Muss die Depression jetzt zu einer rein körperlichen Erkrankung umdefiniert werden? Manfred Schedlowski, einer der Autoren der Duisburger Studie, warnt vor voreiligen Schlüssen: In Tierversuchen habe man zwar einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Stress, chronischer Entzündung und Depression nachweisen können, beim Menschen fehlten aber noch Belege für einen solchen Wirkmechanismus. "Es ist überhaupt nicht klar, ob man die Ergebnisse aus den Tierexperimenten auf den Menschen übertragen kann", sagt Schedlowski.

Doch auch Menschen sind aus medizinischen Gründen bereits mit bestimmten Antikörpern gegen Zytokine behandelt worden. Eine Auswertung von 20 entsprechenden Studien ergab, dass diese Substanzen, sozusagen als unbeabsichtigte Nebenwirkung, in der Tat einen antidepressiven Effekt hatten. Eine zwar interessante Beobachtung, doch erst eine kontrollierte Studie an der Berliner Charité, die eine Therapie von schweren Depressionen zum Ziel hat, soll hier für Klarheit sorgen: An der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie erhalten depressive Patienten, bei denen nichts anderes geholfen hat, das Antibiotikum Minocyclin. Die Ergebnisse der Studie werden für nächstes Jahr mit großer Spannung erwartet.

Der Maustest in Japan deutet aber noch in eine andere Richtung. Im Grunde ist die Zytokin-Antwort auf Bakterien nur eine allgemeine Körperreaktion auf Stressfaktoren aller Art. Seit einiger Zeit wird dauerhafter körperlicher und psychischer Stress mit einer ganzen Reihe von Erkrankungen in Verbindung gebracht: Depression, Herzerkrankungen, Diabetes und chronischen Schmerzen. Das Bindeglied scheinen dauerhafte Entzündungszustände zu sein, zum Beispiel durch übermäßiges Bauchfett. Zytokine fluten durch die Blutbahn der Patienten und lösen irgendwann Schwermut aus.

Vieles in der Wechselwirkung zwischen Immunreaktion und Psyche muss noch erforscht werden. Am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München setzen Wissenschaftler zu diesem Zweck Freiwillige gezielt unter Druck. Die Forscher vergleichen, wie gesunde und depressive Probanden mit psychosozialem Stress umgehen. Rund 100 Menschen haben sie bereits untersucht. Sie messen Stresshormone, erstellen DNA-Profile und analysieren, welche Gene der Körper unter Stress aktiviert. Hirnscans verraten, welche Areale bei sozialem Druck besonders aktiv sind und wie gut sich die Probanden nach dem Test entspannen.

All diese Daten sollen dabei helfen, das Rätsel zu lösen: Wo im Menschen steckt die Depression? Eher im Körper oder doch vor allem im Geist? Eines machen die bisherigen Studien aber schon jetzt klar: Körperliche Erkrankungen haben wohl einen deutlich größeren Anteil an der Entstehung der Depression als gedacht. Im Blut von etwa 40 Prozent aller Depressiven fanden die Forscher bisher erhöhte Zytokinwerte. Die Zahl spricht dafür, dass es sich bei der entzündungsbedingten Depression um eine Untergruppe handelt und es noch weitere Typen der Depression gibt, die ganz andere Ursachen haben. "Als klinischer Psychologe weiß ich, dass nicht bei jeder Depression eine chronische Entzündung vorhanden sein muss", sagt Manfred Schedlowski – "oft finden wir ausschließlich psychosozialen Stress."