Alina Oehler (26) ist katholische Theologin und Publizistin. Im Wechsel mit der Vikarin Hanna Jacobs schreibt sie, wie sie als junge Christin ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Seit Wochen brennt es mir unter den Nägeln. Ich war in England, bei einem ganz besonderen Ereignis. Aber soll ich über dieses Reizthema wirklich schreiben? Ich will es wagen.

Kleriker knien in einer gotischen Kirche. Man sieht sie von hinten, auf den Fotos, die ich aus Warrington mitgebracht habe. Alle blicken auf den Hochaltar, über dem die Elevation der Hostie zu sehen ist, die sich in ein architektonisches Meisterwerk einfügt. Das Sonnenlicht wird vom Glas so gebrochen, dass sein Strahl unwirklich in den Altarraum fällt. Zwei der Männer im Vordergrund tragen kürzere Kaseln, das priesterliche Messgewand ist durch einen Faden ab der Hälfte nach oben gebunden. Sie werden an diesem Tag zu Priestern geweiht. Am Ende der Liturgie sind die Messgewänder ausgefaltet. Einen der Kandidaten habe ich in Deutschland kennengelernt. Vor seiner Berufung war er Surfer in Irland. Auf einem Bild sieht man seine gesalbten Hände, die mit einem Leinentuch zusammengebunden wurden. Das Tuch nahm ihm seine Mutter ab. Es wird ihr einmal in den Sarg gelegt werden. Mich hat das berührt. Doch diese Zeichen sind heute fremd geworden – es war keine übliche Priesterweihe, sondern eine im traditionellen Ritus, wie er vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil gefeiert wurde.

Warum hatte ich Angst, darüber zu schreiben? Weil ich die Vorwürfe jetzt schon höre: Ich darf diese Art der Liturgie nicht schön finden, weil ich sonst alles verrate, was das Zweite Vatikanum errungen hat. Weil ich sonst Klerikalismus befördere. Weil ich sonst eine Traditionalistin bin. Warum nur wollen viele nicht hören, dass ich mich in einer solchen Liturgie Gott näher fühle? Auch in meiner Familie gibt es die, die Probleme mit dem alten Ritus haben, weil er sie an ihre Kindheit erinnert, daran, wie sie damals unter der Kirche leiden mussten. Diese Erinnerung kann ich nicht teilen. Natürlich freue ich mich, dass sie in der neuen Form die Wärme und Gemeinschaft finden, die sie früher vermissten. Darf ich deshalb den alten Ritus nicht besuchen? Für mich wurde erst dort das platonisch inspirierte Bild einer himmlischen Liturgie erfahrbar. Immer wieder möchte ich mich in seine Tiefe versenken und Christus begegnen. Das gibt mir Kraft. Und es geht nicht nur mir so. Ein Blick in die Kirchenbänke genügt: Viele junge Menschen fühlen sich von der Schönheit, der Stille und der Ernsthaftigkeit der alten Messe angezogen. Weil sie dort der Zeit und dem Alltag enthoben Gott begegnen und beten können, unabhängig davon, welcher Priester eingeteilt ist, denn er verschwindet nahezu hinter der Form.

Doch viele gehen, wie ich, nur heimlich an solche Orte. Ich habe beschlossen, das nicht mehr zu tun. Damit sage ich nicht, dass der alte Ritus die einzig perfekte Form der Liturgie ist (ich habe im neuen geheiratet), doch er gibt mir das, was ich oft vergeblich suche: einen Rahmen, in dem ich beten kann, ohne mich auf Überraschungen einstellen zu müssen, die mich ablenken. Ich bin dankbar, dass wir die Wahl haben. Ich würde mich freuen, wenn die Fronten langsam schwinden, weil ich glaube, dass beide Formen das Glaubensleben bereichern. Doch das geht nur, wenn man nicht mit der Brille einer vergangenen Zeit auf die alte Messe blickt – das fiel mir selbst lange schwer. Ich bin froh, dass ich es heute kann.