Er war viele in einem. Er galt als klein und hässlich, aber seine Freunde wurden nicht müde, die sinnlichen Lippen zu loben, die präzis geschnittene Nase, die schwarzen Locken. David Henry Thoreau sehnte sich danach, ein Wilder zu sein, durch intensive Beobachtung eins zu werden mit den Seen, Wäldern, der Luft, die seine Stadt umgaben, das kleine Concord, Massachusetts, wo er vor 200 Jahren, am 12. Juli 1817, zur Welt kam – er war aber ein Hochgebildeter, dem bei der Betrachtung von Sonnenspiegelungen als Erstes mal ein Vers von John Milton einfiel, Paradise Lost, 1667. Oder was von Wordsworth oder Coleridge. Thoreau war ein poetischer, scharfsinniger Autor, hochpolitisch, witzig. Ein Radikaler.

Thoreau war nicht wenig stolz darauf, sich sein Leben lang der Lohnarbeit entzogen zu haben, er propagierte früh den Antimaterialismus, bewährte sich aber in der Bleistiftfabrik seines Vaters durch raffinierte Innovation. Ja, es war dieser Typ, der sich in eine Hütte am See zurückzog und über diesen Freiheitsgewinn ein Buch schrieb, Walden, welches heute noch die Bibel aller die Unabhängigkeit suchenden Eremiten ist – aber natürlich liebte Thoreau Gesellschaft. Er bewirtete Freunde in der Hütte, die Ladys der Anti-Sklaven-Liga zelebrierten an seiner Schwelle ihre Jahreshauptversammlung, so viel zur beschworenen Einsamkeit.

Aus der Empörung über eine Gesellschaft, die von Sklaverei profitierte und sie zugleich mit Worten geißelte, erwuchs Thoreaus Werk Die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, es war der Zündstoff, der Mahatma Gandhi für seine Widerstandsbewegung gegen das Empire befeuerte und Martin Luther King als Inspiration diente und heute Attac. Thoreau weigerte sich, Steuern zu zahlen, und landete hinter Gittern, für einen Tag, aber lang genug für diese köstliche Anekdote – der Transzendentalist Ralph Waldo Emerson, den Freund besuchend, soll schockiert gefragt haben: "Was tust du hier drin?" Thoreau biss zurück: "Was tust du da draußen?" Dann zog er mal wieder bei den Emersons ein, war intellektueller Sparringspartner, Gärtner, Freund der Kinder, Vertrauter von Mrs. Emerson, immer Teil dieses Kosmos von Concord.

In Concord dockte auch Nathaniel Hawthorne mit seiner Sophia an, die Feministin Margaret Fuller verdrehte Emerson den Kopf, und Louisa May Alcott emanzipierte sich von ihres Vaters überengagierter Reformpädagogik und wurde eine kleine Frau. Alle waren arm, bis auf Emerson, der für alle zahlte. Alle schrieben. Jetzt, zum 200. Geburtstag, schauen wir beglückt auf die neue Thoreau-Literatur.

Susan Cheever, Autorin des New Yorker, hat in American Bloomsbury den ganzen Kosmos aufgefächert, mit gesunder Distanz zu diesen Menschen, die Radikalität mit Sensibilität und Toleranz verbanden. Es war die hohe Zeit der amerikanischen Kultur, eine Ära, in der auch ein Melville textete und der große Walt Whitman, die fein vibrierende Emily Dickinson ihre "zauberhaften Nichtigkeiten" dichtete. Frank Schäfer, Autor für die taz und den Rolling Stone, verdanken wir eine Biografie von Thoreau, die durch dieses Werk von Reisebeschreibungen, Tagebüchern, politischen Essays pflügt, kenntnisreich, im Sound auch mal salopp. Dann die Originaltexte. Der Verlag Matthes & Seitz hat sich vorgenommen, aus den 47 Manuskriptbänden der Tagebücher zwölf Bücher zu schneidern, gerade erschien Band zwei. Der Verlag Jung und Jung, der Die Wildnis von Maine, Aufzeichnung einer Sommerreise (Vorbemerkung von Nathaniel Hawthorne) herausgab, hat nun das kleine Buch Ktaadn nachgelegt (Vorbemerkung von Emerson).

Die Tagebücher, aus denen Thoreau ganze Seiten herausgebrochen hatte für seine Essays, sind jetzt zu schönsten Passagen verdichtet, was womöglich einen falschen Eindruck des Gesamtwerkes ergibt, aber doch eine köstliche, anregende Lektüre ist. Präzise Notate von Sinneseindrücken, Naturbeobachtungen ("der Falke ist der Luftbruder der Ozeanwelle, über die er hinwegsegelt"), selbstironische Asides ("Ich bemerke, dass ich nicht angeln kann, ohne ein wenig in meiner eigenen Achtung zu sinken"). Diese Bände sind Suchtmittel. Fließen die Texte der Tagebücher leicht dahin, verdichtet sich in Ktaadn ein Naturerlebnis zur erschreckenden Grenzerfahrung. Der Ktaadn ist der höchste Berg in Maine. Eine Ödnis, kalt, erbarmungslos. "Ein Teil des Betrachters, ein lebenswichtiger Teil sogar, scheint durch das lose Gitter seiner Rippen zu entfliehen, wenn er hinaufsteigt", notiert Thoreau: "Er ist einsamer, als man sich vorstellen kann."

Er, der einmal das Irren durch die Natur als das Schönste beschrieben hatte (Vom Spazierengehen), fand zurück. Er fuhr fort, die Welt, in der er lebte, mit Blicken aufzuschlürfen und in Literatur zu verwandeln. Thoreau starb 1862, mit 44 Jahren, an Tuberkulose. Zu früh, aber seine alles befeuernde Furcht, ans Sterben zu kommen und feststellen zu müssen, nicht gelebt zu haben – die musste er nicht haben.

Henry David Thoreau: Tagebuch I/II. Aus dem Englischen von Rainer G. Schmidt; Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2016/17; 326/377 S., je 26,90 €

Ktaadn. Mit einem Essay von Ralph Waldo Emerson; aus dem Englischen von Alexander Pechmann; Jung und Jung, Salzburg/Wien 2017; 155 S., 20,–  €

Frank Schäfer: Henry David Thoreau. Waldgänger und Rebell. Eine Biographie; Suhrkamp Verlag, Berlin 2017; 253 S., 16,95 €

Susan Cheever: American Bloomsbury. Ein Leben zwischen Liebe, Inspiration und Natursehnsucht. Henry David Thoreau, Louisa May Alcott, Ralph Waldo Emerson, Margaret Fuller und Nathaniel Hawthorne; aus dem Englischen von Ebba D. Drolshagen; Insel Verlag, Berlin 2017; 288 S., 24,– €