Menschen auf der Insel nicht. Essen fühlt sich für uns auf einmal zutiefst unanständig an.

In einer Hungersnot sterben die Schwächsten zuerst. Die Alten, die Kinder und die Kranken. In der armseligsten Hütte auf der Insel leben Bols Cousine und ihre drei Kinder. "Der Regen leckt durch das Dach", klagt sie. Seit der Geburt ihres jüngsten Kindes vor drei Jahren ist Marie Nyadaak gelähmt. Nur den Kopf kann sie etwas bewegen. Den ganzen Tag über dämmert die 34-Jährige auf einer Bastmatte vor sich hin. Ihre zehnjährige Tochter kümmert sich um sie. Sie kocht, wenn es etwas zu kochen gibt. Sie wäscht sie, so gut es geht. Sie hilft ihr beim Stuhlgang, trägt ihren Kot in einer Schüssel weg und putzt sie mit einer Hand voller Asche. Manchmal liegt sie nur neben der Mutter, flüstert ihr etwas ins Ohr und streichelt sie lange, küsst sie. Ein Bruder von Marie, Mitglied der Nuer-Miliz, kommt alle paar Wochen mit dem Kanu vorbei und bringt etwas Hirse. Meist reicht sie nicht lange. Die Kinder von Marie haben aufgeblähte Wurmbäuche und rot verfärbte Haare, Zeichen von Mangelernährung. Nur mit Glück werden sie die Regenzeit überstehen.

Wie können wir, die Einwohner reicher Länder, helfen? Können wir überhaupt helfen?

In Nyal, der Stadt, in der die UN alle zwei Monate die Lebensmittel abwerfen, arbeitete bis vor Kurzem neben der Welthungerhilfe noch eine zweite deutsche Hilfsorganisation. Der Verein Hoffnungszeichen mit Sitz in Konstanz. Er betrieb die Klinik der Stadt und ermöglichte, dass Tausende Patienten behandelt wurden. 20 Jahre lang war der Verein im Südsudan aktiv, mit 70 Mitarbeitern. In diesem Jahr hat er seine Arbeit im Land beendet. "Eine sehr bittere Entscheidung", sagt der Vorstand Klaus Stieglitz. "Aber wir können das nicht länger machen."

"Wir können nicht schweigen"

Die Sümpfe, in denen Bol und seine Familie hungern, liegen über den wichtigsten Ölvorkommen des Südsudans. Stieglitz bekam Hinweise, dass bei der Ölförderung im Norden von Nyal das Grundwasser mit Schwermetallen verunreinigt wird. Kinder litten unter merkwürdigem Durchfall, viele Kühe starben. Die Mitarbeiter von Hoffnungszeichen analysierten Haarproben und fanden heraus, dass in der Region rund um die Sümpfe vermutlich 180.000 Menschen vergiftet sind. Viele von ihnen kamen ins Krankenhaus von Nyal, um sich von den Medizinern von Hoffnungszeichen behandeln zu lassen.

Stieglitz prangerte öffentlich an, welche Leiden die Ölgeschäfte verursachten. Er versuchte, den malaysischen Ölkonzern Petronas unter Druck zu setzen, der im Südsudan bohrt. Und den deutschen Autokonzern Daimler, der sich sein Formel-Eins-Team von Petronas sponsern lässt. Er nahm an, dass der Regierung des Südsudans die Gesundheit der eigenen Bevölkerung nicht gleichgültig sein könne.

Bis ihm ein Abgesandter des Ölministeriums in Dschuba erklärte, dass der Verein Hoffnungszeichen als Bedrohung für die Sicherheit des Staates eingestuft werde, falls Stieglitz weiter über die Schwermetall-Vergiftungen spreche. Stieglitz fürchtete eine Verhaftung.

"Wir können nicht schweigen", sagt er. "Ich kann das mit meinem Gewissen nicht vereinbaren." Also verließ er das Land. Hoffnungszeichen will jetzt Projekte in Kenia beginnen.

Die Machthaber des Südsudans und die Hilfsorganisationen stehen sich mittlerweile in einer gefährlichen Frontstellung gegenüber. Lange Zeit befanden sie sich in einer Art Symbiose. Fast alles im Südsudan wurde von der internationalen Gemeinschaft finanziert. Viele Helfer glaubten an dieses Land, das sich aus der Unterdrückung des Nordens befreit hatte. Jetzt, wenige Jahre später, fühlen sie sich von jenen ausgenutzt, die sie einst groß gemacht haben.

Der Hunger ist im Südsudan längst zu einer Waffe geworden, mit der die Regierung ihre Gegner bekämpft. Sie vertreibt die Bevölkerung von ihren Feldern und riegelt sie von Hilfslieferungen ab. Sie investiert die Staatseinnahmen nicht etwa in Lebensmittel, sondern in Rüstungsgüter. Allein 2016 hat der Südsudan für 262 Millionen Dollar neue Waffen gekauft. Ohne den Krieg gäbe es diese Hungerkatastrophe nicht.

"Machen wir uns mitschuldig, wenn wir bleiben?", fragt der Landesdirektor einer großen Hilfsorganisation in Dschuba. Wird der Krieg durch die humanitäre Hilfe künstlich verlängert? Würde die Welt weniger helfen, müssten sich dann nicht die Clanführer endlich um das Wohl ihrer Leute kümmern? Weil sich ihre Anhänger sonst gegen sie wenden? Geben die Hilfszahlungen den Kriegsherren nicht erst die Möglichkeit, sich aufs Militärische zu konzentrieren? Aber wenn man die Hilfe beendet, macht man sich dann nicht erst recht schuldig?

"Wir können so nicht weitermachen", sagt ein Mitarbeiter der Welthungerhilfe in Dschuba, "aber wir können auch nicht aufhören."

Die Verzweiflung ist inzwischen so groß, dass Diplomaten und Menschenrechtler fordern, den Südsudan unter internationale Aufsicht zu stellen. Damit das Morden aufhört. Ein von ausländischen Regierungen bestimmtes Gremium würde das Land regieren. Es wäre ein neuer Anfang.

Aber dafür gibt es bei den UN keine Mehrheiten. Der Sicherheitsrat in New York konnte sich vor einigen Monaten nicht einmal auf ein Verbot von Waffenlieferungen in den Südsudan einigen, um die schlimmste Gewalt einzudämmen. So machen russische und chinesische Unternehmen weiterhin beste Geschäfte mit den Konfliktparteien.

In Bad Godesberg wird der Spendenaufruf des Fundraisers Scholz zu einem enormen Erfolg. Der Rücklauf ist viel höher als erwartet. Bis Mitte Juni gehen 5,1 Millionen Euro auf dem Nothilfe-Konto ein. Eine Unternehmerin gibt sogar noch eine Million Euro dazu. Mit dem Geld will die Welthungerhilfe ihren Stützpunkt in Nyal ausbauen und neue Projekte für 3.000 Familien finanzieren. Sie will die Menschen mit Saatgut versorgen und den Bau des Deiches vorantreiben. Weil die Ägypter flussabwärts den Nil aufstauen, ist der Sumpf in den vergangenen Jahrzehnten immer größer geworden. Der Deich soll verlorenes Land zurückgewinnen – falls der Krieg ihn nicht wieder zerstört. Doch noch immer sucht Renate Becker, die Regionaldirektorin der Welthungerhilfe, händeringend nach Projektleitern.

Ende Juni erklären die Vereinten Nationen für einige Gebiete des Südsudans die größte Hungersnot für beendet. Zusätzliche Lebensmittellieferungen haben dort das Schlimmste verhindert. In den Sümpfen des Sudd aber, auf der Insel Buthony, warten die Menschen noch immer auf Hilfe.

"Schickt ihr uns einen Arzt?", fragt Bol beim Abschied. Wir versprechen es ihm. Bol träumt davon, die Insel im nächsten Jahr verlassen zu können. Er sei Bauer, sagt er. Feldarbeit werde er auch mit seinem wunden Auge schaffen. Bol hat von dem Deich gehört, der auf dem Festland gebaut wird, um dem Sumpf fruchtbare Äcker abzugewinnen. Neues Land, sagt Bol. Die Chance, noch einmal anfangen zu können.

James träumt davon, wieder zur Schule zu gehen. Am Ende seines ersten Schuljahres hatte die Familie fliehen müssen. Sein wertvollster Besitz sind sechs bunte Kugelschreiber, die alle nicht mehr funktionieren. In jeder freien Minute schreibt er auf der Insel Buchstaben in den Sand. Ihre Reihenfolge ist wirr, sie ergeben keinen Sinn. Aber die kleineren Kinder, ganz still, ganz andächtig, schauen James zu, als habe er Zauberkräfte.