Schon als ich den Rucksack packe, beschleicht mich der Verdacht, dass ich mich auf eine blöde Idee eingelassen habe. Ich weiß zwar noch, was alles reinmuss – 0,3 Unterhosen/Tag, 0,2 T-Shirts/Tag, 0,1 Hosen/Tag –, und vor allem, was nicht: Sachen, denen man nachtrauert, wenn sie geklaut werden; Reisewaschmittel, weil man unterwegs ohnehin gelegentlich mit Kleidern ins Meer taucht, warum auch immer; Kissen, weil ein Kissen sich zu einem Schlafsack verhält wie ein Regenschirm zu einer Lederjacke. Uncool.

So weit ist alles okay. Dann aber suche ich, was soll ich machen, ein diskretes Fach für die Lesebrille und die Medikamente gegen Magenverstimmung, Kreislaufschwäche und noch ein paar Gebrechen, die ich damals, als ich Backpacking entdeckte, mit Seniorenheimen assoziiert hätte – hätte ich daran auch nur einen Gedanken verschwendet. Und ich verifiziere, ob die Nummer meines Orthopäden in meinem Mobiltelefon gespeichert ist.

Warum Backpacking für mich eine blöde Idee sein könnte? Weil ich 48 Jahre alt bin. Also längst in einer Verfassung, in der man nach Möglichkeit Vier-Sterne-oder-mehr-Hotels bucht; mit Betten, die gute Matratzen haben, funktionierender Klimaanlage, magenverträglicher Küche und Infinity-Pool für die Urlaubsfotos.

Vor 30 Jahren dachte ich, mit dem Rucksack loszufahren sei der beste Weg, der Erwachsenenwelt zu entkommen. Inzwischen bin ich längst unleugbar ein Teil von ihr geworden, mit Arbeitsvertrag, Sorgepflichten, Kreditrückzahlung, Altersvorsorge und passenden Anzügen im Schrank. Es musste wohl so kommen. Aber vielleicht klappt der Trick mit dem Rucksack ja noch, und ich kann den Zwängen, in die ich mich im Lauf der Zeit verstrickt habe, noch einmal kurz entwischen.

Am Flughafen wartet Tom. Er war in meiner Abiturklasse der Hippie. Ich hatte ihn immer gemocht, aber bald aus den Augen verloren. Er sagte sofort zu, als ich ihn anrief. Weißt du noch, die Höhle in Kamari? Mann, worauf haben wir eigentlich so lange gewartet! Seine Freundin hat ihn mit dem Auto hergefahren. Sie blickt auf meine Jeans-Shorts und fragt: "Hast du eine lange Hose eingepackt?" Ich muss einen sehr unbedarften Eindruck machen.

Nach dem Abitur bin ich mit Tom und zehn anderen Klassenkameraden nach Griechenland gefahren. Griechenland war damals noch weit weg, eineinhalb Tage mit dem Zug. Wir reisten mit Rucksack und 600 Mark und blieben vier Wochen, Zugfahrt inklusive. Für mindestens vier von uns wurde der Trip zur Entjungferungsfahrt, und Himmel, war ich froh, einer von ihnen zu sein. Wir schliefen am Strand und bei Regen in der Einbuchtung im Fels, die wir Höhle nannten. Wir putzten uns mit Meerwasser die Zähne, und als uns eine Woche vor der Heimfahrt die Rucksäcke geklaut wurden, schrieben wir einen Brief, adressiert an "Dear Thief", in dem wir ihn zu unseren mehrfach gebrauchten Unterhosen beglückwünschten, und hängten den Zettel am Eingang zur Strandbar auf.

Heute müssen wir die Reiseparameter ein wenig adaptieren. Griechenland steht fest, wir haben da in unserer Erinnerung noch eine Isomatte liegen. Aber diesmal nehmen wir ein Flugzeug, das ist billiger als die Bahn, und weil wir Jobs haben und Terminkalender und Frauen und Kinder, ist unsere Zeit knapp. Sieben Tage, mehr ist nicht drin.

Kann das gut gehen? Könnte ja sein, dass wir einfach nicht mehr kapieren, was an der Sache Spaß machen soll. Werden wir die nötige attitude aufbringen, hinreichend Dreckresistenz und ein bisschen Spontanität? Ich hab einen Gaskocher mit, sagt Tom beim Boarding.

Als wir in Athen mit dem Bus vom Flughafen in die Stadt fahren, geht ein Wolkenbruch nieder. Von der Haltestelle am Syntagma-Platz sind es laut Lonely Planet "sieben Minuten zu Fuß" bis zum Athens Backpackers Hostel. Wir marschieren im strömenden Regen die Hauswände entlang. Der Rucksack macht hinter meinen Ohren quitschquatschquitschquatsch, und ich versuche mich zu erinnern, was man tut, falls mal alle Sachen nass sind. Sie trocknen lassen, fällt mir ein.

"Alles ausgebucht", sagt die Rezeptionistin des Athens Backpackers Hostel mit bedauerndem Blick auf den Computer, auch die gesamte kommende Woche sei kein einziges Bett frei. Sie scrollt durch die Reservierungen. Reservieren? Tun Backpacker so was? Die Rezeptionistin sieht mir dabei zu, wie ich mich von einem Teil meines Weltbilds verabschiede, und sagt schließlich: "Ihr könnt im Gepäckaufbewahrungsraum schlafen, wenn ihr wollt. Acht Euro pro Person."

Der Gepäckaufbewahrungsraum ist eine zur Lobby hin offene Galerie im Mezzanin, in der neben allerhand Rucksäcken auch zwei durchgesessene Sofas stehen. Hier werden wir schlafen. Vorher klettern wir hoch in die Rooftop Bar im sechsten Stockwerk des Hostels. Die Terrasse ist schmucklos, der Athener Nachthimmel grandios. Ein Albaner schenkt Bier und Cocktails aus, und die jungen Leute, alle so um die 25, sitzen einander auf gepolsterten Bänken gegenüber, was den Blick auf die Akropolis verstellt, aber zum Kennenlernen prima ist. Ich will es jetzt wissen: Wer seid ihr, Backpacker des dritten Millenniums, die ihr Zimmer reserviert, und was wollt ihr? Die Dialoge laufen über Kreuz, Cocktailschlürfen zählt als Gesprächsbeitrag.