Die Gelenke schmerzen, ebenso die Knochen, und im Hals kratzt es bedenklich. Ein anderes Gefühl aber verrät einem wirklich deutlich, dass jetzt ein übler Schnupfen naht: dieses überwältigende Bedürfnis, sofort ins Bett zu gehen. Der Körper signalisiert dem Gehirn: Schon dich – ein Phänomen, das die Wissenschaft sickness behavior nennt. Auf diese Weise bleibt mehr Energie zur Bekämpfung der Entzündung übrig.

Doch diese alltägliche Erfahrung steht für eine weitreichende Erkenntnis, die Forscher derzeit elektrisiert: Entzündungen im Körper können die Psyche manipulieren und im Extremfall womöglich Depressionen auslösen. Dann müsste man eine Depression nicht mit einer Psychotherapie oder Antidepressiva behandeln, sondern besser mit Antibiotika oder mit einer Substanz, welche die körpereigenen Botenstoffe der Entzündungsreaktion bremst. Denn diese können trübe stimmen.

Die Geschichte begann Anfang der 1990er Jahre. Damals machte der niederländische Psychiater Michael Maes eine überraschende Entdeckung: Im Blut von Patienten, die an einer schweren Depression litten, fand er erhöhte Mengen an Zytokinen. Diese dienen als Botenstoffe bei einer Reaktion der Immunverteidigung, also auch bei einer Entzündung. Offensichtlich gab es einen Zusammenhang zwischen Depressivität und einer erhöhten Aktivität des Immunsystems. Doch was war hier die Ursache und was die Folge? Lösen Entzündungen depressive Symptome aus? Oder führen umgekehrt Depressionen zu erhöhten Entzündungswerten? Maes konnte das nicht beantworten, und die Fachwelt zeigte nur geringes Interesse. Aber das war nicht das Ende der Geschichte.

Dass der niederländische Nervenarzt auf der richtigen Fährte war, zeigte 2005 eine zweite Beobachtung: Mit Hepatitis C infizierte Patienten erhalten oft den Wirkstoff Interferon (genauer Interferon-alpha). Auch dieses Botenmolekül kurbelt das Immunsystem an und hilft bei der Infektabwehr. Wer Interferon spritzt, spürt starke Nebenwirkungen, die Grippesymptomen ähneln: Mattigkeit, fiebriger Schüttelfrost, Gliederschmerzen und Schlafstörungen. 30 von 93 so behandelten Patienten litten in einer Studie der Universität Bordeaux unter manischen-depressiven Störungen. Brachen sie die Therapie in der depressiven Phase ab, verschwand die Depression.

Das Arzneimittel Interferon ist die synthetische Kopie eines körpereigenen Zytokins. Diese Botenstoffe erfüllen im Körper eine Vielzahl von Aufgaben: Sie steuern das Wachstum von Zellen, regulieren die Reaktionen des Immunsystems auf Bedrohungen, und sie beeinflussen unser Verhalten. Normalerweise drosselt der Körper die Ausschüttung der Zytokine, sobald eine Infektion abklingt oder eine Wunde verheilt ist. Doch dieser Ablauf könnte bei depressiven Patienten gestört sein.

Viele Wissenschaftler vermuten jetzt, dass eine psychische Störung entsteht, weil der Organismus ständig große Mengen Zytokine produziert. Etwa weil eine akute zu einer chronischen Entzündung geworden ist; oder weil die Immunantwort aus dem Ruder gelaufen ist, sodass der Körper auch ohne Infektion dauerhaft Zytokine ausschüttet. Dazu passt, dass Frauen nicht nur viel häufiger Depressionen bekommen, sondern auch öfter unter Autoimmunkrankheiten leiden, bei denen das Immunsystem überreagiert.

Es deuten also immer mehr Befunde der vergangenen Jahre auf die Rolle von Immunprozessen bei der Entstehung von Depressionen hin. Ein weiteres Indiz liefert nun eine Studie der Universität Duisburg-Essen, die Anfang des Jahres im Fachmagazin Molecular Psychiatry erschien: Die Forscher spritzten zehn gesunden Probanden geringe Mengen eines Wirkstoffs (Endotoxin), auf den das Immunsystem heftig reagiert. Danach maßen sie die Menge an Zytokinen im Nervenwasser – einer klaren Körperflüssigkeit, die zwischen Gehirn und Rückenmark zirkuliert; darin vorhandene Stoffe landen also sehr wahrscheinlich auch im Gehirn. Tatsächlich fanden die Forscher im Nervenwasser erhöhte Werte des Zytokins Interleukin 6 (IL-6). Und: Je mehr IL-6 sie maßen, desto depressiver waren die Probanden. Das passte zu einer anderen Entdeckung: Auch bei Suizid-Opfern hatte man erhöhte Interleukin-Spiegel gefunden.

Nun können nicht nur Infektionen IL-6 in die Höhe treiben, sondern auch psychosozialer Stress. Japanische Wissenschaftler fanden bei gestressten Nagern einen erhöhten Gehalt an IL-6 im Blut. Die gestressten Mäuse schonten sich, wie es auch verschnupfte Menschen tun würden. Wenn aber die neue Depressionsthese stimmt, dann müsste sich eigentlich die Stimmung verbessern, sobald die Wirkung von IL-6 blockiert wird. Und tatsächlich – ein Antikörper gegen IL-6 machte die Versuchstiere quicklebendig. "Zusammengenommen ist es wahrscheinlich, dass peripheres IL-6 (...) bei Depression im Zusammenhang mit Entzündungen steht", fassten die Forscher ihre Arbeit im Mai dieses Jahres zusammen.

Anti-entzündliche Medikamente könnten die Stimmung heben

Muss die Depression jetzt zu einer rein körperlichen Erkrankung umdefiniert werden? Manfred Schedlowski, einer der Autoren der Duisburger Studie, warnt vor voreiligen Schlüssen: In Tierversuchen habe man zwar einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Stress, chronischer Entzündung und Depression nachweisen können, beim Menschen fehlten aber noch Belege für einen solchen Wirkmechanismus. "Es ist überhaupt nicht klar, ob man die Ergebnisse aus den Tierexperimenten auf den Menschen übertragen kann", sagt Schedlowski.

Doch auch Menschen sind aus medizinischen Gründen bereits mit bestimmten Antikörpern gegen Zytokine behandelt worden. Eine Auswertung von 20 entsprechenden Studien ergab, dass diese Substanzen, sozusagen als unbeabsichtigte Nebenwirkung, in der Tat einen antidepressiven Effekt hatten. Eine zwar interessante Beobachtung, doch erst eine kontrollierte Studie an der Berliner Charité, die eine Therapie von schweren Depressionen zum Ziel hat, soll hier für Klarheit sorgen: An der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie erhalten depressive Patienten, bei denen nichts anderes geholfen hat, das Antibiotikum Minocyclin. Die Ergebnisse der Studie werden für nächstes Jahr mit großer Spannung erwartet.

Der Maustest in Japan deutet aber noch in eine andere Richtung. Im Grunde ist die Zytokin-Antwort auf Bakterien nur eine allgemeine Körperreaktion auf Stressfaktoren aller Art. Seit einiger Zeit wird dauerhafter körperlicher und psychischer Stress mit einer ganzen Reihe von Erkrankungen in Verbindung gebracht: Depression, Herzerkrankungen, Diabetes und chronischen Schmerzen. Das Bindeglied scheinen dauerhafte Entzündungszustände zu sein, zum Beispiel durch übermäßiges Bauchfett. Zytokine fluten durch die Blutbahn der Patienten und lösen irgendwann Schwermut aus.

Vieles in der Wechselwirkung zwischen Immunreaktion und Psyche muss noch erforscht werden. Am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München setzen Wissenschaftler zu diesem Zweck Freiwillige gezielt unter Druck. Die Forscher vergleichen, wie gesunde und depressive Probanden mit psychosozialem Stress umgehen. Rund 100 Menschen haben sie bereits untersucht. Sie messen Stresshormone, erstellen DNA-Profile und analysieren, welche Gene der Körper unter Stress aktiviert. Hirnscans verraten, welche Areale bei sozialem Druck besonders aktiv sind und wie gut sich die Probanden nach dem Test entspannen.

All diese Daten sollen dabei helfen, das Rätsel zu lösen: Wo im Menschen steckt die Depression? Eher im Körper oder doch vor allem im Geist? Eines machen die bisherigen Studien aber schon jetzt klar: Körperliche Erkrankungen haben wohl einen deutlich größeren Anteil an der Entstehung der Depression als gedacht. Im Blut von etwa 40 Prozent aller Depressiven fanden die Forscher bisher erhöhte Zytokinwerte. Die Zahl spricht dafür, dass es sich bei der entzündungsbedingten Depression um eine Untergruppe handelt und es noch weitere Typen der Depression gibt, die ganz andere Ursachen haben. "Als klinischer Psychologe weiß ich, dass nicht bei jeder Depression eine chronische Entzündung vorhanden sein muss", sagt Manfred Schedlowski – "oft finden wir ausschließlich psychosozialen Stress."